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LAUT FRAGEN "MEINE SCHREIE" VS. SPITZWEGERICH "LARVENZEIT": AUSTROIRDISCH GUT

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Wenn der Österreicher Hochkultur und Subkultur aufeinanderprallen lässt, geschieht das auf eine erstaunlich unverkrampfte Weise. Da hat schon ein Hubert von Goisern dem Alpenklang neue Rock-Impulse gegeben, Falco den HipHop von der Straße auf die alpenländischen Discoböden geholt und Wanda dem Indie-Rock mit ihrem Wiener Schmäh eine ganz eigene Richtung zugewiesen.

Hinter diesen glanzvollen Namen befinden sich zwar weniger bekannte, aber nicht minder begabte Künstlerinnen und Künstler. Zwei haben bereits im vergangenen Jahr besonders auf sich aufmerksam gemacht: Maren Rahmann und Didi Disko. Als Electro-Punk-Duo Laut Fragen vertonten sie Widerstandslyrik aus Österreich und verschafften somit einigen fast vergessenen Schriftstellern wieder Gehör. Das Album "Facetten des Widerstands" war eines zur "rechten" Zeit, in der Populisten erschreckend salonfähig geworden sind und sich demokratische Parteien - wenigstens gefühlt - sich so stark wie nie zuvor mit diesen Strömungen auseinandersetzen müssen.

Mit ihrer aktuellen EP "Meine Schreie" setzen sie sich erneut mit Gedichtsvertonungen auseinander. Dieses Mal sind es jene von Ingeborg Bachmann (1926-1973), der vielleicht wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellerin des letzten Jahrhunderts. Sie prägte als Intellektuelle die Lyrik der Nachkriegszeit maßgeblich. Besonders ihre leidenschaftliche Laision zu Max Frisch, die nur wenige Jahre hielt und dessen Ende sie nie richtig verkraften konnte, bleiben in Erinnerung.

In diesem Punkt steigt nun Laut Fragen ein, die mit "Alkohol" und "Meine Schreie" zwei Gedichte aus dem posthum erschienenen Sammelband "Ich weiß keine bessere Welt. Unveröffentlichte Gedichte" stammen. Es handelt sich dabei um Aufzeichungen aus den Jahren 1962-64, als Bachmann und Frisch getrennte Wege gingen und vor allem die Autorin unter diesem Verlust stark gelitten hat.

Deswegen standen manche dieser Veröffentlichung aus dem Jahr 2000 kritisch gegenüber. Bachmann habe sich in einer schwierigen Situation befunden, ihre Lyrik spiegele ihre zerrüttete Seele wieder, sei aber weit von der sprachlich ästhetischen Qualität ihrer früheren Bände "Die gestundete Zeit" und "Anrufung des großen Bären" entfernt, so die Argumentation. Auch sei es fraglich, ob sie diese Gedichte jemals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hätte.

Auf der anderen Seite geben gerade diese wie hektisch und konfus hingeschriebenen Worte vielleicht einen authentischeren und unmittelbaren Blick auf die Autorin als unangepasste und am Leben (ver)zweifelnde Frau, die im Kunstbetrieb aufblüht, im echten Leben versagt. Laut Fragen setzen dieser expressiven Dichtkunst ihre aus an Einstürzende Neubauten erinnernden Krach-Rock und New Wave zusammengebauten Sounds entgegen und machen die Lyrik und damit auch die Schriftstellerin als leidenschaftliche Existenzialistin greifbarer, die in ihren letzten Jahren mit Alkohol und Tabletten ihr Leben zu betäuben versuchte.

Und in "Was wir haben ist nichts", das auf ein Interview mit Gerda Heller basiert, wird Bachmann auch als politische Person sichtbar, als große Utopistin, gequält von Selbstzweifeln, die schließlich mit "Wenn endlich endlich kommt" den Umsturz der Welt herbeisehnt. Laut Fragen haben mit dieser nur elf Minuten langen EP das anarchistische Moment in Bachmanns Leben herausgekitzelt. Dabei glänzt Maren als freigeistige und feurige Interpretin, die sich in die Texte förmlich hineinwirft, sie schreiend, delirierend oder auch verletzlich vorträgt, während Didi Disko die perfekte klangliche Begleitung darreicht. "Meine Schreie" ist kurz und intensiv - wie Ingeborg Bachmanns Leben selbst.

Intensität ist die Quintessenz aller Kunst. Sie muss bewegen, aufrütteln, Gefühle in einem wach werden lassen. Das Medium dafür kann Musik, eine Skulptur oder ein Theaterstück sein. Oder es kann wie bei Spitzwegerich viele Elemente zusammenbringen. Dann spricht man bekanntlich von einem Gesamtkunstwerk. Ein ebensolchen Ansatz verfolgen Birgit Kellner und Christian Schlechter, als sie Spitzwegerich ins Leben gerufen haben, das als Plattform für Objekt und Figurentheater dient.

Üblicherweise bleibt man auch in den Künsten "gerne unter sich" und kollaboriert höchstens mit den eigenen Kollegen. Spitzwegerich verfolgt jedoch einen anderen Weg: Von Anfang an gingen Kellner und Schlechter mit ihrer Idee in Kontakt mit Künstlern aus anderen Bereichen. Mittlerweile ist das Team auf 15 Mitgleidern angewachsen.

Darunter sind auch Manfred Engelmayr und Simon Dietersdorfer. Der eine macht seit einiger Zeit unter den Pseudonymen Bulbul und Raumschiff Engelmayr Musik, der andere tritt als Schauspieler in Film und Fernsehen sowie auf Bühnen auf und verdingt sich als cimonfenix auch musikalisch. Sie haben nun den Soundtrack zu den Aufführungen des Kollektivs als EP herausgebracht.

Der Spitzwegerich, so sagt es uns das Internet-Lexikon Wikipedia, ist eine Heilpflanze, deren geriebene Blätter beispielsweise bei Insektenstichen schmerzlindernd und kühlend wirkt. Womit wir auch schon beim Thema der Platte sind. Zumindest was die erste Hälfte angeht. Denn die ersten drei Songs entstammen der Performance "Welcome To The Insects" und beleuchtet das Leben der zumeist im verborgenen lebenden Tiere, die übrigens den größten Teil der Biomasse unseres Planeten ausmachen.

Dementsprechend morastig klingen auch die technoiden Songs, erhalten durch eine starke Basslastigkeit etwas Erdiges, während flirrige Melodien die Fortbewegung der kleinen Tierchen in Töne umwandelt. Ganz nebenbei schaffen sie mit "Bugplug" auch noch einen herrlichen Dada-Rap-Track, der in seiner Ausrichtung ein bisschen an "Wadde Hadde Dudde Da?" von Stefan Raab erinnert, aber natürlich wesentlich cooler in seiner Komik wirkt und ohne den dusseligen Klamaukfaktor des Entertainers a. D. auskommt.

Die zweite Hälfte der Platte stammt aus dem Stück "Einfrieren, Hochladen, Weiterleben", das gleichzeitig die dystopische Vision von tiefegekühlten Gehirnen, die auf ihr Auftauen in einer Zukunft ohne Körper warten, und ein Seitenhieb auf unseren ständigen Optimierungswahn unserer Leiber ist. In "Wartesemmel" manifestiert sich diese düstere Science-Fiction in beklemmend technoiden Strukturen. Doch bereits "Neues Spiel" karikiert mit punkig-perkussivem Sound diese Szenerie und macht die Kryonik zur Samstagabendshow.

Selbst die vordergründig melancholischen Flächen von "Junges Blut" werden durch sedierten deutsch-englischen Sprechgesang gebrochen. Der Song hat etwas von Falco auf Valium, die Reime sind dabei wuderbar verdreht - wie alles bei "Larvenzeit" einen latenten Hang zum Wahnsinn hat, ohne aber in den kompletten Nonsense zu verfallen, sondern stets eine Idee oder eine These als Ausgangspunkt einer Diskussion, die im besten Fall nach dem Hören der Songs oder dem Beiwohnen der Performances der Truppe beginnt, in sich trägt.

Spitzwegerich und Laut Fragen machen sich frei von jeglichen Schubladendenken und folgen ihren eigenen Leitlinien. Daraus entsteht großartige Kunst, welche die Hochkultur als Vehikel nimmt und sie für die Subkultur einsetzt. Dabei wird nie geätzt oder anarchisch dagegen angetreten. Vielmehr entsteht eine inspirierender Wettkampf zwischen den beiden Welten. Und am Ende steht meistens ein hochwertiges Produkt made in Austria.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 06.07.21 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 11/21>

Webseite:
lautfragen.bandcamp.com
www.spitzwegeriche.at

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Cover © Numavi Records (Lau Fragen),  Siluh Records (Spitzwegerich)

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