POSTPUNK PROJECT "SOME WEAR LEATHER, SOME WEAR LACE": ZWISCHEN SCHEIN UND SEIN - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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POSTPUNK PROJECT "SOME WEAR LEATHER, SOME WEAR LACE": ZWISCHEN SCHEIN UND SEIN

Exlibris

Sie kamen um zu sehen; sie kamen, um gesehen zu werden.

Alleine in diesem Jahr strömten rund 21.000 lustig gewandete Besucher zum Leipziger Wave-Gotik-Treffen, um im Rahmen des seit 1992 bestehenden Pfingst-Rituals Gleichgesinnte aus aller Welt zu treffen, Musik zu hören – und, im friedlichen Beisammensein, Geist und Traditionen der Gothic-Bewegung zu zelebrieren. Ganz schön dunkel wurde es kurze Zeit später auch in der multikulturellen Rhein-Metropole Köln und der niedersächsischen Domstadt Hildesheim, wo nachtverliebte Festival-Veteranen ihren schwarzgetünchten Sommer der Liebe schließlich mit Amphi und M’era Luna stilecht zu Grabe trugen.

Auf ein baldiges Wiedersehen 2015, wenn die dunkelbunte Szene, mangels Alternativen, wieder mal das macht, was sie am besten kann: Sich selbst feiern.


Und während die ersten ewig Unverbesserlichen bereits Tickets vorbestellt und diesen Schatz, in bester Gollum-Manier, ganz dicht an ihre Herzen gepresst, ständig bei sich tragen, geht dem einen oder der anderen zur Abwechslung vielleicht auch mal ein Lichtlein auf.

Nein, wir meinen nicht die überaus gruseligen Echtwachs-LED-Kerzen im heimischen Dunkel-Gemach. Auch nicht das leuchtende Smartphone-Display unter der schwarzseidenen Bettdecke, wenn die manisch bleichen Finger zu nachtschlafender Stunde mal wieder farbige Süßigkeiten ordnen oder virtuelle Café-Besucher mit gesundheitlich äußerst bedenklichen Pixel-Speisen bewirten müssen. Sondern einen leisen Hoffnungsschimmer in den heiligen Hallen der selbst zu verwaltenden Denkfläche, deren zelluläre Auslegeware über die feucht-fröhlichen Sommermonate hinweg mitunter ganz gewaltig Staub angesetzt haben dürfte.

Da trifft es sich gut, dass der Buchhändler des Vertrauens seine ohnehin stets verlockenden Regale, passend zur depressionsumwölkten Winterpause, aktuell wieder mit jeder Menge frisch gepresstem Lese-Futter angereichert hat.


Ein ebenso schillernder wie seltener Anblick ist dabei der quadratisch praktische Import-Band, der sich mit seinem Retro-fidelen Single-Format auch nahtlos gut in jede Plattensammlung schmiegt: „Some Wear Leather, Some Wear Lace – The Worldwide Compendium Of Postpunk And Goth In The 1980s“.


Compendium; das bedeutet, in deutsche Sprache übertragen, zum einen erst einmal ganz klassisch „Handbuch“ – zum anderen aber auch „Leitfaden“, und irgendwo dazwischen bewegt sich die Niederländisch Amerikanische Freundschaft (Autorin Andi Harriman und Historikerin Marloes Bontje) mit ihrem Projekt.

Zwar trägt Cover-Boy Tory Starbuck
auf dem Titel weder Leder, noch Spitze, bringt dafür aber ein zentrales Motiv der Szene auf den Punk(t): Grenzen dienen spätestens seit Ziggy Stardust und der, New Romantic sei Dank, frisch reinkarnierten Glamrock-Ära, nur mehr dazu, sie mit einem wütenden Sprung zu überwinden – nicht nur in der Musik, sondern auch in der Mode: Androgynität wird zum neuen, alten Thema – auf der Bühne und im Zuschauerraum.

Lilafarbenes Zuckerwatte-Haar, schmales Trägershirt, Metallic-Nagellack, Plexi-Armreif und Disco-Glitzerschmuck: Klischeehafter ließe sich die von der Gesellschaft wohl eher unter „typisch Mädchen“ verbuchte Farb- und Formenwelt nicht auf den Punkt bringen. Nur der schwere Patronen-Gürtel, die enge Kreuz-Kette und der farblich passende Nietenschmuck am Arm passen irgendwie nicht ins Bild: Diesen eigenwilligen Brachial-Kitsch gab es bei Bowie
und Konsorten dereinst nicht zu bestaunen.

Wer, wie Musiker Starbuck, das Spiel mit den Kontrasten wagt, gewinnt.


Und so reift in der ausgeprägten Club-Kultur des Underground, spätestens mit Beginn der 1980er Jahre, eine (noch) namenlose Gegenkultur zu beachtlicher Größe heran, deren skandalös skurrile Optik sich schließlich als gefundenes Fressen für die Medien erweisen wird – und das düsterromantische Dasein binnen weniger Jahre in ein totes Stück Geschichte verwandelt.
Marketing-Mechanismen rauben dem kurzlebigen Phänomen seine Unschuld.

Heute ist es der mutierte Gruft-Pop der späten Achtziger, dessen fragwürdige Ästhetik als eine Art Urform des Schwarzkittel-Daseins in der sogenannten Szene für Verzückung sorgt.


Darüber hinaus brachten die Irrungen und Wirrungen der jüngeren Musikgeschichte auch drollige Kinder-Karnevalisten der Marke Tokio Hotel
hervor, mit dessen blitzlichtaffinem Frontmännchen Bill Kaulitz das Nieten-Thema wieder groß in Mode kam. Spätestens seit dem Vampir-Hype um Bisse im Morgengrauen, Nebel, oder ähnlich hausbackene Fetisch-Fantasien ist klar:

Manche tragen Leder, andere Spitze.


Denn angesagt ist das, was in den Geschäften liegt. Und so kann es passieren, dass selbst der harte Kern der schwarzgewandeten Konsumverweigerer dieser Tage in heimliche Verzückung gerät, wenn aus den an sich verhassten Schaufenstern eines schwedischen Moderiesen plötzlich halbwegs tragbare Kleidung winkt.

„Ich glaube, der größte Unterschied zu heute ist, dass wir damals alles selbst gemacht haben“, sagt Sean Chapman
. „Die Mode, die Musik, die Clubs, und die Szene. Heute wird die Jugendkultur den Leuten quasi auf dem Silbertablett präsentiert. Sie ist Massenware, ein Produkt (unter vielen), das man (eben einfach) kauft.“

Viele der heute größtenteils in Vergessenheit geratenen Szene-Veteranen, die für „Some Wear Leather, Some Wear Lace“ noch einmal die Archive ihrer Jugend durchstöbert haben, denken ähnlich. Ihre Geschichte dürfen sie in diesem umfangreich imposanten Band jetzt erstmals selbst erzählen – in Wort und Bild.


Dabei drängt sich eine seltsame Parallele zur Lindbergh-Story auf: Obgleich dem britischen Flieger-Duo Alcock
und Brown bereits 1919 der erste Nonstop-Flug über den Atlantik gelang, machte der eigentlich ihnen gebührende Ruhm acht Jahre später den inszenierungsfreudigen Amerikaner zur Legende. Filme und Fotos von Charles Lindbergh kennt heute jeder: Clevere PR-Strategien und ein breites Medienecho haben seinen Hollywood-Glanz auf ewig konserviert.

Zum Glück ging es da in den 80er Jahren um einiges demokratischer zu: Die Technik war bezahlbar geworden; fotografieren und filmen konnte jetzt im Grunde jeder, der Lust und Laune dazu hatte. Also höchste Zeit, die vergessenen Dokumente einmal öffentlich zu zeigen.

Deshalb gibt es in „Some Wear Leather,
Some Wear Lace“ nicht nur illustre Gruft-Prominenz wie Siouxie Sioux, Alien Sex Fiend, Sisters Of Mercy, Christian Death oder Clan Of Xymox zu bestaunen, sondern auch die künstlerischen Selbstinszenierungen oder Alltags-Schnappschüsse der bis dato namenlosen Ur-Goten.

Einige der Fotos sind bereits aus früheren Szene-Publikationen bekannt; so zum Beispiel die bayuwarische Grufti-Serie von Stefan Alt
alias Salt, die zuletzt in Alexander Nyms monströsem Hochglanz-Wälzer „Schillerndes Dunkel“ von 2010 zu sehen war. Auch Pierre Terrassons legendäre Batcave-Serie dürfte frankophilen Genre-Enthusiasten schon über den Weg gelaufen sein. Macht aber nichts.

So wie hier, auf ungewöhnlich schweren, haptisch angenehm rohem Papier, das dankenswerterw
eise einmal ohne den szenetypischen Hochglanz-Faktor auskommt, wurden diese Aufnahmen bisher noch nicht präsentiert.

Das Ganze schwankt in seiner Aufmachung zwischen Ausstellungskatalog und Panini-Sammelalbum.

V
or weißem Hintergrund werden Kunst und fragmentierter Krempel, sowohl in Farbe als auch Schwarzweiß, wie in einem Museum präsentiert: Passfotos, Konzertkarten, Poster, Schaufenster der bekannten Szene-Läden, Club-Ausweise, Mailorder-Kataloge – und zu guter Letzt noch das Objekt der Begierde schlechthin, die heute irgendwie aus der Mode gefallenen Wincklepickers; prominent in Szene gesetzt für das letzte Kapitel.

In kleinen Einschüben gibt es zudem auch allerlei Kurz-Trips in ferne Kulturen zu sehen: Wer schon immer mal wissen wollte, wie das Grufti-Leben der 80er dereinst in Skandinavien, den Niederlanden oder Japan ausgesehen hat, kommt in diesen auf dunklem Hintergrund auch optisch hervorgehobenen Zwischenspielen auf seine Kosten. Leider hat das verfügbare Material hier jeweils nur zu einer Doppelseite gereicht; Spanien ist immerhin mit einer mehrteiligen Fotostrecke im Portfolio vertreten.

„Es war mir damals wichtig, mich (auch in der Mode) kreativ auszuleben“, erinnert sich Rosie Garland. „Sich einerseits als Goth bezeichnen und andererseits am Ende doch nur wieder nachkaufen, was alle anderen Gruftis tragen? Das ergibt für mich einfach keinen Sinn.“


So wurde auch bei der Auswahl der Fotos darauf geachtet, ein heterogenen Bild der Verlorenen Kinder von einst und ihrer bis heute verteidigten Subkultur zu zeichnen.


Klar, dass der ausgeprägt visuelle Aspekt von „Some Wear Leather,
Some Wear Lace“ am Ende auch die Textpassagen überstrahlt. Schließlich ist die Bild-Botschaft auch über die Landesgrenzen hinweg verständlich. So läuft der liebevoll durchkomponierte Band natürlich gerade bei Nicht-Muttersprachlern Gefahr, als bloßer Style-Guide konsumiert zu werden. Doch auch wer des Englischen nicht ganz so mächtig ist, hat gute Chancen, beim geschichtlichen Teil des Buches mitzukommen: Längere Blöcke werden durch die Montage markiger Zitate oder Songzeilen aufgelockert; das Vokabular ist recht simpel und keinesfalls pseudo-wissenschaftlich gehalten; somit auch ohne Wörterbuch als entspannte Abendlektüre bei einem Gläschen Rotwein zu genießen.

In derart
gepflegter Atmosphäre bietet es sich natürlich an, ein wenig über den gotischen Geschichts-Verlauf zu sinnieren.

Den eines wird mit „Some Wear Leather, Some Wear Lace“ nicht nur im Titel deutlich: Je mehr das optische Erscheinungsbild des Einzelnen in den Fokus rückte, desto weiter entfernte sich die Szene schließlich von dem, was ihr Wesen ursprünglich einmal begründet und die Mitglieder als harmonischen Woodstock-Verbund zusammengeschweißt hatte: Der Musik.


Mehr als über die sinistre Klang-Kultur haben sämtliche Protagonisten dann auch über ihre optischen Exzesse zu berichten: An dieser fragwürdigen Entwicklung – weg von der verschworenen Tonliebhaber-Gemeinschaft, hin zu einem stumpfen Neben- und Gegeneinander von Schausteller-Egos, krankt die Gothic-Szene bis in ihre heutige Generation.


„Das Auftakeln dauerte manchmal vier Stunden“, erinnert sich Renee de Vin
. „Kleidung, Haare, Makeup, alles musste einfach perfekt sein. Wenn ich also am nächsten Tag zur Schule musste, ließ ich meinen Wecker schon morgens um drei klingeln, um bis acht Uhr fertig zu sein.“ Nur wenn es regnete, gab es ein Problem: De Vin sah sich nicht dazu in der Lage, das Haus zu verlassen, da die Wassermassen ihr Styling runiert hätten. Also blieben neben der Niederländerin bei schlechtem Wetter wohl auch andere Gothics der Schule fern. Innerhalb der Club-Kultur galt bald das gleiche Credo: „Wenn auch nur ein kleines Härchen nicht richtig sitzen wollte, gingen wir lieber gar nicht erst weg.“

So waren es vermutlich doch nicht der feindliche Label-Kommerz oder der mediale Dauer-Beschuss, die den originären Szene-Geist am Ende unter sich begruben. Sondern die fehlende Auseinandersetzung der Akteure mit ihrer Subkultur, deren ursprüngliche Werte und Ideale, ohne Gegenwehr, an einer aufkeimenden Oberflächlichkeit grausam ersticken mussten.


Am Ende kommt es schließlich nicht darauf an, ob die Löcher in der Kleidung hausgemacht sind – oder die konfektionsrebellische Klamotte „nur“ Katalogware ist: Wer weniger Zeit für das äußere Styling aufwenden muss, hat schlussendlich auch mehr Gelegenheit dazu, das Innere zu individualisieren und mit spannenden Inhalten auszukleiden: Eine lebendige Gegenkultur braucht beide Seiten dieser Medaille, Wort und Bild, um im Kampf gegen den Mainstream am Ende nicht auf der Strecke zu bleiben.

Nicht erst in der nächsten Generation liegt also die Chance, das Ruder herumzureißen: Indem wir unverbesserlichen Schwarzmaler uns, zum Beispiel
während der Lektüre von „Some Wear Leather, Some Wear Lace“, auf die Wurzeln des Gothic-Phänomens besinnen und von den „Alten“ lernen, können wir die gegenwärtige Eitelkeit am Ende vielleicht doch noch besiegen – und nicht nur dem langsam dahinsiechenden Koma-Patienten Gothic-Szene, sondern auch den übrigen Subkulturen endlich wieder neues Leben einhauchen.

|| TEXT: ANTJE BISSINGER | DATUM: 26.11.2014 | KONTAKT | WEITER: INTERVIEW MIT ANDI HARRIMAN & MARLOES BONTJE (THE POSTPUNK PROJECT)





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Website
www.postpunkproject.com


BILDQUELLE © INTELLECT LTD; FOTOS © THE POSTPUNK PROJECT / ANDI HARRIMAN & MARLOES BONTJE; © SUSAN RICHMAN (Kim & Val 1983).

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