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JOHAN ANGERGÅRD: EIN TAUSENDSASSA ENTDECKT DIE MASCHINEN

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Nein, die Zeit wolle er nicht zurückdrehen. Dabei hätte Johan Angergård allen Grund dazu. Schließlich entdeckt der umtriebige Schwede mit dem markanten Schnäuzer gerade die wunderbare Welt der analogen Maschinenklänge. "Ich habe das Gefühl, dass man mit elektronischen Instrumenten so viel mehr machen kann. Die Möglichkeiten sind grenzenlos", schwärmt er. Natürlich entstammt ein Großteil seines Synthie-Pop aus obligatorischen Musikprogrammen (Johan schwöre hierbei vor allem auf u-he Diva), aber auch einige Originale finden sich in seinem Equipment: Angergård ist stolzer Besitzer eines Roland Juno-106 und der Yamaha-Keyboards CS-10 und CS-01. Außerdem darf er auch ein Moog Minotaur und den Bass-Synthesizer MB33 sein Eigen nennen.

Diese Mischung aus analoger Wärme und digitaler Strenge findet sich nun in perfektem Zusammenschluss auf den beiden aktuellen Alben "Nightshift" von The Legends und "Voyagers" von Djustin. Beide Projekte stammen aus seiner Feder und es hat den Anschein, als habe Johan noch nie etwas anderes gemacht, als sich wie ein Jean Michel Jarre oder Klaus Schulze hinter einem Berg von Keyboards und Tonbändern zu verkriechen, um den Klang der Zukunft zu entwickeln. Hat er aber.

Der Mann ist schon seit mehr als 25 Jahren im Musikgeschäft - allerdings auf ganz anderen Pfaden. Seine beiden ersten Projekte Acid House Kings und Club 8 brachten - der Namen zum Trotz - feinsten Indie-Pop aufs Parkett. Erstgenanntes geriert sich dabei mehr als die überschwängliche Studenten-Party-Variante, während der "achte Club" musikalisch eher den Tagträumen hinterherhing.

Ganz unbeleckt geht Johan natürlich nicht an seine neue Leidenschaft. Bereits mit neun Jahren habe er Depeche Mode, Yazoo, Fad Gadget und Kraftwerk gehört. Voller Bewunderung ist er für "Computerwelt": "Diese Album hätte auch 2017 oder 2027 aufgenommen werden können". Ein schöneres Kompliment gibt es kaum. Auch wenn später dann funkige Electro-Nummern auf seiner Playlist standen, schätzt er die Zeitlosigkeit mancher Sythie-Pop-Stücke.

Von dieser Liebe ist auf "Nightshift" und "Voyagers" erwartungsgemäß viel zu hören. Ein bisschen 808-Geplucker, dazu laserhelle Sounds, jede Menge Arpeggio und fordernde Bass-Drums. Und dennoch weisen beide Alben markante Unterschiede auf. "Nightshift" wird von funkigen Nummern dominiert, wie sie einst Imagination ("Just An Illusion"), Rockwell ("Somebody's Watching Me") oder Moti Special ("Cold Days, Hot Nights") kurzzeitig groß gemacht haben, während "Voyagers" dem Italo-Disco einer Valerie Dore und dergleichen ähnelt. Mit Stücken wie "Dancing" gelingt Johan sogar der Bogen in die Neuzeit. Dank der glasklaren Stimme seiner neuen Kollegin Rose Suau aus Amerika fühlt man sich in nächster Nähe zu den Disco-Art-Nummern einer Robyn, die zuletzt im Verbund mit Röyksopp für herrlich unagepassten Tanzschuppensound verantwortlich zeichnete.

Djustin ist das jüngste Ergebnis aus Angergårds Kreativitätskiste und eine wahre Glücksbeziehung. Für den Hörer auf jeden Fall, da zwei hochtalentierte Musiker gemeinsame Sache gemacht haben, aber auch für Johan selbst. Er und Rose, die mit ihrem Mann als Shoestrings tiefenentspannten Sonntags-Pop spielen, kennen sich nämlich schon lange. "Wir haben als gegenseitige Bewunderer unserer Künste eine Brieffreundschaft angefangen", erklärt der Schwede. "2015 wollte ich dann ein neues Projekt starten und mit jemandem zusammenarbeiten, der Texte schreiben und singen konnte. Ich liebe es nämlich, Melodien zu komponieren und zu produzieren. Darauf wollte ich dieses Mal den Fokus legen - und nicht die ganze Zeit damit verbringen, Texte zu verfassen oder Gesangsspuren aufzunehmen."

Rose war da die beste Wahl. Nicht nur, dass sie alle Bedingungen erfüllte, sie sei auch auf der gleichen gedanklichen Wellenlänge wie der Nordeuropäer. "Ich habe sie gefragt und einige Demos geschickt. Alles lief geradezu magisch und wie von selbst ab." Wie ein kreativer Ausbruch sei diese Kollaboration nach Johans Aussagen. Es fällt nicht schwer, ihnen das abzukaufen. Man muss nur die ersten Takte von "New Preset", dem vor Kraft und zündenden Ideen nur so strotzender Opener von "Voyagers" anhören. Eine blubbernde Basslinie, herrlich cheesige Keyboardmelodien und darüber Roses Stimme, die zu gleichen Teilen sanft und präsent, dabei aber völlig unangestrengt klingt. Ein auf "locker" programmierter Android, eine androgyne Mensch-Maschine, der man durch einige Apps kühle Weiblichkeit injiziert hat.

Während bei Djustin das Hauptaugenmerk auf Roses Stimme legt und es Johan geschafft hat, sie in zauberhaft schwebende Sequnezen zu verpacken und sie damit ins Weltall abzufeuern, wirkt sein elektronischer Fuhrpark auf dem Legends-Album "Nightshift" wesentlich bodenständiger. Doch hinter den Vocoder-Stimmen sowie den blechernen Keyboard-Akkorden und schrulligen Kaugummi-Sounds verbirgt sich die Antwort auf die Frage nach der stetig präsenten 80er-Nostalgie. "Nightshift" greift das positive Technikversprechen wieder auf, das einst die Welt beflügelte, als erste Heimcomputer von einer gesellschaftlichen Revolution kündeten. Dieser positive Fortschittsglaube, der in Johans Liedern wieder aufflammt, ist heutztage komplett verloren gegangen ist. "Die Menschen in den Achtzigern haben sich die Zukunft interessanter vorgestellt, als nur Bilder und Textstücke in sozialen Medien zu posten", so Johans prägnanter Kommentar zur Zukunft, die wir eingeholt haben.

Vielleicht ungewollt, bringen die 16 Songs, die teilweise kürzer als zwei Minuten sind, dieses alte Versprechen wieder zurück. Wenn zum Beispiel in "Phone Call" das funky gespielte Keyboard einsetzt, erinnert das an die Tastentöne beim Wählen der Nummer. Und schon hat man die brotkastenförmigen Bakelit-Telefone der Deutschen Bundespost vor Augen - formschön und in wunderbaren Farben wie Eierschale, Olivgrün, Orangerot und Dunkelblau. Und bei "Motorway" denkt man unweigerlich an John Carpenters sinistres Instrumental "The End".

Was The Legends' "Nightshift" und Djustins "Voyagers" im Innern zusammenhält, ist die offensichtliche Unbedarftheit, mit der der Musiker an die Sache herangeht. In beiden Fällen bleibt der Electro-Pop deutlich reduziert. Die Arrangements sind transparent, die Strukturen klar erkennbar. "Ich möchte bei allem, was ich mache, so etwas wie eine naive Neugier fühlen", erklärt Angergård. Das tritt in seinen Alben deutlich hervor. Diese kindliche Spielfreude wirkt so befreiend im Vergleich zu den überproduzierten Nummern anderer Bands.

Wenn es um Electro im Allgemeinen und Synthie-Pop im Besonderen geht, liegt Schweden erfahrungsgemäß weit vorne. Icona Pop, Ashbury Heights, Covenant, Elegant Machinery...das sind nur einige klangvolle Namen, die diese Szene bereichern. Johan allerdings sieht das anders. "Ich höre wenig schwedische Musik. Ich finde, dass unsere Szene ziemlich langweilig ist. Letztes Jahr habe ich sogar damit angefangen, nichtschwedische Gruppen für mein Label unter Vertrag zu nehmen, weil es hierzulande nicht genug talentierte Künstler gibt."

Apropos: Da ist ja eben auch noch Labrador Records, das der Mann als weitere Aufgabe hat. Wie ist es denn dazu gekommen? "Es hat damit angefangen, dass die Plattenfirma meine ganzen Bands veröffentlichen wollte. In den ersten fünf Jahren war ich da gar nicht in die Strukturen involviert. Doch irgendwie bin ich dann immer mehr in die Sache reingerutscht und mittlerweile gehört mit der größte Teil von Labrador Records."

Wir fassen nochmal zusammen: Labelboss, dazu mindestens vier aktive Projekte plus einige weitere Nebenschauplätze wie Eternal Death und Pallers - man kann sagen, dass "Langeweile" in Johans Vokabular praktisch nicht vorkommt. "Es ist leicht, produktiv zu sein, wenn Du Freude an dem hast, was du tust", entgegnet er kurz und bündig und wirkt dabei wie ein Mann, der tatsächlich mit sich im Reinen zu sein scheint und der Welt so unverkrampt substanzielle Musik schenkt. Ob diese aktuelle, heißblütige Liebe zu den Synthesizern anhalten wird, bleibt aber ungewiss. "Man weiß nie, was von mir kommen wird". Er selbst vielleicht auch nicht, was seinen weiteren Werdegang unglaublich spannend macht.
||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 23.04.17 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 4/17>

Webseite:
www.djustin.com
www.labrador.se/portfolio/the-legends


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