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DAVID BOLDT UND MAREKE MÜLLER (OBEN AGENCY): "EIN STREAM WIRD NIEMALS EIN KONZERT ERSETZEN"

Im Gespräch

Die Kunst- und Kulturbranche ist durch das Corona-Virus hart in Mitleidenschaft gezogen worden. Vielen Schriftstellern und Musikern brechen die Einnahmen weg und ein Ende dieser Misere ist nicht abzusehen. Aber Not macht bekanntermaßen auch erfinderisch. Exemplarisch dafür steht die noch junge Berliner Agentur Oben, die im Juni Konzerte einiger namhafter Komponisten aus der Neo-Klassik via Stream in die Haushalte bringen will. Für die User sind diese Kurz-Auftritte kostenlos, um Spenden wird aber gebeten. Wie überhaupt die beiden Geschäftsführer David Boldt und Mareke Müller wünschen, dass der Kunst und den Kunstschaffenden wieder mehr Wertschätzung - auch monetär - entgegengebracht wird.

Die Corona-Pandemie hat uns fest im Griff. Wie sehr trifft es die Agentur Oben, die ja noch relativ jung ist?

David Boldt: Uns gibt es nun seit knapp über einem Jahr, und wir haben es in 2019 geschafft, Veranstaltungen umzusetzen, die eine gute Basis für eine langfristige Existenz sein könnten. 2020 sollte es mit einer höheren Schlagzahl an Konzerten weitergehen, dann wurden wir ausgebremst. Was aber nicht bedeutet, dass wir aufgeben. Wir schauen mit einer positiven Grundhaltung in die Zukunft und nutzen die Zeit, um neue Ideen zu finden und Konzepte zu erstellen – generell uns weiterzuentwickeln. In der Kulturbranche herrscht aktuell fast völliger Stillstand und keiner weiß wann und wie es genau wieder weitergeht..

Welche dramatischen Ereignisse habt ihr schon erlebt?
David: Uns trifft es zum Glück nicht ganz so schlimm. Mareke hat einen Fulltime-Job in der Schule. Wer hätte gedacht, dass sich das als systemrelevant erweist. Ich selbst hatte Glück. Mein Grundeinkommen ist gesichert, weil mein zweites Standbein sich als stabil erweist. Es gibt aber einige Künstler im Bekanntenkreis, die durch die ausbleibenden Einnahmen aus nicht stattgefundenen Konzerten u.a. alte wunderschöne Instrumente verkaufen mussten. Das und die Tatsache der Ungewissheit, die einen wie pochende Kopfschmerzen oder Sodbrennen nicht loslassen, gehört leider auch zum aktuellen Alltag.

Ihr habt Euch jetzt trotz der Widrigkeiten zu einem spannenden Projekt entschlossen, das Künstler aus dem Bereich der modernen Klassik in die Wohnzimmer bringen soll. Erzählt mal darüber...
Mareke Müller: Wir hätten im März mehrere Konzerte im Bereich der modernen Klassik – besser Neoklassik – veranstaltet. Darunter auch unser Herzensprojekt, unsere Interpretation des Piano-Days. Wir hatten die Agentur gegründet, weil wir eben auch gerade in diesem Genre Veranstaltungen organisieren wollten. Und nun das!
David: Im Clubleben fand man schnell zum Stream, um zu zeigen „uns gibt es noch und soll es weiter geben". „United we stream" war geboren und löste eine Welle aus. Jeder Lagerfeuer-Gitarren-Casanova startete einen Stream, leider oft ohne Ankündigung. Unsere Idee: Wir wollen keinen Ersatz! Unsere Konzerte wird es wieder geben und die von uns promoteten Künstler sind wirklich live sehenswert!
Mareke: Darum haben wir uns gedacht, wir machen etwas für Musikliebhaber. Kleine „Appetizer", in denen Künstler uns für 25-30 Minuten mitnehmen zeigen, worauf wir uns freuen sollten. Wir wollen Neu-und Wiederentdeckungen bieten. An Frühsommerabenden wecken wir Vorfreude auf Konzerterlebnisse in der kommenden kalten Jahreszeit... und letztlich hoffen wir damit den Künstlern zu helfen.

Auf welche Ereignisse dürfen sich die User ab wann freuen?
David: Es geht im Juni los. Jede Woche gibt es ein kleines Konzert von Künstlerinnen und Künstlern und weitere Überraschungen. Immer mit Liebe ausgewählt.

Über welchen Auftritt freut ihr euch persönlich am meisten?
Mareke & David: Besonders freuen wir uns Martyn Heyne, den wir beide schätzen und gerne immer wieder anderen vorstellen wollen, aber auch über Künstlerinnen wie Ami Dang, die man aus der Zusammenarbeit mit der kanadischen Sängerin Grimes kennt.
David: Außerdem freue ich mich auf den Isländer Högni, Mitglied der Band GusGus, der uns mit einem wirklich besonderen Set begeistern wird.

Wie organisiert man solche „Events" und welche Aufgabe ist Euch zuteil?
Mareke: Ehrlicherweise muss man zugeben, dass wir uns Hilfe geholt haben bei der Entwicklung des Projektes. Wir hatten an der Seite einen erfahrenen Projektleiter, der selbst ursprünglich aus dem Veranstaltungsbereich kommt, aber seit vielen Jahren jetzt in der Kommunikations- und Werbebranche arbeitet.
David: Ich muss zugeben, ich bin vielleicht nicht immer der Organisierteste, vielleicht auch eine Art "zerstreuter Professor", aber dafür gibt es meine Geschäftspartnerin die mich hier mit ihrem "Schulterblick" unterstützt und wir geben hier oft ein wirklich gutes, vielleicht manchmal unkonventionelles Team ab. Darüber hinaus würden wir das ohne unsere Freunde und Bekannten nicht umsetzen können. Gegenseitige Unterstützung ist die Basis.

Handelt es sich dabei um einen Art Versuch, der bei Erfolg wiederholt wird?
David: Was gibt es schöneres, als etwas zu schaffen, was Bestand hat und sich vielleicht etabliert? Wir glauben daran und können uns gut vorstellen, das ganze Projekt über den bisher geplanten Zeitraum am Laufen zu halten.

Die Konzerte sind frei zugänglich. Um Spenden wird gebeten. Ist das ein zukunftsträchtiges Modell? Immerhin fällt immer wieder der Begriff der „Gratis-Kultur" im Internet negativ
auf?
David: Ein Stream wird niemals ein Konzert ersetzen. Denk an das Gefühl, wenn du von der Arbeit kommst, dich den ganzen Tag beziehungsweise schon Wochen davor auf diesen Abend gefreut hast, die Tickets in die Jackentasche steckst, die vorher an deinem Kühlschrank von einem Magneten festgehalten wurden, du deinen besten Freund oder Freundin mit einer herzlichen Umarmung begrüßt, die erste Runde an der Bar übernimmst und wie du dann nach dem Konzert verschwitzt und voller Euphorie durch die Straßen der Großstadt mit der Bahn fährst und dich mit heiserer Stimme verabschiedest. Dann weißt du, wie schön das alles sein kann....
Mareke: Es stimmt schon: Man muss sehr aufpassen, wie man jetzt mit dem Thema umgeht. Vielleicht komme ich zu stark aus dem Bereich BWL/Marketing, aber auch wenn man es nicht wahrhaben möchte: Kunst und Kultur sind Produkte, die vermarktet werden und es muss ein gesellschaftliches Bewusstsein bestehen, hier eine "Grundversorgung" zu sichern. Aber ein bisschen ist jeder auch in der Pflicht, ein Überlebenspragmatismus zu entwickeln. Wir sehen unser Projekt bewusst als "Werbung" für das Live-Erlebnis und haben deshalb eben auch das kürzere Format gewählt und nicht das simulierte Konzerterlebnis.
David: Ich bin aber überzeugt, dass durch die aktuelle Präsenz der Streams sich auch diese Formate weiterentwickeln und Bestandteil der Kultur werden. Gemeinsam sind alle Beteiligten gefordert ein Erlösmodell zu entwickeln, um dem Gratisgedanken Einhalt zu gebieten. Ich bleibe dabei: Der Bereich, in dem wir uns bewegen, nennt sich Kultur-und Kreativwirtschaft. Wir müssen es schaffen, dass auch die Akteure selbst sich stärker professionalisieren und sich damit auseinandersetzen, wie man sich wirtschaftlich absichert und wie man eine Basis für die Überbrückung von Krisensituationen schafft. Man kann ja nicht pauschalisieren und sagen: allen geht es aktuell schlecht.

Generell bemängeln die Künstler, dass ihre Situation viel zu wenig Beachtung in den Medien erhält, weil sie als nicht "systemrelevant" angesehen werden. Empfindet ihr genau so?
Mareke:
Systemrelevant – vielleicht das Unwort des Jahres 2020. Es ist jedem bewusst, wie wichtig Kunst im Leben der Menschen ist. Wir müssen aber ehrlich sein: Man erkennt oft erst in solchen Situationen wie der Corona-Krise, welche Bereiche, die wir oft gar nicht wertschätzen und als gegeben hinnehmen, existenziell für eine Gemeinschaft sind. Auch wenn es ein wenig gedauert hat, Bund und Länder haben mit ihren Hilfsmaßnahmen mittlerweile gerade für den Bereich der Kultur teilweise großzügige und schnelle Zwischenlösungen angeboten.

Wie sehr wird sich die Kulturlandschaft nach Corona verändern? Welche Chancen und Risiken seht ihr in dieser Situation?
Mareke: Das ist eine wichtige Frage, die man auch stellen muss. Zum einen haben wir in Deutschland ein System der staatlichen Grundsicherung, was den öffentlichen Kulturbetrieb angeht. Damit meine ich in Berlin unsere Theater und Musiktheater und das Konzerthaus. Darüber hinaus gibt es ja auch weiterhin Förderungen aus öffentlicher und privater Hand. Ich glaube, in dem Bereich werden wir weiterhin keine Einschränkungen haben. Wirklich treffen wird es die selbstständigen Künstlerinnen und Künstler und die freien Unternehmen. Alle werden sich darauf einstellen müssen, dass voraussichtlich für die nächsten eineinhalb Jahre weniger Einkommen bei den Nachfragern ihrer Leistungen besteht. Seien wir ehrlich: Aktuell ist jeder Dritte in Deutschland von Kurzarbeit oder ähnlichem betroffen. Die sich vor Corona abzeichnende Rezession wird mit voller Wucht sicher jeden zweiten Haushalt treffen. Alle werden sich auf Einschränkungen beim Konsum einstellen müssen. Kulturgenuss gehört leider zur Freizeitwirtschaft. Hier wird wohl erst einmal gespart werden. Was bedeutet das? Es wird möglicherweise eng werden. Durch das Entdecken neuer Möglichkeiten des Konsums wie beim Streaming könnte es ähnlich dramatische Ausmaße erreichen wie Anfang des Jahrtausends wo die komplette Musikindustrie sich grundlegend veränderte.

|| INTERVIEW: DANIEL DRESSLER | DATUM: 25.05.2020 |  KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 6/20>

FOLGENDE KÜNSTLER WERDEN AN DIESEN TAGEN ZU SEHEN SEIN:

04. Juni 2020  Harvey Causon

11. Juni 2020  Simeon Walker

18. Juni 2020  Martyn Heyne

25. Juni 2020  Niklas Paschburg

DIE STREAMS BEGINNEN JEWEILS UM 20:30 UHR


Webseite:
www.obenofficial.com

Fotos © Vincent Möller (David Boldt), Natalia Luzenko (Niklas Paschburg), FELD/Dan Lezz (Martyn Heyne)

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