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11/18: RE-FLEX, !DISTAIN, RADIOAKTIVISTS, THE ANIX, SCANDROID - SYNTHIE-POP GESTERN, HEUTE, MORGEN

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Der Wandel der elektronischen Musik geht selbstverständlich einher mit der Erschwinglichkeit und Verfeinerung des entsprechenden tönernen Inventars. Am Ende allerdings entscheidet allein das Talent des Musikers darüber, wie gehaltvoll solch ein Elektro-Pop-Song werden kann.

Im Fall der britischen Re-Flex allerdings muss anno Tobak (genauer gesagt: 1983) eine überdeutliche Geschmacksverirrung seitens der Hörerschaft attestiert werden. Schließlich stand die Synthie-Pop-Untergattung New Romantic in voller Blüte, und Re-Flex' erstes (und ofiziell einziges) Album "The Politics Of Dancing" passte nahtlos zum nihilistischen Popper-Zeitgeist. Doch nur ihre albumtitelgebende Single schaffte es in die Radios und mit ach und krach unter die Top 30. Das Album ging in ihrer Heimat sogar komplett unter. Der einzige Grund mag vielleicht gewesen sein, dass die Dichte der Genre-Hochkaräter so immens war, dass die Gruppe sich nicht durchsetzen konnte (allein in diesem Jahr kamen solche Sahnestücke wie "Sweet Dreams" von Eurythmics, "Too Shy" von Kajagoogoo oder Men Without Hats' "Safety Dance" auf den Markt). Dank des Cherry Red Labels, das sich für das Bergen verschollener Schätze spezialisiert hat, kommt man jetzt in den Genuss, das Album neu- und wiederzuentdecken. Denn mit "frischen Ohren" erkennt man erst, wie geschmeidig Bass, Schlagzeug, Gitarre und Keyboard zusammenspielen und gleichsam immer wieder versuchen, sich zu übertrumpfen. Und auf einmal stellt man neidlos fest: die Jungs konnten nicht nur "Politics...", sondern auch "Praying To The Beat", "Hitline" oder auch "Something About You" - allesamt amtliche Pop-Songs im typisch funkigen Up Tempo. Die zweite CD beinhaltet neben vielen, bisweilen skurrilen Remixen ("Hurt" im Promo Rubber Dubber Mix ist so einer dieser Experimentierfelder) auch Songs wie "Flex-It", "Cut It" und "What You Deserve", die es nicht auf das Album geschafft haben. Ein wirklich unterschätztes Werk einer insgesamt unterschätzten Band.

Für !distain gilt bisweilen dasselbe. Angefangen als Trio Distain! verbuchten sie vor allem mit "Confession" einen Düster-Club-Hit. Anfang des neuen Jahrtausends verließen zwei Musiker die Gruppe, übrig blieb nur Sänger Alex Braun und der gerade erst dazugekommene Manfred Thomaser. Seitdem wurde das Ausrufezeichen im Bandnamen nach vorne gestellt und ein wesentlich entspannterer Umgang mit der Ware Synthie-Pop angestrebt, ohne die genreimmanente Melodieverliebtheit außer Acht zu lassen. Doch so selbstsicher und von feinem Witz durchzogen wie beim beachtlichen "Farewell To The Past" waren die Vorgängeralben nur selten. Bereits der Opener "The Cosmic Revolution" kommt mit interstellarem Navi-Sprech im Mittelteil daher, "Maid Of Freedom" schaut nicht ungeschickt von einer anderen Maid ab, nämlich jener von Orléans, einst wunderschön von OMD besungen, und "SynthPopBoy" spricht das aus, was wir alle schon immer vermuteten: Hinter jedem harten und ultramännlichen Leder-EBM-ler steckt doch in Wirklichkeit ein Freund ohrenschmeichelnder Elektronikmusik. Schon allein diese ersten drei Songs reichen aus, um zu merken, dass !distain sich tatsächlich ihren Albumtitel zu Herzen genommen und einen neuen, noch unverkrampfteren Weg gewählt haben, der dem Genre auch einen gewissen neuen Chic verleiht. Ihre alten Geister haben Alex und Manfred abgestreift; manchmal meint man gar, die Stücke arbeiten die schon 15 Jahre zurückliegende Trennung der alten Bandmitglieder indirekt auf. !distain kehren der Vergangenheit den Rücken und schaffen somit ein stilistischen Befreiungsschlag.

Was passiert, wenn mehrere kluge Köpfe, die eine Stilrichtung nachhaltig beeinflusst haben, in einer Band zusammenfinden? Man spricht gemeinhin von einer Supergroup. Und dieses Attribut ist eigentlich noch untertrieben für Radioaktivists. Frank Spinath (Seabound, Edge Of Dawn) Daniel Myer (Haujobb, Architect, Covenant) und Jan Krischan Eric Wesenberg (Rotersand) bilden das musikalische Grundgerüst, Sascha Lange bringt sein theoretisches Wissen als DJ und Autor verschiedener Bücher (unter anderem dem Depeche-Mode-Bildband "Monument") ein. Nun kann so eine Melange entweder fundamental in die Hose gehen oder eine wahre Hit-Explosion hervorrufen. "Radioakt One" ist letzteres! In diesem Fall verderben zu viele Köche nicht den Brei, sondern machen ihn zu einem unerwarteten Geschmackserlebnis. Jeder hat sich zu gleichen Teilen in die Produktion eingebracht. Man hört Wesenbergs cluborientieren Trance-Sound ebenso heraus wie Myers Liebe zu frickeligen Klang-Experimenten und Spinaths klarem Sounddesign - mit seinem markanten Gesang als Topping. Alles zusammen verbindet sich zu einem intelligenten, teilweise unterkühlten Electro-Pop, der trotz seiner glasklaren Beats mehr auf die Hirnwindungen als auf das Tanzbein zielt - "Kopf-Hörer-Musik" im mehrfachen Sinn sozusagen. Und diese zeigt sich breit gefächert, ganz gleich, ob die Sequenzen grobkörniger wie bei "Sinner" daherkommen oder die Bass-Drum extrem umschmeicheln wie bei "Pieces Of Me". "Radioakt One" wird mit jedem Hören gewichtiger und zeigt auf, in welche Höhen Synthie-Pop noch geschraubt werden kann.

Der elektronischen Populärmusik neue Twists und Spins zu verleihen, ist seit jeher unumstössliches Credo der Synth-Wave-Bewegung. Im Grunde genommen spiegelt diese Spielart unsere jetzige, von Globalisierung und Digitalisierung dominierte Lebensweise. So ist auch das sechste Album "Shadow_Movement" von The Anix ein eklektisches Werk, das konzeptuell auf einer dystopischen Cyber-Punk-Saga aufbaut, wie man sie oft von japanischen Animes her kennt, während auf musikalischer Ebene bekannte New-Romantic-Bausteine mit einer fetten Produktion gekreuzt und - im Fall von the Anix - auch gerne Nu-Rock-Manierismen bedient werden, was sie ein wenig in die Nähe der späten Linkin Park rückt (nur ohne Rap-Parts). Doch steht bei The Anix immer die elektronische Sequenz stärker im Vordergrund, die Gitarren füllen die Szenerie mit erdigen Emotionen. "Shadow_Movement" beschreibt die Geschichte des isolierten Individuums in einer komplett digitalisierten Umwelt, das sich gegen eine maschinenbasierte Herrschaft auflehnen will. Die düstere Zukunftsvision füllt Mastermind Brandon Smith dementsprechend mit tendenziell bedrohlichen Akkorden aus, bietet aber gleichzeitig genügend Spielraum für das befreiende Moment, das sich im Zusammenspiel aller Instrumente manifestiert. Bei The Anix steht die Freiheit und die Rebellion im Vordergrund, weniger die traurigen Umstände, die dazu führen. "Fight The Future" ist von solch einem Positivismus durchzogen, aber auch "Wasteland" zeigt sich, bei aller Nachdenklichkeit, immer kampfbereit. The Anix ist ein rundum stimmiges Albumg gelungen, dass das Kopfkino ohne lange zu zögern mit klaren Bildern aus einer wenig verheißungsvollen Zukunft befeuert.

In ähnlicher Mission, den Klang der nächsten Generation zu definieren, ist auch Scandroid unterwegs. Es passt daher, dass Klayton, der sehr umtriebige Musiker dieses Projektes, beim gleichen Label FiXT untergebracht ist. Seit Beginn veröffentlicht Scandroid brav im Jahrestakt. Nach dem ansprechenden selbstbetitelten Debüt von 2016 und dem Nachfolger "Monochrome" folgt nun das neue...Album? Nicht ganz: Vielmehr ist "The Darkness" der erste Part der Veröffentlichung "The Darkness And The Light". Der "lichte" Teil wird im neuen Jahr veröffentlicht. "The Darkness" jedenfalls wirkt mit sechs Stücken und vier Remixen eher wie eine verschwenderisch ausgestattete EP. Sei's drum: Auf die Qualität der Nummern nimmt dies keinen Einfluss. Ganz im Gegenteil, denn die reduzierte Anzahl der Songs führt zum intensiveren Hinhören. Schließlich erstaunt die erste Nummer "Phoenix" mit seinen knalligen Metal-Gitarren-Riffs. Doch bleibt dieser rockige Einschlag ein kurzes Vergnügen. Bereits "The End Of Time" lässt die Saiteninstrumente nur noch als konstantes Grundrauschen im Hintergrund fungieren. Ab dem smoothen "Onyx" arbeitet sich "The Darkness" in Richtung eines atmosphärischen Synthie-Pop vor, der bei "Red Planet" geradezu sakral bis cineastisch daherkommt. Die angehängte Remix-Abteilung zeigt sich dem Original-Material sehr verpflichtet, bietet aber einige interessante Varianten an. "Onyx" wird im Hexenkraft Remix leicht angerockt, "Red Planet" erhält in der Neuabmischung von Lazerpunk noch mehr Druck durch schlagkräftige Beats, und Volkor X hievt "Phoenix" durch breite Flächen geradezu durch die Wolkendecke in Richtung Transzendenz. Diese Veröffentlichung ist klug angelegt, macht sie doch extrem neugierig, was die Zukunft bringen wird.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 27.11.2018 | KONTAKT | WEITER: IM GESPRÄCH: LEICHTMATROSE>

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Webseiten:
www.re-flex.info
www.distain.de
www.facebook.com/Radioaktivists
www.theanix.com
www.klayton.info

Covers © Cherry Red/Rough Trade (Re-Flex), Echozone/Soulfood (!distain), Dependent/Al!ve (Radioaktivists), FiXT (The Anix, Scandroid)

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