GOLDEN APES "SCATTERED LIGHT - A REFLECTION OF THE MUSIC OF GOLDEN APES", "OUR ASHES AT THE END OF THE DAY" - GROSSE JUBILÄUMSSAUSE - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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GOLDEN APES "SCATTERED LIGHT - A REFLECTION OF THE MUSIC OF GOLDEN APES", "OUR ASHES AT THE END OF THE DAY" - GROSSE JUBILÄUMSSAUSE

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Irgendwann kommt der Punkt, an dem man kurz stehenbleibt, innehält, reflektiert. Über das Geschehene und das, was vor einem liegt. Dem Brüderpaar Peer und Christian Lebrecht dürften die letzten Stunden des vergangenen Jahres sicherlich diese Momente bereitgehalten haben. Denn vor 25 Jahren haben sie den Entschluss gefasst, Golden Apes zu gründen, um dem klassischen Gothic-Rock neue Impulse zu verleihen.

Die wichtigste Frage, die sich die Musiker gestellt haben dürften, war wohl: Wie will man sich innerhalb eines Genres positionieren, das gewisse Sättigungseffekte aufweist. Die Menge an Bands aus dem Weltschmerzsektor ist unüberschaubar geworden, die üblichen Verdächtigen tummeln sich in Stammgastmanier auf den großen Festivals herum und machen es aufstrebenden Ensembles nicht unbedingt einfacher. Vor diesem Problem stand man auch schon vor der Jahrtausendwende. Da nützt es sicherlich, wenn man sich schnell bewusst wird, wie man klingen möchte.

Bei Golden Apes war es scheinbar von Anfang an klar: Der angedunkelte, klassische Rock-Sound muss es sein, der mit ihrem Debüt "Stigma 3am" natürlich noch herantastend-experimentell war, aber schon die grobe Richtung vorgab. Doch bereits das 2001 erschienene "Thalassenia" konkretisiert den Stil der musikalischen Gebrüder - nicht immer zum Willen der anderen Mitglieder. Die Formation hat Zeit ihres Bestehens immer wieder einen Line-Up-Wandel erfahren müssen, zuletzt nach dem 2020er Album "Kasbek", als die alten Mitstreiter anderer Meinung waren, was den stilistischen Werdegang der Band anbelangt. Das ist vielleicht der Preis, der gezahlt werden muss, wenn man ein musikalisches Konzept konsequent verfolgt. Aktuell sind übrigens die Gitarristen Gerrit Haasler und Frank Flenz, sowie Salomon Bosse am Schlagzeug bei Golden Apes engagiert.

In den 25 Jahren machten die Berliner zwangsläufig Bekanntschaft mit einer Menge anderer Kollegen. Einige wurden zu guten Bekannten und haben sich nun, anlässlich des Jubiläums, der Songs von Golden Apes angenommen. Auf "Scattered Light - A Reflection Of The Music Of Folden Apes", das nur als digitales Album erscheint, interpretieren sie die Songs nach ihrem Gusto und bauen die eigenen stilistichen Merkmale in das Grundmaterial ein.

Das Ergebnis ist nicht weniger als verblüffend. Sie zeigen nicht nur, wie wandelbar die Songs der "güldenen Primaten" sind, sondern auch, dass sie im Kern ihrer Songs universell anwendbar sind. So arbeiten The City Gates den mitschwingenden Shoegaze-Sound von "The Happy Losers Sweet Delusions", das bereits auf dem Erstling enthalten war und später für das 2012er Album "Riot" neu eingespielt wurde, heraus und verleihen ihm so einen träumerischen Anstrich. Dagegen ist Stridulums Version von "Verity" aus dem Album "M Ʌ L V S" (2016) dem elektronischen Wave verpflichtet. Anstatt tiefer gestimmter Stromgitarren gibt es einen knackigen Vierviertelbeat und jede Menge Synthesizer-Spielereien. Sängerin Martina Volodina gibt dem Stück eine andere, durch ihren Duktus sogar noch etwas fatalistischere Konnotation.

Viele, die den Weg der Golden Apes säumten, sind keine Unbekannten. Girls Under Glass beispielsweise gehören dazu. Sie haben den Song "Satin Gardens" (ursprünglich auf dem 2007er Werk "The Geometry Of Tempest") in eine Electro-Gothic-Nummer im Stil der späten 90er verwandelt. Es ist eines der besten Stücke auf diesem Tribut-Album. Auch Then Comes Silence sind unter den illustren Gästen, die das relativ aktuelle "Voykova" (enthalten auf "Kasbek") gecovert haben, ebenso wie Whispers In The Shadow, die sich die ruhige Nummmer "Parting" (das Endstück von "Kasbek") zur Brust genommen haben. Überflüssig zu erwähnen, dass auch sie Neuinterpretationen geschaffen haben, die den Originalen ihre Ehre erweisen und gleichzeitig eine andere Sichtweise auf die Songs zulassen.

"Scattered Light" ist wie ein perfekter Geburtstag mit guten Freunden. Da passt einfach alles: Gäste und Gastgeber sind in bester Laune, und man hat den Wunsch, dass dieser Moment für immer bleibt.

Und wenn die riesen Sause vorbei ist, bleiben "Our Ashes At The End Of The Day". Man verzeihe diese wortspielerische Überleitung, aber sie passte zu gut. Jedoch sind die Aschen, von denen Golden Apes singen, sicherlich nicht das Ergebnis durchzechter Nächte oder Tage. Es geht - natürlich - um existenziellere Fragen als die vermeintliche Leere nach einer wilden Party und dem anschließenden Kater, wobei sich auch in dieser Situation Fragen nach dem Sein stellen können.

"Our Ashes..." haben die Lebrecht-Brüder per Crowdfunding finanziert, und der rege Zuspruch sowie eine deutlich höhere Spendensumme als zuvor veranschlagt sind ein Beleg dafür, dass diese Band nach 25 Jahren auf eine treue und loyale Fangemeinde zählen kann, die es ihren Idolen ermöglicht, weiter Musik zu machen und auch zu veröffentlichen.

Immerhin gibt es zwei Hürden, die von Golden Apes überwunden werden müssen. Zum einen ist es ihr klassischer Goth-Rock-Sound, der sich fernab von den massen- wie stadionkompatiblen Effekt-Gruftcombos wie Lord Of The Lost und dergleichen mehr aufhält (was nicht als Kritik an die Band um Chris Harms verstanden werden soll - auch ihre Kunst ist legitim). Zum anderen stehen die heutigen Hörgewohnheiten einem Album als Veröffentlichungsform eher diametral gegenüber, da im Zuge der Spotifyisierung der Musikbranche das Produkt an sich aufgrund seiner immerwährenden Verfügbarkeit an Wert verloren hat.

Um so hoffnungsvoller gestimmt ist man, wenn es einer Band gelingt, ganz "old school" ein schönes Werk auf die Beine zu stellen, das auch noch von den Fans finanziell mitgetragen wird. Aber schließlich wissen sie auch, was sie von Golden Apes bekommen: geradlinigen, schnörkellös-melancholischen Stromgitarrenklang, von feinen Synthielinien durchzogen und mit ansprechendem Schlagwerk angereichert.

Natürlich steht über allem aber Peers einzigartige Stimme. Voluminös-bebend trägt er seine sehnsuchtsvolle und weltschmerzliche Lyrik in einem Timbre vor, die es dem Hörer unmöglich macht, nicht genauer zuzuhören. Er hebt einen Song wie "Reflections" über das übliche Level hinaus und lässt Saiten in uns in Moll erklingen. Ebenso liebt "Bigotry (Still)" die große, patchouliumwölkte Geste, die in Zeiten großer musikalischer Verwässerung in der Szene eine richtige Wohltat ist. Allerdings bedeutet "Our Ashes..." nicht unbedingt eine unreflektierte Übernahme alter Traditionen. Dafür wendet sich das Arrangement bei "The Moment I Fell" zu sehr der Sonne zu und genießt abschließend mit ätherischen Gitarren einen Moment der Leichtigkeit.

Als Diptychon angekündigt, ist "Our Ashes At The End Of The Day" der Beginn eines Liederzyklus, der in Bälde fortgesetzt werden soll. Ein perfekter Auftakt für das 26. Bandjahr, nachdem das vergangene Vierteljahrhundert Musikabenteuer gebührend gefeiert worden ist.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 16.01.24 | KONTAKT | WEITER: VARIOUS ARTISTS "GRENZWELLEN ZWÖLF">

Webseite:
www.goldenapes.com

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COVER © GOLDEN APES

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