HOUSE OF HARM "VICIOUS PASTIMES" VS. KORINE "THE NIGHT WE RAISE" VS. THE SEARCH "HEART'S RACING": FLY ON THE WINGS OF WELTSCHMERZ - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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HOUSE OF HARM "VICIOUS PASTIMES" VS. KORINE "THE NIGHT WE RAISE" VS. THE SEARCH "HEART'S RACING": FLY ON THE WINGS OF WELTSCHMERZ

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Gemeinhin wird den 1980ern die größte Pop-Akzeptanz nachgesagt. In kaum einer anderen Dekaden haben so viele verschiedenen Stile eine breitere Zustimmung gefunden. Von naiver Elektronik bis hin zu schlageresken Pop-Nummern war eigentlich alles dabei, was ein bisschen modisch daherkam und den Zeitgeist getroffen hat.

Besonders ab Mitte der 80er haben Gruppen wie China Crisis, Cock Robin, The Dream Academy und schlussendlich auch The Cure flauschigen, großzügig arrangierten Pop mit Melancholie-Einschlag geschaffen. In dieser Genealogie stehen nun auch House Of Harm. Ihr Album "Vicious Pastimes" ist ein klang gewordener goldener Oktober, bei dem die Sonnenstrahlen ein gleißendes Licht auf die bereits kälter werdenden Tage wirft.

Das Trio stammt aus Boston, eher für seine prosperierende Hardcore-Szene bekannt. Davon sind House Of Harm natürlich meilenweit entfernt. Für sie zählt melodisch Ästhetik, die sie bereits beim Opener "Isolator", das von ganz weitem auch Depeche Mode zuwinkt, in voller Pracht erblühen lassen. Dabei halten sich helle Synthieflächen und einnehmende Gitarrenklänge perfekt die Waage. Die dezente Shoegaze-Orientierung der Saiteninstrumente verleiht den Songs zudem etwas Schwereloses.

Um aber nicht Gefahr zu laufen, konzeptuell redundant zu werden, bauen House Of Harm kleine Überraschungen ein. So schaudert es in "Against The Night" dank unheilvoller Sounds ganz ordentlich und wird im weiteren Verlauf zu einer albtraumhaften Vision, die sich vom eher unbedarften Schwermuts-Pop deutlich abgrenzt und deswegen besonders heraussticht.

House Of Harm gelingt zudem auch, ihr Debüt eine juvenile Frische durch Up-Tempo-Kompositionen wie "Catch", "Waste Of Time" und "Control" zu verleihen, ohne aber dabei in einen überdrehten Habitus abzudriften. Die treibenden Rhythmen werden durch lang gezogene Keyboardlinien und einem angenehm ruhigen Gesang ausgebremst, sodass selbst in diesen Songs keine Hektik aufkommt und immer noch das Gefühl einer unerklärten Traurigkeit in den Nummern schwingt.

Dass diese Band mit "Vicious Pastimes" ein überzeugendes Debüt abliefern würde, war bereits nach den ersten, auf Kassette erschienenen, EPs und den Auftritten als Support-Act unter anderem von den Editors und She Past Away fast schon eine logische Folge. Von House Of harm wird man sicherlich noch einiges hören.

Auch Korine dürfen sich das Etikett "Heißer Scheiß" ans Revers heften, denn das aus Philadelphia stammende Duo vermischt, ähnlich wie House Of Harm, die unnachahmliche Eingängigkeit diverser 80er-Nummern mit aktuellen Produktionsmethoden. Dabei greifen Korine noch tiefer in die Melodienkiste und suchen nach den markanten Hooklines, die in "Fate" das erste Mal gewaltig zünden.

Nach ihrem Erstling "New Arrangements" von 2018, das sogar noch deutlich Italo-Disco-Anleihen aufweist, zeigen sich Morgy Ramone und Trey Frye erwachsener und auch ein Stück weit nachdenklicher. Die teilweise flippige Elektronik ist einem entspannteren, weicheren Flächensound gewichen, wobei die Rhythmussektion immer wieder und mit wachsender Begeisterung den fickerigen Synthie-Pop-Beat der frühen 80ern (inklusive der so markanten Fills elektronischer Toms) zum Vorbild nimmt.

In manchen Momenten, allen voran bei "When We're One", reichen sie sogar an die großartigen New Order heran, indem sie die Gitarren und Synthesizer so geschickt vermischen, sodass sie wie die großen Briten ebenfalls auf der Schnittstelle zwischen Alternative und Pop ein beschwingtes Tänzchen wagen. Das gelingt wahrlich nur selten.

Vor allem aber ist es das gesamte Arrangements, das bei "The Night We Raise", einer Zeile, die sie übrigens aus dem abschließenden "Cast" (ein Song, der das fast schon vergessene Stilmittel des Fade-Outs wieder aufleben lässt) entnommen haben, immer wieder für eine Mischung aus guter Laune und leichter Nostalgie sorgt. Mit einer gehörigen Portion Pathos, das sich durch akzentuierten Halleffekt auf die alerte Stimme Treys manifestiert, nimmt das zweite Album von Korine den Hörer sofort gefangen. Oder wie es Spandau Ballet mal so knapp formulierten: "You are gold".

In ähnlichen Gefilden wanderten zuletzt auch das schwedische Projekt The Search. Die letzten beiden Alben "A Wave From The Sidelines" und "Some Place Far Away" boten feinsten Synthesizer-Klang im Entspannungsmodus an. Davon ist "Heart's Racing" etwas abgewichen. Zumindest beschleicht einen das Gefühl, das Mastermind Razmig Tekeyan einen anderen Kurs einschlagen will. Wie sonst ist der intensive Gebrauch der Akustik-Gitarre bei "Saturday Night" zu erklären?

Doch dann wechselt er unvermittelt mit dem darauf folgenden "Under The Radar" in den leichtfüßigen Synthie-Sound, wie er es auf den letzten beiden Alben so wunderbar praktiziert hat. Der nächste Hakenschlag folgt aber bereits auf dem Fuß. "When The Stars Align" arbeitet mit einem transparenten E-Gitarren-Sound, der den Begriff von Pop voll und ganz ausfüllt und sogar den Singer-/Songwriter Tekeyan durchscheinen lässt.

Und so langsam dämmert's einem: The Search führen bei "Heart's Racing" den Hörer ein bisschen an der Nase herum. Denn all diejenigen, die Razmigs Projekt  das Etikett "Synth-Pop" oder gar "Synth Wave" verpasst haben wollen, sehen sich nun einer stilistisch völlig anderen Begebenheit gegenüber. Dennoch bleibt The Search als Band erkennbar. Denn ob nun Akustik- und Stromgitarren oder elektronische Klangerzeugung: Bei The Search geht es in erster Linie um die Melodie, die immer wohlfeil und mit einer gewissen Liebe zur Eingängigkeit erdacht ist.


Gerade bei den Rock-Nummern wie "Tracker Of Kicks" und "The Driving Rain" würde man nicht daran zweifeln, wenn einem diese Songs als vergessene Juwelen aus dem Jahre 1985 angepriesen werden. Das Erstaunlichste an diesem Album ist jedoch, dass sie gerade mal ein halbes Jahr nach "Some Place Far Away" erscheint. Der Vorgänger ist quasi noch presswarm, da schießt The Search gleich ein weiteres Werk mit insgesamt 18 Songs und 75 Minuten Laufzeit nach. Und fast wirkt es so, als seien die beiden Vorgängeralben nur nette Fingerübungen für das gewesen, was sich auf "Hearts Racing" in voller Pracht entfaltet.Das neue Album offenbart erst richtig, welches künstlerisches Potenzial in Razmig schlummert. Er hat ein kleines Meisterwerk geschaffen.

Alle drei besprochenen Alben gelingt das Kunststück, das Gefühl einer kurzen Zeitspanne der Popmusik aufzuleben, in dem sich die Begriffe "Indie" und "Pop" so nah wie nie zuvor gekommen sind. Derart unbeschwert und gleichzeitig anspruchsvoll war Pop und Rock vorher und nachher nie wieder. Dass aber diese Musik scheinbar nicht vergessen ist, stimmt einen am Ende so fröhlich-melancholisch wie die Platten selbst es tun.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 05.10.20 | KONTAKT | WEITER: VA "SPOTLIGHT" VS. VA "ZEITGEIST VOL. 13">

Webseite:
houseofharm.bandcamp.com
korine.bandcamp.com
thesearch.bandcamp.com


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COVER © AVANT! RECORDS (HOUSE OF HARM), OTHER VOICES RECORDS (KORINE), AENAOS RECORDS/ALTONE DISTRIBUTION (THE SEARCH)

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