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MARSHEAUX "A BROKEN FRAME": COVER-KUNST FÜR FORTGESCHRITTENE

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Auch wenn es die letzten Werke "Delta Machine" und "Sound Of The Universe" nur mehr schwach erahnen lassen: Depeche Mode sind das allerheiligste Heiligtum der devoten Elektro-Pop-Gemeinde.

Von vollkommener Unantastbarkeit kann aber mittlerweile kaum mehr die Rede sein, was die unüberschaubare Menge an Coverversionen klar vor Augen führt.

Oftmals kommen DM-Jüngern diese Neuinterpretationen jedoch einem Sakrileg gleich – verständlicherweise, wirken die meisten dieser vermeintlichen Ehrerbietungen doch unbeholfen krampfhaft und leider auch nicht selten inspirationsarm.

Manchmal gelingen solche waghalsigen Unterfangen dann aber
doch: Johnny Cashs reduzierte Bluegrass-Version von "Personal Jesus" sei gleich vorne weg genannt, oder "Master And Servant" im Nu-Bossa-Nova-Gewand von Nouvelle Vague.

Dass sich die griechische Synthie-Pop-Formation Marsheaux nun gleich einem kompletten Album der Jungs aus Basildon verschrieben hat, wirkt zunächst wie eine schier unlösbare Aufgabe. Aber Marianthi Melitsi und Sophie Sarigiannidou haben auf "A Broken Frame" vieles richtig gemacht; das muss selbst der hartgesottenste Fan neidlos anerkennen.


Zunächst einmal überrascht die Wahl: Nicht das Hitalbum "Violator", nicht der unschuldige Erstling "Speak And Spell" und auch nicht das grandiose "Music For The Masses" fällt in die Hände der beiden Musikerinnen, sondern eben "A Broken Frame" von 1982.

Jenem zweiten Startschuss
für Depeche Mode; erster musikalischen Gehversuch nach dem Ausscheiden von Vince Clark, der mit der schwergewichtigen Stimme von Alison Moyet das kurzlebige, aber nachhaltige Duo Yazoo gründen sollte (und, wie uns die Geschichtsschreiber lehren, noch etwas später mit Andy Bell Erasure).

Es ist tatsächlich eine besondere, wenngleich von der Band nicht sehr geliebte Platte.

Martin Gore zeichnet hier erstmals komplett allein verantwortlich für die Songs, die sich zwischen filigranen Synthie-Kompositionen ("My Secret Garden", "The Sund And The Rainfall") und kitschiger, an das Debüt gemahnender Bubble-Gum-Elektronik ("See You", "The Meaning Of Love") hin und her bewegen.


Mehr noch aber legte dieses Album den Grundstein für den wie in schwarz-violette Gaze eingehüllten Synthie-Pop, der schlussendlich zum Markenzeichen der Band werden sollte.

Viele Fans, zu denen sich auch die Damen
Marsheaux zählen, halten deswegen "A Broken Frame" für ein zwar noch etwas orientierungsloses, aber durchaus gelungenes Album, welches im Großen und Ganzen zu wenig Beachtung im DM-Kanon findet.

So bedient sich denn auch das Album-Cover des Cover-Albums der gleichen Bildästhetik wie das Original (inklusive Schriftzug).

Doch unter dem wolkenverhangenen
Himmel wird das Ährenfeld durch schier endloses Gewässer ersetzt, und an Stelle der traditionell gekleideten Bäuerin mit der Sense in der Hand, stehen hier Sophie und Marianthi im ruhigen Nass. Die Rücken zum Betrachter gerichtet und in weiße Kleider gehüllt, blicken sie in die Ferne - dort, wo "A Broken Frame" einst seinen Anfang genommen hat.

Wie zwei Geister aus der Vergangenheit weisen sie stumm den Weg, verharren aber doch im Hier und Jetzt.

Was bedeutet das nun für die Musik? Ihre Interpretationen schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie sind einerseits eine tiefe Verbeugung vor DER Hauptinspirationsquelle schlechthin, wenn es um elektronische Musik geht,  und gleichzeitig der Versuch, dem doch etwas antiquierten Klangbild der mehr als 30 Jahre alten Scheibe neues Leben einzuhauchen.


Besonders auszumachen ist dies an "Nothing To Fear", einem filigranen Instrumental, bei dem sich Gore augenscheinlich mit den melodienverliebten Prä-Trance-Nummern eines Jean Michel Jarre
auseinandersetzt.

In der Neubearbeitung wird natürlich verstärkt auf die Wucht der Bass-Drum gesetzt, während knarzig gehaltene Keyboard-Klänge auf die herrlich unperfekte Technik der damals neuen synthetischen Klangerzeugung verweisen.

Gerade bei den Pop-betonteren Stücken "See You" und vor allem "The Meaning Of Love" machen die beiden Helleninnen eine gute Figur: Die zuckrigen Originale, die Gahan und Co. am liebsten für immer in den Giftschrank stecken würden, passen sich nahtlos den lieblichen Stimmchen von Marianthi und Sophie an.

Damit die Stücke aber nicht vollends in rosa Watte verschwinden, unterfüttern niederfrequente Töne die Szenerie und holen damit die Kompositionen wieder auf die Erde zurück.

Marsheauxs Tendenz, den Stücken eine glatte, ja geradezu spiegelnd-verchromte Oberfläche zu verpassen, kommt auch bei "A Broken Frame" durch - mit changierendem Ergebnis.


So blenden die beiden Damen das quasi-improvisierte Intro von "My Secret Garden" komplett aus und gehen nach subbassigen Anfangstakten gleich in das bekannt flirrende Thema über. Hier verschenken sie eine gute Möglichkeit, dem Song eine neue Lesart zu geben.

Andererseits werten rollende Basslinien und zentnerschwere Beats das im Original eher verunglückte "Satellite" zu einer veritablen Dark-Ambient-Nummer auf.

Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich das weibliche Zweiergespann bewegen muss: Den behutsamen, überaus respektvollen Umgang mit dem Gore'schen Liedgut merkt man ihnen deutlich an.


Angst davor, dass sie das ganze Projekt an die Wand fahren könnten, haben sie aber in keiner Sekunde:
Vielmehr interpretieren die beiden Damen ganz bewusst nur manche Momente neu, während andere Abschnitte einfach die Originalsequenzen beibehalten (besonders gut ist dies bei "See You" gelungen).

In einem Punkt lassen sich Depeche Mode und Marsheaux allerdings nicht vergleichen: Im Gesang.

Da müssen die Griechinnen zwangsläufig den Kürzeren ziehen: Zum einen, weil ihr Englisch einfach nicht an das eines "Native Speakers" heranreichen kann; zum anderen, weil ihre zarten Stimmen niemals mit dem (
damals noch nicht ganz so selbstsicher röhrenden) Organ eines Dave Gahan konkurrieren könnten.

Auch zweistimmige Passagen meistern Marsheaux zwar durchaus solide, aber eben nie derart effektvoll, wie es die Jungs über die Jahre bis hin zur Perfektion betrieben haben.

Ein einziges Mal überholen sie ihre Idole jedoch um Längen – und zwar ganz zum Schluss.


Ihr "Sun And The Rainfall" klingt wunderbar verkitscht; nach Weltraum und unendlichen Weiten. Besonders aber im Refrain wirken Marsheaux einfach dringlicher und fordender: Hier fügt sich alles konsequent und folgerichtig zu einem harmonischen Ganzen. Man ist sogar geneigt, zu sagen: Ihre Version ist die bessere!


Würdig endet damit ein durchaus schwieriges Projekt, das das Elektronik-Duo aus Thessaloniki mit Liebe, Konzentration und Hingabe realisiert hat.

Auch wenn am Ende immer auch die Frage im Raum steht, ob solche Coveralben denn überhaupt nötig sind, lässt sich doch anhand von "A Broken Frame" zusammenfassen: Nötig sind diese Tributes sicher nicht – aber wenn sie denn doch eingespielt werden sollten, dann noch am ehesten im Stile von Marsheaux!

||TEXT: DANIEL DRESSLER  | DATUM: 21.03.15 |  KONTAKT |  WEITER: "A BROKEN FRAME" INTERVIEW MIT MARSHEAUX >


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Website
www.marsheaux.com


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