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11/19: BOX AND THE TWINS, SKEMER, NUOVO TESTAMENTO, VIRGIN TEARS - UNBESCHREIBLICH WEIBLICH

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Es ist irgendwie müßig darüber zu schreiben, dass wir es bei den kommenden Kurzbesprechungen mit Frauengesang zu tun haben. Denn ist es am Ende nicht schnurzpiepegal, wer nun vor dem Mikro steht? Vielleicht dann doch nicht ganz. Das hat weniger mit Gender- und Feminismusdiskurse als mit der Art und Weise, wie Frauen ihre Emotionen offen legen, zu tun.

Denn bei dem Kölner Duo Box & The Twins steht da erst einmal ein klirrendes Geräusch. Es ist der Beginn ihres zweiten Albums "Zerfall" und man könnte zunächst eine Furie dahinter vermuten, die in überbordendem Gefühlschaos vielleicht etwas nach ihrem Partner wirft. "Shadows", so der Titel des Openers, hätte nun mit wütenden Gitarrenriffs und jeder Menge Geifer starten können. Stattdessen setzt ein wabernder Klang wie Nebelschwaden ein und präsentiert Sängerin Box von Dü als einen somnambulen Geist, dessen emotionales Thermometer in den untersten Minusbereich abgesackt ist. "10 Songs Of Pain And Boredom" lautet die Unterüberschrift: Schmerz und Langeweile. Nicht unlangweiliger könnten aber diese Stücke im Spannungsfeld von Cold Wave, Post Punk und düsterem Dream Pop sein. Man darf Box & The Twins sogar beglückwünschen zu einem hochkarätigen Werk, das nach ihrem Debüt "Everywhere I Go Is Silence" griffiger und pointierter klingt. Das liegt nicht zuletzt an Box von Düs Gesang, der so unnahbar und gleichsam auch intim klingt. Deutlicher kann das nicht herausgearbeitet werden als in ihrem ersten deutschsprachigen Song "Dein Herz schlägt noch", einer Herzschmerzballade der grausamsten Art: "Deine leeren Hände sortieren mich aus. Du wirfst das Schlechte weg und das Gute auch." Diese monströsen Zeilen als hoffnungslos zu bezeichnen, wäre fast eine Untertreibung. Womit wir auch wieder eine Verknüpfung zum Albumtitel haben. Denn alles Lebendige auf Erden unterliegt mit Beginn ihrer Erscheinung gleichzeitig einem fortwährenden Zerfallsprozess. Da, wo es betrüblich wird, sind Box & The Twins zu Hause: "Und wir retten uns im vereinten Zerfall" heißt es dann auch fast heroisch im Titelstück. Die Schönheit des Verwelkens wird nicht nur auf dem Plattencover deutlich, sondern auch in der Musik des Duos, welche mit zum Traurigsten und gleichzeitig Schönsten gehört, was dieses Jahr auf den Markt gekommen ist.

Solch Zermürbung erwartet man bei der belgischen Band Skemer zunächst nicht. Der Albumtitel "Benevolence", zu deutsch etwa: Gutmütigkeit, verspricht dann eher etwas weiches, liebevolles. Doch diese hoffnungsvollen Momente zerstäuben, als hätte man in Mehl geblasen, sobald man das Albumcover erblickt und die ersten Takte von "Shout Or Cry" erklingen. Eher fühlt man sich bei dem auf den Beckenbereich zielenden, knochentrockenen Dark Wave an schummrige Fetish-Parties erinnert, die in diversen Kellergewölben dieser Republik allwochenendlich stattfinden. Dieser erotische Einschlag liegt nicht nur an Mathieu Vandekerckhove, der mit seinen kompromisslos unschnörkeligen, dominanten Beats laszives Lederpeitschenflair heraufbeschwört, sondern auch an Kim Peers stimmlicher Performance. Zwar wird sie nicht mehr zu den großen Kehlen zählen (eigentlich ist Kim ja auch Model), und dennoch gereicht die gesangliche Unzulänglichkeit ihr nicht zum Nachteil. Denn ob nun bewusst oder unbewusst, entsteht durch ihren halben Sprechgesang ein Zwischenuniversum, in dem sich die Sängerin von Devotion zur Dominanz bewegt. Man weiß nie, ob sie gleich die Gerte schwingt oder am Boden liegt und den Schmerz empfängt. "Benevolence" folgt dabei einem inneren Spannungsbogen, das seinen Höhepunkt in "Best" findet. Tonnenschwer hämmert der Computerbeat, Sequenzen fliegen wie Stroboskopblitze um die Ohren, Kim trägt ihren Text seltsam distanziert verhallt vor und auch Mathieu ist im Hintergrund zu hören. Wer sich an die späteren Werke von Kirlian Camera oder auch Die Form erinnert fühlt, liegt da nicht ganz falsch. Doch spätesens bei "Heartbreak" klart die Stimmung auf und weiche, melodiöse Post-Punk-Elemente lassen einen dann doch glauben, dass Skemer sich nicht vollständig auf die dunkle Seite gestellt haben. Das Pärchen jedenfalls zeigt sich von beiden Welten genussvoll beglückt.

Ein nicht minder düsteres, vielleicht aber doch ätherischeres Debüt liefert uns das amerikanisch-italienische Trio Nuovo Testamento mit "Exposure". Es handelt sich dabei um ein Mini-Album mit sechs Songs, die sich aber nicht so anhören, als würden Sängerin Chelsea Crowley, Keyboarder Giacomo Zatti und Gitarrist Andrea Mantione erst seit gestern mit ihren Instrumenten vertraut sein. Wie Skemer bei Avant! Records beheimatet, liefert dieses Dreiergespann einen sehr abgeklärten und gleichzeitig mitreißenden Coldwave ab, hinter der man eine langjährige Erfahrung vermutet. Und diese Vermutung ist richtig: Alle Bandmitglieder haben sich bereits in anderen Formationen, unter anderem Horror Vacui, Sheer Mag und Crimson Scarlet ausgetobt -zugegebenermaßen mit überschaubaren Erfolg. Das könnte sich aber nun mit "Exposure" anders verhalten. Das klangliche Konglomerat aus eiskalten Electro-Beats, spröden Synthesizer-Parts und grummligen Gitarren erhalten durch die klare, aber dennoch weiche Stimme von Chelsea einen unverkennbaren 80er-Touch. Damit geht auch eine unverschämte Tanzbarkeit der Stücke einher, besonders "Cascade" und "Gold" verfügen über perfekt austarierte Rhythmussektionen, die völlig unterschiedlich ausfallen: geradeauslaufender Vierviertelbeat bei Erstgenanntem, stolpernd und dennoch treibend bei Letzterem. Im Interludium "Hymn I" zeigt sich Nuovo Testamentos Fähigkeit, sich auch mal nur auf breit geknüpfte Soundflächen zu verlassen. Selbst hier halten die drei Musiker ihre Spannung. Mit "Hush" und "Love Alone" werden noch einmal alle Register in Sachen Schmissigkeit gezogen, wenngleich das überbordende Gefühl der Traurigkeit stets bestehen bleibt. "Exposure" entspricht ihrem Albumtitel und enthüllt eine neue Gruppe, die am Anfang von etwas Größerem stehen könnte.

Doch der Newcomer nicht genug: Linda Lace und Anthony Forest sind die nächsten, die sich anschicken, mit ihrer Vorstellung von trister Tanzmusik die Hörerschaft zu erreichen. Als Virgin Tears arbeitet das in Hamburg beheimatete Zweiergespann auf ihrem ersten Lebenszeichen, einer EP namens "The Beuaty Of Broken People", einen sehr transparenten Cold Wave aus, der vor allem durch vorgelagertes Schlagwerk und in Hall eingewickelte Saiteninstrumente so unprätentiös wie eindringlich einen federleichten und dennoch allgegenwärtigen Weltschmerz propagiert. So wie das Cover der EP, die Zeichnung "The Death of Love" der britischen Künstlerin Dorothy Tennant von 1888, vereinigt sich auf den vier kurzen Stücken Schmerz und Schönheit zu einem transzendierenden Hochgenuss, der die Sehnsucht nach weiteren Veröffentlichungen der beiden wachsen lässt. Vorerst erquicken wir uns aber an den Songs, die ihrerseits ihrer Gegenwärtigkeit bewusst sind, sich aber gleichzeitig in einigen Momenten auch in die Cold-Wave-Vergangenheit zurückträumen. In der Regel geschieht diese Vermischung von alt und neu auf sehr behutsame Weise, sodass in keinem Moment daran gezweifelt werden muss, mit welch klarem Konzept die beiden ans Tagwerk gehen. Dass in der Gitarrenfigur vom abschließenden "Amazing Paradise" aber dann doch The Cures "A Forest" derart auffällig zu vernehmen ist, kann nur als kleine Schelmerei, als Wink mit dem Post-Punk-Zaunpfahl gedeutet werden. Denn in keinem anderen Stück tragen Virgin Tears das musikalische Erbe wie eine Monstranz derart vor sich her. Hier wird wohl mit den Erwartungen und den Schubladen, in die man die beiden stecken möchte, gespielt. Dabei bleibt Linda am Mikro im höchsten Maße und, ganz nach Nina Hagen, unbeschreiblich weiblich.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 10.12.19 | KONTAKT | WEITER: YANN TIERSEN VS. GIAN MARCO CASTRO>

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Webseiten:
www.boxandthetwins.com
www.facebook.com/SKEMER.OFFICIAL
nuovotestamento.bandcamp.com
www.virgintears.de

Covers © Synth Religion (Box & The Twins), Avant! Records (Skemer, Nuovo Testamento), Reptile Music/Altone (Virgin Tears)

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