"A LIFE LESS LIVED. THE GOTHIC BOX": ANLEITUNG ZUM UNGLÜCKLICHSEIN - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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"A LIFE LESS LIVED. THE GOTHIC BOX": ANLEITUNG ZUM UNGLÜCKLICHSEIN

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Wie viele CDs wurden schon gepresst, wie viele Seiten Papier beschrieben, und wie viele Beiträge in sensationslüsternen „Nachrichten“-Magazinen ausgestrahlt? Das alles nur, um der Schwarzen Szene ein (teils völlig verzerrtes) Gesicht zu geben. Klar, dass auf diese Art und Weise die meisten Versuche einer Definition von vorne herein zum Scheitern verurteilt sind. Dann und wann jedoch gelingt solch ein gedanklicher Vorstoß in das Innere der schwarzgewandeten Gemeinde auch mal. Ohne Vorurteile, ohne zwanghafte Stigmatisierung; aber auch ohne überzogene Demut oder kritiklose Huldigung. Das Ergebnis ist ein umfassendes, sich selbst erklärendes Kompendium namens "A Life Less Lived – The Gothic Box", welches aus drei CDs plus DVD besteht und in den USA bereits 2006 erschienen ist.

Am Ende der Nacht, wenn die weiße Schminke vom Gesicht gewaschen ist und die sorgsam toupierten Haare sich langsam wieder der Schwerkraft ergeben, bleibt ein Gefühl: Das Gefühl einer unergründbaren, unerklärlichen Melancholie. Die Realität mag auf den ersten Blick auch noch so farbenfroh erscheinen; für einen selbst schwebt über allem stets der graue Schleier von Vergänglichkeit und bitterer Ironie. Und das ist gut so. Es muss nicht erklärt werden, was schnöde Worte ohnehin nur verfehlen können.

So schwebte auch Liz Goodman wahrscheinlich nichts Konkretes vor, als sie begann, die Songs für "A Life Less Lived" auszusuchen: Sie folgte keinen Trends, ließ die gängigen Ranglisten des Gothic-Einmaleins außen vor. Ihre Zusammenstellung ist rein persönlicher Natur, fast wie ein lieb gewonnenes Mixtape aus der Vergangenheit, das schon ein wenig leiert (da oft und gern gehört!) und sämtliche Favoriten des Hörers aneinander reiht. Im Vorwort gesteht Liz, dass sie ungehört alles von Nick Cave kaufen würde. Das erklärt auch, warum der Musiker auf der Box gleich zweimal vertreten ist: Zum einem mit The Birthday Party und ihrem wild-wuchernden "Mutiny In Heaven", zum anderen als gereifter Endzeit-Barde der Bad Seeds, der mit seinem mollschwangeren "The Weeping Song" den Weltschmerz pathetisch überhöht.

Unbewusst vielleicht, macht Liz aber auf diesem opulent ausgestatteten Sammler-Stück im Buch-Format alles richtig. Und das schon beim ersten Song, "Dead Souls" von Joy Division. Denn die Band aus dem grauen Manchester wanderte mit gesenkten Kopf durch die Ruinen, die der Punk-Rock mit seinen Drei-Akkord-Salven hinterlassen hatte. Als Gothics hätten sie sich nie bezeichnet, interpretierten aber mit ihren manisch-depressiven Liedern die Punk-Parole "No Future" wesentlich fatalistischer – und bestellten somit den Boden, auf dem Bands wie Bauhaus und The Cure später dann prächtig gediehen.

Ist vom Dunkel-Genre die Rede, richtet sich der schwarzumrandete Blick stets sehnsuchtsvoll gen Vergangenheit. "A Life Less Lived" zeigt sich in dieser Hinsicht fast schon konservativ. Bauhaus, Alien Sex Fiend, Sisters Of Mercy, The Damned: Sie alle werden hier verewigt, dürfen dem Hörer das Gefühl vermitteln, dass die Anfänge des Genres vielleicht ein Stück weit abenteuerlich-amateurhaft wirkten – doch die Musiker dabei stets authentisch blieben.

Gegen Ende wagt die Sammlung dann doch den Blick über seine Retro-Grenzen hinaus: Da lassen Throbbing Gristle ihre "Hamburger Lady" wie einen somnambulen Roboter durch eine karge Synthie-Landschaft mäandern, während kreischende Töne die surrealistische Kulisse verstärken. Auch die Kanadier von Skinny Puppy, die ihre Stücke in massive elektronische Beats verpacken, kehren mit "Assimilate" ihre schwarzen Wurzeln an die Oberfläche. Und diese sind unüberhörbar bei jener glorreichen Frühphase des Gothic verankert.

Im neuen Jahrtausend steht diese Szene allerdings einem flächendeckenden Ausverkauf gegenüber. Gothic-Schick von der Stange prägt das Bild auf diversen Festivals. Ob die Box darauf aufmerksam machen oder einfach nur mit dabei sein will, wenn sie Gothic-Klingeltöne zum Runterladen anbietet? Man weiß es nicht! Auch die Auswahl der Videos für die DVD, darunter "Where The Wild Roses Grow" (schon wieder Nick Cave) und "Lullaby" von The Cure, kratzten bereits bei ihrer Veröffentlichung deutlich an der Kommerzialisierungs-(Schmerz-)Grenze. Schließlich sind diese beiden Clips dank schwerer Rotation auf MTV einem Publikum bekannt geworden, das sich wohl herzlich wenig für Düsterromantik und Batcave-Ambiente begeistern konnte. Dafür schaffte es die „hippe“ Mode der Bands mit Kreuzketten, Rüschenhemden und schwarzem Lippenstift sogar mehrmals auf die Fashion-Seiten des Teenie-Blatts BRAVO –und ließ Pseudo-Gothic zu einem hohlen Mainstream-Trend werden, der in seichteren Gazetten auch heute noch sporadisch umhergeistert.

Dass das Team hinter "A Life Less Lived" seine Passion immer auch mit einem Augenzwinkern betrachtet, macht die opulente Box für uns sympathisch. So kommt das überformatige Hardcover-Opus mit einem verschwenderisch schönen Booklet in Faksimilie-Hochglanz-Optik daher und macht mit überbordenden Schnörkel-Ästhetik Lust auf mehr. Auf fast 60 Seiten sind die Portraits der versammelten Künstler wie im Familienalbum liebevoll „eingeklebt“; zwischen kafkaesken Zeichnungen und majestätisch ausladenden Schrifttypen erzählen die Musiker von ihrem Weg in die Schwarze Szene und liefern auf diese Weise ihre persönliche Definition des „G-Worts“, wie die Überschrift dem Leser eingangs verspricht. Dazu gibt es Hintergrund-Infos zu sämtlichen Songs, kurze Biografien der Bands und – nicht frei von Ironie – eine dreiseitige Aufforderung zur Leibesertüchtigung: Tanz den Gothic – für Dummies. Die verschiedenen Stile sind nach ihrem Düster-Faktor sortiert (maximale Punktzahl: Drei Kreuze), der das ganze Spektrum zwischen „Non- Gothic“ bis „Über-Gothic“ umfasst, und tragen putzige Namen wie „Washing The Windows“ oder „Stuck In My Coffin“. Da mag sich manch einer auf den schwarzen Schlips getreten fühlen. Wir hatten beim Auspacken jedenfalls enormen Spaß – und mochten auch den schelmisch platzierten Korsett-Schuber der Box, den man nach Belieben aufschnüren (oder zur Schmuck-Manschette weiterverarbeiten) kann.

Überdurchschnittliches Detailwissen, eine bedingungslose Liebe zur Musik und der objektive Blick auf die Szene als Ganzes machen "A Life Less Lived" zu einem der vielleicht vollkommensten Sampler dieser Sparte. Unglücklich zu sein, ist manchmal eben doch ganz schön.


|| AUTOR: BISSINGER/DRESSLER // DATUM: 28.04.2014 ||  


ARTWORK/COVER CD-BOX: © RHINO // FOTOS/COLLAGE: © ANTJE BISSINGER.


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