IAMNOONE "GLOOMY DAYS" VS. DEAD ASTRONAUTS "SHALLOW GRAVE": TANZT SOLANGE IHR NOCH KÖNNT - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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IAMNOONE "GLOOMY DAYS" VS. DEAD ASTRONAUTS "SHALLOW GRAVE": TANZT SOLANGE IHR NOCH KÖNNT

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Es war zwar der Dreißigjährige Krieg, der den Schriftsteller Andreas Gryphius zum bekannten Sonett "Es ist alles eitel" inspirierte, doch seine Gedanken gehen über die Gräueltaten hinaus und betrachten das Leben als einen zyklischen Ablauf zwischen Werden und Vergehen. Seine Ideen finden besonders in der Schwarzen Szene großen Anklang und bilden unter anderem auch bei den italienischen Darkwaver von Iamnoone die Basis ihrer Texte. "In Our Time Of Dying" aus ihrem ohnehin schon düster betitelten Album "Gloomy Days" zeigt genau, worum es geht. "In our time of dying, nothing remains." Am Ende zählt nichts mehr, was man auf Erden besitzt.

Aus diesem Wissen heraus bleibt als einzige Auswege entweder das Leben in vollen Zügen zu genießen oder sein Leben lang in melancholischem Zustand Welt und Existenz zu beweinen. Dass das italienische Duo eher erste Option bevorzugen, lässt der dann doch sehr weltliche und eindringliche Sound vermuten, der vor allem den Tanz und die damit verbundene Lebensfreude zum Ausdruck bringt. Dass sich Vanitas und Ekstase vereinen lassen, ist aber auch nicht erst sein Iamnoone bekannt.

Diese haben sich für dieses Album indes interessante Verstärkung geholt. Der griechische Musikproduzent Kay-Chi unterstützt das Zweiergespann bei gleich vier Stücken. "A Season In Hell", "Torture", "Into The Void" und das abschließende "One Out, One In" sind durch seine Mithilfe entstanden. Jener macht mit seine dunkeldiskoiden Tracks inzwischen öfters auf sich aufmerksam und gibt auch Iamnoone einen griffigen Klang.

Doch auch ohne fremde Hilfe wissen die beiden Musiker, wie sie klingen wollen. In erster Linie ist es Sänger Philippe Marlat, dessen alerte Stimme an die Anfangstage von Les Anges De La Nuit erinnern, während ihr Sound sich auf die Quintessenz des Genres eindampft. Beispielhaft dafür steht "Still Awake", das mit feinen Gitarrenlinien, Synthesizertupfern und markanten Basslinien eine Spannung erzeugt, ohne dass dafür die große Special-Effects-Kiste geöffnet werden muss.

So geht "Gloomy Days" dem Gefühl absoluter Trauer mit einer gewissen musikalischen Leichtigkeit nach. Die "düsteren Tage" scheinen nicht nur unabdingbar in unserem Leben zu sein, sondern auch notwendig, um daraus die wenigen glücklichen Momente mehr zu schätzen - so wie dieses Album uns versucht, glücklich zu machen.

Ähnlich gelagert sind die Gedankengänge auch bei Dead Astronauts aus Portland. Zwar sicherlich nicht mit der deutschen Barockdichtung vertraut, haben sie ähnlich Themen. "From dust we are, from dust we'll return" heißt es da altbekannt in "From Dust". Auch bei "Shallow Grave" ist der Tod nicht weit (wass bereits der Titel deutlich macht).

Parallel zu ihren italienischen Labelkollegen, befasst sich das Projekt mit der Frage nach dem "richtigen" Leben in einer Zeit der Orientierungslosigkeit. Aus der Erkenntnis heraus, das man am Ende dennoch nicht lebend aus der Sache rauskommt, umgeben die Lyrics einen Schleier der Vergänglichkeit und latenter Todessehnsucht.

Dieser wird auf musikalischer Eben aber perfekt gebrochen. Dead Astronauts sind zwar immer noch Coldwaver, aber dieses Mal geben sie den 80er-Affen ordentlich Zucker. Bisweilen offenbaren sie wie in "Who Kills Who" eine nicht zu verleugnenden EBM-Affinität, aber wenn in "Glistening Things" bittersüße Popmelodien aufgefahren werden und der Titelsong einer romantischen Liebäugelei mit Synthwave gleichkommt, wird die Schwärmerei zu anheimelnden Melodien und großen Spannungsbögen deutlich.

Das lässt sich auch in "Stuck (In A Modern Day Cult)" feststellen, bei dem sich Sänger Jared Kyle Nickerson in verspielte Gesangspassagen verliert, erkennen. Am Ende führt der Dark Club Mix von "Bodies" die Nummer in die Nähe zu Bands wie Rotersand oder VNV Nation. So ganz ohne Anbiederung an die Hörgewohnheiten geht es dann wohl doch nicht. Aber das ist nur legitim, da neun Songs vorher Dead Astronauts einen sehr eigenwilligen und auch mutigen Sound kreiert haben, bei dem es nicht darum geht, mit Gefälligkeit zu punkten, sondern die tiefsinnigen Gedanken adäquat in musikalische Relation zu setzen - teilweise sogar diametral.

Bereits mit ihrem Vorgänger "Ghosts" hat das Elektro-Tandem einen Meilenstein veröffentlicht, der nun von "Shallow Grave" weiter geführt wird. Mit jeder weiteren Publikation zeigen sich die toten Astronauten selbstsicherer und gewiss ob ihrer Talente. Rasch ist die Jugend mit dem Wort, und eine wahrsagende Glaskugel wird wohl auch keiner sein Eigen nennen. Doch wenn nichts Unvorhergesehenes geschieht, kann Dead Astronauts in den nächsten Jahren eine einflussreiche Szenegröße werden.

Dieses wünscht man sich natürlich auch Iamnoone. Da beide das große Glück haben, auf dem Cold Transmission Label beheimatet zu sein (und dieses seine Künstlerinnen und Künstler immer mit voller Hingabe und Leidenschaft unterstützt), ist ein größerer Bekanntheitsgrad  gar nicht so unwahrscheinlich. Und es ist ein tröstlicher Gedanke, dass in einer Welt, in der nichts für ewig bleibt, ihre Musik alles überdauern kann.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 17.10.26 | KONTAKT | WEITER: VARIOUS ARTISTS "TARKOVSKY">

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