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YANN TIERSEN "KERBER" VS. YAN WAGNER "COULEUR CHAOS": ROMANTIK UND NIHILISMUS TRENNT NUR DAS "N" - Kopieren

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Interessant wäre es schon zu wissen, ob und wie sehr Yann Tiersen es nicht mehr hören kann, wenn man ihn auf den Film "Le fabuleux destin d’Amélie Poulain", zu deutsch: "Die fabelhafte Welt der Amélie", für dessen Soundtrack er verantwortlich zeigt, anspricht. Der Riesenerfolg dieser surreal angehauchten Romantik-Tragikomödie, die natürlich vor allem durch Tiersens Musik erst richtig groß geworden ist, dürfte für den Bretonen Fluch und Segen zugleich sein - vor allem, weil seine melancholischen Piano-Kleinode auch im TV als gern genommene Untermalung herhalten müssen.

Die Tantiemenkasse wird's erfreuen, aber der ewige Amélie-Vergleich lässt Tiersen weniger dimensioniert erscheinen, als er tatsächlich ist. Mit seinen letzten Werken "EUSA" (2016) und "All" (2019) erweiterte er sein Repertoire um einige neue Aspekte. Letztgenanntes Werk könnte man fast schon als Post-Rock-Album kategorisieren, womit eine gewisse Nähe zu den Spätwerken von Talk Talk erkennbar ist. Was auch nicht weiter verwundert, denn Tiersen-Kenner wissen, dass er als Jugendlicher in Post-Punk-Bands spielte. Mollschwangere Kompositionen liegen ihm also im Blut.

Mit "Kerber" hat er der sonst eher dezent eingesetzten Elektronik mehr Raum gegeben. Das Fundament bildet immer noch das Klavier. Aber die tonale Reinheit dieses Instruments wird durch eine elektronische Geräuschkulisse vielleicht nicht grundsätzlich in Frage gestellt, aber doch zumindest um weitere Facetten ausgebaut. Tiersen selbst hat im Pressetext verlautbaren lassen, dass für ihn die Klaviermelodien nur der Ausgangspunkt gewesen sind, um die Elektronik darum zu erschaffen.

Aber es schwingt noch mehr auf diesem Album mit. Nicht nur, dass er "Kerber" wieder auf der kleinen Insel Ouessant vor der bretonischen Küste, auf der seit einigen Jahren lebt, aufgenommen hat ("Kerber" ist der Name einer kleinen Kapelle auf besagtem Eiland) , das Werk entstand auch während der Corona-Zeit. Die Abgeschiedenheit der Insel und die pandemiebedingten Social-Distancing-Reglements lassen das Album noch konzentrierter, noch in sich gekehrter wirken.

Da ist bereits bei "Kerlann" das Rauschen des Meeres wahrzunehmen. Aber nicht als Fieldrecording, sondern eben mittels zugesetzter Elektronik, die den verhallten Pianofiguren etwas zutiefst Introvertiertes verleiht. Tiersen gewichtet die beiden klanggebenden Antipoden unterschiedlich: In "Kerdrall" darf das Klavier auf einem Streicherbett in jubilierenden Kaskaden seine ganze Strahlkraft verbreiten, in "Ker al Loch" gewinnen die Synthesizer mit brummenden Sequenzen und einem überraschend auftauchenden Drum-Pattern die Überhand, ehe erst am Ende sich die bekannt romantischen Pianolinien wieder Gehör verschaffen.

Dieses spannende Wechselspiel hält Tiersen auf Albumlänge aufrecht, ohne zu sehr in experimentellen Größenwahn oder romantisierende Gefühlsduselei abzudriften. Sehsuchtsvolles Klavierspiel und teils dissonante Elektronik halten sich perfekt die Waage. Über allem schwebt nun eine andere fabelhafte Welt, nämlich die der Melancholie.

In dieser fühlt sich Yan Wagner sicherlich auch wohl, aber er zeigt es nicht so offensichtlich. Seine Tristesse versteckt er hinter perfekt produzierten Tanzflächen-Nummern. Aber dass man "mit Tränen in den Augen tanzen" kann, wussten Ultravox schon vor fast 40 Jahren. Wagner, der bereits mit solchen Größen wie Air oder Goldfrapp auf Tour war, versteht sich ausgezeichnet auf diese Traurigkeit im Schein der glitzernden Discokugel.

Bei seinem neuesten Werk "Couleur Chaos" schafft er es ein weiteres Mal, einen Soundtrack für all jene zu generieren, die sich immer noch für den "king of the dancefloor" fühlen, im Grunde aber ein unglaublich tristes, fast schon bemitleidendes Leben führen. Großen Anteil an dieser Einschätzung hat nicht zuletzt Wagners sonorer Gesang, der in seiner übercoolen Art an Serge Gainsbourg oder Lee Hazlewood erinnern - abgerissene Typen also, deren Charme sich in ihrer Kaputtheit äußert.

So wirkt dann der Titelsong auch wie der kümmerliche Versuch eines Weißbrots, einen auf Prince zu machen, pluckernde Rhythmen im Casio-Gewand inklusive. Allerdings hat das Scheitern bei Yan Wagner so viel Stil, dass man ihm seine Pose tatsächlich abkauft. Ihm gelingt etwas ganz besonderes: Er klingt absolut "cheesy", so wie ein französischer Helge Schneider der Diskotheken, macht das aber derart überzeugend, dass man nicht umhin kommt, seinem Rhythmus zu folgen und bei "Fait Comme Si" das Tanzbein zu den funky Sounds mit Wave-Kante zu schwingen.

Der Mann hat definitiv den Dreh raus: "Couleur Chaos" ist ein "Non-Stop Ecstatic Cabaret", ein nihilistisches Ausrufezeichen, das mit so wundervollen Stücken wie "Denamde à la Poussière" oder "Des Cieux Plus Cléments" ein neues Party-Zeitalter einläutet. Natürlich klingt bei Yan alles nach Saint-Tropez, nach südfranzösischem savoir vivre, allerdings wird man bei dem aus Paris stammenden Musiker nie das Gefühl los, dass er einer längst vergangenen Zeit nachtrauert. Auch die aktuellen Videoclips, unter anderem zu "Brexit", verorten sich mit ihrer VHS-Ästhetik gut und gerne 40 Jahre zurück.


Ein larmoyantes "früher war alles besser" ist auf "Couleur Chaos" aber zu keiner Zeit auszumachen. Denn die Plastik-Palmen-Idylle nutzt Yan Wagner auch, um sich darüber zu amüsieren. In seinen Aussagen bleibt der Franzose vage, musikalisch jedoch ist kein Zweifel auszumachen. Von Depeche Mode und DAF, bis hin zu Level 42 und diversen Disco-Funk-Größen findet bei seinen Kompositionen alles Platz, ohne aber heillos überfrachtet zu klingen.

Abgesehen von ihrem fast indentischen Vornamen eint Yann und Yan die Liebe zur Melancholie  - auch wenn diese sich vollkommen anders manifestieren. Denn sowohl Yanns Romantik und Yans Dekadenz entwachsen aus einer schwer begründbaren Traurigkeit.

||TEXT:  DANIEL DRESSLER | DATUM: 10.09.2021 | KONTAKT | WEITER: IM PROFIL:CORDUROY INSTITUE>

Webseite:
www.yanntiersen.com
www.facebook.com/yan.wagner.official


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COVER © MUTE/ROUGH TRADE (YANNTIERSEN), YOTANKA PRODUCTIONS/BROKEN SILENCE (YAN WAGNER)

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