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BROR GUNNAR JANSSON "BROR GUNNAR JANSSON", "MOAN SNAKE MOAN": DER GROSSE BLONDE MIT DER SCHWARZEN SEELE

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Gute Musiker – und wir reden hier von verdammt genuinen Exemplaren der Zunft – schaffen es, eine eigene Ausdrucksform zu kreieren. Sie steigen, in Verbindung mit einem wohl durchdachten Gesamtkonzept, zu Ikonen ihrer Zeit auf und wirken lange nach. Madonna, David Bowie, Kurt Cobain: Ihre Werke haben eine unüberschaubare Menge anderer Kollegen beeinflusst, die – und das wäre dann das Gegenteil eines guten Musikers – als blassfarbene Abziehbildchen eine äußerst geringe Haltbarkeitszeit aufweisen. Denn wer in anderer Fußstapfen tritt, hinterlässt bekanntlich selbst keine Spuren.

Doch zwischen originärem Schaffensgeist und lapidarer Stilverwertung existiert ein kleiner, aber sehr interessanter Schlag Menschen: Sie graben sich, einem Archäologen gleich, durch die Schichten und Sedimente der Musikgeschichte, stets auf der Suche nach verlorenen Schätzen, um sich diese anzueignen und sie der Welt auf ihre ganz spezielle Art und Weise zu präsentieren.

Beispiel gefällig? Götz Alsmann. Der verschmitzt dreinblickende Herr mit der gewagt frisierten Tolle hält das schrullige Erbe des deutschen Vorkriegs-Swing mit witzigen Interpretationen sowie eigenen Kompositionen am Leben und gibt einen profunden Einblick in die goldenen Jahre der leicht verklärten Schellackplatten-Epoche.

Auch Bror Gunnar Jansson ist so ein liebevoller Konservator. Sein Hauptaugenmerk jedoch richtet sich auf den Blues. Die ausführlichen Kommentare, sowohl auf seinen Alben, als auch via Internet, zeigen seine flammende Liebe für diese tiefgreifende Musik, die bekannterweise nicht erst in den späten 1940ern bei Muddy Waters, Bo Diddley oder Ray Charles anfing, sondern Jahrzehnte zuvor – auf den Baumwollplantagen der Südstaaten und im Mississippi-Delta.

Wie sein Name allerdings vermuten lässt, könnte diese stattliche Erscheinung nicht weiter von den Blues-Heimatstätten entfernt sein. Bror ist ein prototypischer Schwede: blondes Haar, schlaksig, kantiges Gesicht. Doch sobald der Junge aus Göteborg die Instrumente zum Klingen bringt und seine brachial-donnernde Stimme einsetzt, scheint sich das Jahrhunderte währende Leid der afroamerikanischen Bevölkerung in seinen Nummern erneut zu manifestieren. Folgerichtig gleicht das Debüt, schlicht "Bror Gunnar Jansson" betitelt, wie die Rückbesinnung auf eine Zeit, als der Blues rau und schmutzig klang und nach übervollen Aschenbechern und verschüttetem Whiskey roch.

Bror ist eine Ein-Mann-Band, wie auf dem Cover des Erstlings zu erkennen ist. Das Album hat er komplett selber und ohne große Nachbearbeitung eingespielt. Ein Glücksfall, denn um den ursprünglichen Charakter dieses Genres offenzulegen, ist es zwangsläufig nötig, die Stücke auf Schlagzeug und Gitarre zu reduzieren. Improvisation, Emotion und Passion stehen im direkten Spannungsverhältnis zueinander und geben dem Album eine erfrischend ungeschliffene Note.

Erfreulicherweise beschränkt sich der Musiker aber nicht nur auf die Interpretation alter Songs und Traditionals. Lediglich "Heartaches And Troubles", ein fast schon sehnsüchtig anmutender Titel von den Roosevelt Rattles, formt Bror sich zurecht: Er verlangsamt das ohnehin schon gemächliche Tempo abermals und intensiviert mit seiner schmerzvoll klingenden Phrasierung die Einsamkeit des Lyrischen Ichs fast bis zur Überzeichnung. Aber eben nur fast.

Ansonsten ist der Schwede ein Meister intertextueller Bezüge. Von anderen Werken inspiriert, baut er um die gefundenen Versatzstücke eigene Lieder. "My Gal Drinks So Much Whiskey That She Staggers In The Night" beispielsweise komponierte Bror Gunnar Jansson als Replik auf "Good Looking Girl Blues", einem Song von Walter "Furry" Lewis aus dem Jahr 1927. Und "The Wandering Spirit Of B.F. Sheldon" ist dem gleichnamigen Banjo-Spieler gewidmet, dessen aufgezeichnete Hinterlassenschaft sich nur auf eine Handvoll Songs beschränkt.

Einer von Sheldons überlieferten Stücke ist "Pretty Polly", eine traditionelle, englische Mörder-Ballade über ein getötetes Mädchen. Diese hat es Bror Gunnar Jansson anscheinend besonders angetan. In seiner Variante wird Polly von "Wiliam Joseph Dean", Spitzname: Mean Old Billy, getötet. Der gleichnamige, im besten Southern-Blues gehaltene, Song beschreibt den Totschläger kurz vor seiner Erhängung. Zuvor wird in "Mary Lee" Billys Mutter eingeführt, die in jeder irdischen Freude eine Sünde sieht und ihren Sohn ebenfalls als Sünder abkanzelt. Unter den fordernden Gitarren-Parts verhandelt Bror einerseits den absurde Witz dieser Mutterfigur, nimmt aber andererseits das dräuende Unheil, das von ihrem Filius ausgehen wird, vorweg. Übrigens: "Mary Lee" wiederum ist eine Referenz auf "Mama Don't Allow It", unter anderem von Julia Lee And Her Boyfriends vorgetragen.

Auf seinem zweiten Album "Moan Snake Moan" taucht Mean Old Billy dann erneut auf – und nicht nur als bedrohlich wirkende Figur in den Schwarz-Weiß-Zeichnungen auf der Plattenhülle. Das schauderhafte Leben des Protagonisten erhält durch "William Is Back" und "He Had A Knife in His Hand" weiter Kontur. Allerdings setzt der Alleinunterhalter nun auf ein breiteres Instrumentarium und einer Riege von Gastmusikern. Diverse Blasinstrumente, experimentelle Klang-Collagen sowie Hammondorgel-Passagen bereichern die schummrige Szenerie und zeigen den Nordeuropäer in einem anderen Licht: Statt sich sklavisch an die alten Blues-Schemata zu halten, lotet er eifrig die Möglichkeiten aus, die ein größeres Line-Up mit sich bringen.

So geriert sich "William Is Back" denn auch als Gangster-Walzer, der der Feder eines Tom Waits entsprungen sein oder als Untermalung für einen Tim-Burton-Streifen dienen könnte. Ebenso würde das nachfolgende Instrumental "One For Earth" mit seinem dröhnenden Saxofon und den schrammelnden Gitarren den perfekten Soundtrack für eine Highway-Fahrt in der Steppe unter sengender Sonne abliefern.

Um das Archäologen-Bild ein weiteres Mal zu bemühen: "Bror Gunnar Jansson" präsentiert die Ergebnisse seiner Suche, "Moan Snake Moan" hingegen verarbeitet die tönernen Funde – ein befreiender Prozess, den er hörbar genießt. So röhrt der Hüne in der rotzigen Coverversion von Brother Claude Elys "Ain't No Grave" (zuletzt anrührend vom todkranken Johnny Cash interpretiert) derart brüchig ins Mikro, als ob zuvor literweise Hochprozentiges in Verbindung mit dem Qualm einer ganzen Stange Zigaretten durch seine Kehle gewandert wären. Nur, um dann bei der hoffnungslosen, von nachtschwarzen Cello-Tönen begleiteten "New Mountain Ballad No. 1" wie ein angeschossenes Tier, das gerade sein Leben aushaucht, die Wörter wehklagend und heulend zu dehnen – und das nicht enden wollende acht Minuten lang.

Auch wenn "Moan Snake Moan" fast schon an der Melancholie eines Nick Caves und ungestümen Energie der White Stripes heranreicht, bleibt Bror Gunnar Jansson letzten Endes aber doch ein Blues-Man. Darauf verweist nicht zuletzt das Albumcover, welches sich deutlich bei der Plattenhüllenoptik aus den 50ern bedient.

Wüsste man es nicht schon genauer, könnte der Mann auch als farbiger Musiker aus den Slums durchgehen. Der Schwede besitzt eindeutig eine schwarze Seele, gepaart mit einem großen musischen Talent. In dieser Kombination ist Bror Gunnar Jansson daher nichts weniger als eine absolute Bereicherung für die gesamte Musiklandschaft und der beste Blues-Barde jenseits des des "Ol' Man River".

||TEXT: DANIEL DRESSLER  | DATUM: 12.2.16 |   KONTAKT |  WEITER: INTERVIEW MIT EWIAN >

Website
www.brorgunnar.com


COVER © NORMANDEEP BLUES

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