"GESCHICHTEN HINTER VERGESSENEN MAUERN": LEIPZIGS GEDÄCHTNIS-LÜCKEN - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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"GESCHICHTEN HINTER VERGESSENEN MAUERN": LEIPZIGS GEDÄCHTNIS-LÜCKEN

Zelluloid

Roland Weinhold sieht es ganz nüchtern und pragmatisch: "Ich bin dafür, dass das Gebäude abgerissen wird und etwas Neues entsteht". Der jetzige Personaldirektor des Hotel WestIn verbrachte mehrere Jahre als Küchenchef in der legendären Nobel-Herberge Astoria. In seinen Augen stelle die Ruine nur noch ein Schandfleck für Leipzig dar.

Mittlerweile richtet das WestIn die jährlichen Treffen der ehemaligen "Astorianer", wie sich die Belegschaft des Hotels selbst nennt, aus. Zu den Mitarbeitern gehörte auch Gabriele Becker, die den Verfall ihrer einstigen Arbeitsstätte arg bedauert. Ihr Wunsch: eine Neueröffnung – "und dann wäre ich bei der ersten Silvesterparty mit dabei". Beide stehen sinnbildlich für die Frage nach dem Umgang mit diesem architektonischen Relikt der Moderne.

Gerade Leipzig besitzt eine Menge solcher Immobilien, die für die einen als stumme Zeitzeugen in jedweder Form auch immer erhalten bleiben sollten, während andere darin nur stetig verrottende Plätze sehen, die das Stadtbild zerstören und daher schnellstmöglich abgetragen werden müssen.


Es ist eine, die Gemüter erhitzende, Angelegenheit, die von Regisseur Enno Seifried in seiner Dokumentation "Geschichten hinter vergessenen Mauern
Lost Place Storys aus Leipzig" gefühlsbetont aufbereitet wird und damit besonders heraussticht.

Der Film zählt nicht dröge irgendwelche Fakten auf oder präsentiert alte Filmaufnahmen. Vom oberlehrerhaften, knopp'schen Dokumentationsstil sind diese rund 90 Minuten weit entfernt.

Der Zuschauer bekommt lediglich den Ist-Zustand der Gebäude zu Gesicht
teils von den Geschichten der Menschen, die in Verbindung zu den Bauten stehen, teils nur musikalisch untermalt. Er soll sehen, entdecken, wahrnehmen und sich seine eigenen Gedanken zur Historie dieser Kolosse machen. Der Blick auf diese Orte des Verfalls wird zur Meditation über die eigene Vergänglichkeit.

Zurückgelassenen Fragmente aus jener Zeit befeuern die Vorstellungskraft: Von Staub bedeckte Bakelit-Telefone oder mit Papieren gefüllte Ringbuchordner provozieren eine ganz eigenartige Stimmung. Die Vorstellung, dass vor nicht mal einem halben Jahrhundert sämtliche Räume mit Leben und Betriebsamkeit gefüllt waren und durch das Voranschreiten der Zeit zu Mausoleen der Moderne verwandelt worden sind, wirkt beklemmend.

Die einstige – wenn auch nur theoretische – technologische Überlegenheit der ehemaligen DDR scheint in den Ruinen noch schwach zu strahlen. Wie beim Robotron Schulungszentrum: Inmitten von Räumen, wo der Putz fast schon komplett von den Wänden gefallen ist, hängt eine noch erhaltene Wandverschönerung, im typisch sozialistischen Propaganda-Stil gehalten. Eine Monstrosität wie aus der Weltgeschichte gefallen.

Seifried bindet sein Publikum emotional an die verlassenen Orte, deren unaufschiebbarer Abriss dann umso heftiger schmerzt und Unbehagen auslöst. Das Sprengen des Schornsteins der VEB Elguwa, dazu die alles niederreißenden Klauen der Bagger: Hier wird Lebensraum für Geschichte(n) zerstört; ihr letzter Rückzugsort bleibt dann nur noch in alten Fotografien oder eben dieser Dokumentation.

Doch gibt es nicht auch einen anderen Weg? Viele denken an eine Weiternutzung für kulturelle und künstlerische Ereignisse. Einige, wie Peter Kolar, besitzen wohl durchdachte Pläne. Der Eigentümer des ehemaligen Postbahnhofes in Schönefeld würde das Gelände am liebsten in einen Flohmarkt umwandeln. Doch die Mühlen der Behörden mahlen äußerst langsam. "Es könnte alles viel schneller gehen", kritisiert er die momentane Situation scharf. Mittlerweile nimmt sich die Fauna und Flora diesen, von Menschen einst besetzten, Platz zurück.

Und auch bei der VEB Kolloidchemie ranken die Gräser und Büsche um die zurückgelassenen Fässer, die laut den beiden Fotografen Clara Göckeritz und Martin Stein immer noch starke Gerüche von sich geben. Ein faszinierendes, geradezu surreales Bild zwischen von Menschenhand Erschaffenem im Kampf mit der unbändigen Kraft der Natur.

Es wird schwierig sein, all die verschiedenen Plätze in irgendeiner Form zu erhalten. Dafür wurde auch in der Vergangenheit zu viel falsch gemacht. Treuhänderisches Versagen und auf Gewinn zielende Investoren führten dazu, dass einige dieser Fabriken und Gebäude in eine ungewisse Zukunft schlittern. Dabei handelt es sich um die immanent wichtigen Lücken, in die das kollektive Gedächtnis dieser Stadt verdichtet wird. All diese Gebäude zeugen davon, dass Leipzig einst ein wichtiger Industrie- und Handelsknotenpunkt in Europa war.

Allerdings bleiben solche, von den Eigentümern vernachlässigten und dem Verfall preisgegebenen, Baulichkeiten nicht ganz vergessen. Nicht nur die Geo-Cacher haben die Leipziger "Lost Places" für sich entdeckt; auch Künstler nutzen diese Flächen. Der Graffiti-Sprayer Tuluv verewigt sich beispielsweise im mittlerweile einsturzgefährdeten Bahnausbesserungswerk Engelsdorf, und die morbiden Kulissen der Maschinenfabrik Sviderski locken Fotografen für ihre Bilder und Musiker für ihre Video-Clips an, die der DVD übrigens als Bonus-Material beigefügt wurde.

Das Betreten dieser Bauwerke ist freilich eine rechtliche Grauzone. Doch längst scheint man sich in Leipzig daran gewöhnt zu haben, dass die Ruinen zu wunderbaren Erlebnisspielplätzen der Geschichte und abseits herrschender Gesetze umgewandelt worden sind. Bleibt zu hoffen, dass es für die historischen Gebäude eine Zukunft gibt. Der Film jedenfalls macht Mut, dass zumindest einige dieser Orte vor ihrem endgültigen Ende bewahrt werden.

Der erste Teil dieser "Lost Place Storys" erschien bereits 2012. Seitdem drehte Enno Seifried zwei weitere Folgen. "Vergessen im Harz" lautet sein aktuelles Projekt. Auch hier ist ein zweiter Teil bereits im Kasten; wie schon zuvor, startet der Filmemacher erneut eine Crowdfunding-Kampagne, um die kostspielige Premierenfeier und die Veröffentlichung der Dokumentation auf DVD finanzieren zu können. Wer will, kann hier mitmachen.


|| TEXT:  DANIEL DRESSLER / DATUM: 26.10.2014 |  KONTAKT |  WEITER: QUO VADIS DAVE GAHAN UND MARTIN GORE?  >

EXTRAS
Trailer, Musikvideo zum Film, Premierendokumentation
LÄNGE
ca. 95 Minuten
SPRACHEN
Deutsch
FSK
ohne Altersbeschränkung

COVER © OVERLIGHT

Website:
www.lostplace-dokfilm.de

Rechtlicher Hinweis: UNTER.TON setzt auf eine klare Schwarz-Weiß-Ästhetik. Deshalb wurden die teils farbigen Original-Bilder unserem Layout für diesen Artikel angepasst. Sämtliche Bildausschnitte, Rahmen und Montagen stammen aus eigener Hand und folgen dem grafischem Gesamtkonzept unseres Magazins.

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