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"IM UNTERGRUND" 2015: SCHILLERNDE GEISTERWELTEN

Exlibris

Das Neue Jahr beginnt im Underground.

Nachts, wenn es dunkel wird, tauchen Micha Pawlitzki und seine Kamera hinab in die städtische Unterwelt – und halten fest, was mit den schillernden Geisterräumen dieses sphärischen Kosmos' geschieht, wenn der urbane Pulsschlag mit einem Mal verstummt.


Zwölf dieser ungewöhnlich majestätischen Einblicke in eine nahezu unbekannte
Parallelwelt zeigt der architekturverliebte Fotokünstler jetzt in seinem aktuellen Kalender "Im Untergrund 2015".

Die Stadt in der Stadt ist gelebte Demokratie.


Hier sind für einen flüchtig raren Augenblick
alle gleich; die hierarchische Untergliederung in erste und zweite Klasse findet in den Zügen der städtischen Verkehrsbetriebe nicht statt.

Ein flirrender Ort der Begegnung; eine offene Plattform, auf der zusammenkommt, was im täglichen Leben sonst zwangsläufig in strikt separierten Bahnen verlaufen muss.

Der geschäftige Banker im maßgeschneiderten Designer-Dress, der nervös an seiner Rolex spielt und sein geschäftiges Smartphone mit großer Geste im manischen Sekundentakt bedient
. Leicht zerknautscht wirkende Studenten mit dunklen Spätschichts-Ringen unter den Augen, ihren obligatorischen "Kaffee ToGo" fest zwischen die Handflächen gepresst. Hektische Muttis, die kreischende Säuglinge, trendige Monster-Kinderwagen und überquellende Shoppingerträge in misanthroper Manier durch die Menschenmenge bugsieren. Und die Unsichtbaren der Stadt, soziale Randgruppen wie Arbeits- oder Obdachlose, die klirrende Euronen erbetteln und die niedrigen Gängen auf der Suche nach einem halbwegs geschützten Schlafquartier durchkämmen.

Zur abendlichen Sperrstunde sind sie alle plötzlich
verschwunden.

"Ich habe die architektonisch spektakulärsten U-Bahnstationen Deutschlands bei Nacht fotografiert. Komplett ohne Fahrgäste, damit der volle Fokus auf die beeindruckende und überraschend unterschiedliche Architektur der Bahnhöfe gerichtet wird", schreibt Micha Pawlitzki auf seiner Internetseite.


Das stimmt so nicht ganz: Auf dem Dezember-Motiv, das der Fotograf am Duisburger Hauptbahnhof aufgenommen hat, ragen, hinter einem der monoton
grauen Stützpfeiler halb versteckt, trotzig die Beine eines einsam vergessenen Fahrgasts ins Bild. Doch diese Figur verschwimmt bald mit den schier ozeanischen Weiten dieser schillernden Geisterwelt.

Pawlitzki präsentiert den Raum in der klassischen Zentralperspektive; legt
aber gerade auf diese vordergründig eher traditionell anmutende Art und Weise die malerisch-magische Gesamtkomposition offen. Unendlich tief scheint sich der Tunnel ins urbane Dunkel zu dehnen, doch obgleich der minimalistisch kühle Bahnsteig eine gewisse Tristesse nicht leugnen kann, sind es doch warme, fast erdige Töne, die das Bild am Ende dominieren. Die aufgeräumt entvölkert gähnende Sphäre mit ihrem adrett auf Hochglanz polierten Rottönen, leicht verspiegeltem Orange und blitzblank geputzten Fliesen wirkt in diesem in sich ruhenden Moment nahezu heimelig.

Es gibt keine Jahreszeiten in dieser hermetisch abgeriegelten Unterwelt.


Dafür jede Menge Geschäfte, fliegende Händler, gequälte Promoter, lustlose Reinigungskräfte. Und immer Musik. Selbst dann, wenn auch der letzte Passagier aus diesen futuristisch reduzíerten
Fluren verschwunden ist.

Aus den Lautsprechern, die mit Vorliebe Bahnsteige und Passagiere der Ballungszentren mit klassischen Klängen beschallen. Und durch die
löbliche Kunst der Straßenmusikanten, deren wertreiche Lebensgrundlage (Gesundheit plus Instrument) hier, gerade in den Wintermonaten, genügsame Sicherheit findet.

Was haben der städtische Underground und das Richard-Wagner-Festspielhaus in Bayreuth gemeinsam? Beide verfügen über eine beachtliche Akustik – und sind mehr oder weniger prestigeträchtige Orte der Kultur.


Aktions-Künstler Christoph Schlingensief
, 2010 leider viel zu früh verstorben und in der gegenwärtigen Kunstszene geradezu schmerzlich vermisst, hat sie beide bespielt: Den Grünen Hügel mit seinem Parsifal (2004); das urbane U-Bahn-Netz mit dem subtilen Talk/Show-Format U3000 (2000). In Bayreuth ließ er einen Hasen-Kadaver via Filmprojektion in Zeitlupe verwesen, während halb verstummte Wagner-Chöre die berühmte Erlösung-dem-Erlöser propagierten. Den Untergrund nutzte das Enfant Terrible unter anderem, um gealterte Schlager-Größen, die auf der großen Bühne längst keiner mehr sehen wollte, als tragikomisches Bildmaterial durch den poplastigen MTV-Fleischwolf zu drehen.

"Es fährt ein Zug nach Nirgendwo, mit mir allein als Passagier", sinniert Rainer-Langhans-Double Christian Anders, während die S-Bahn-Linie unerschrocken durch den Berliner Underground dringt.


Irgendwo dazwischen: Die Monumental-Station Heidelberger Platz, die mit ihrem niedrigen Gewölbe und dem matthellen Stein als
halb versunkene, gotische Kathedrale erscheint. Wie ein merkwürdiger Fremdkörper aus einer anderen Zeit flammen alles überwachende Big-Brother-Bildschirme am rechten Bildrand auf, in deren technoiden Fenstern sich ausgestorben verlassene Gleise dankbar spiegeln dürfen. Das klaustrophobisch enge Raumklima gewinnt an dieser Stelle neue, interessante Perspektiven und fließt sprudelnd in die Dritte Dimension.

Micha Pawlitzki präsentiert die verblasste Erhabenheit dieses symmetrisch durchkomponierten, stumpfen Spiegelsaals mit seinen lüsterartigen Lampen und dem traurig seufzenden Golddekor als längst vergessend verklärten Palast der Moderne: Halb zerquetscht unter der städtisch drückenden Last, die sich mit steinerner Schwere auf seinem Rücken türmt; verschreckt zurückgewichen vor der geballten Wucht des technischen
Fortschritts, der sich, unaufhaltsam tosend, in unheimliche Tiefen entlädt.

"Im Untergrund" hält kontemplativ durchlebte Momente fest, die in unserem blind geschäftigen Alltag sonst nur weniger rastlosen Gemütern zu Teil werden.


Auf schwerem Fotokarton, der die landschaftsartigen Hochglanz-Panoramen in gestocher scharfer Qualität auf edlem Samtbett präsentiert, enthüllt Micha Pawlitzki das bisher ungekannte Gesicht eines entrückend poetischen Metropolis, dessen fremd vertrauter Zauber den Betrachter mit all seinen Sinnen gefangen nimmt.


Der Kalender ist überall im Handel oder unter www.teneues.com erhältlich.

|| TEXT: ANTJE BISSINGER | DATUM: 08.12.2014 | KONTAKT | WEITER: RÜDIGER ESCH "ELECTRI_CITY - ELEKTRONISCHE MUSIK AUS DÜSSELDORF"

Website
www.teneues.com
www.micha-pawlitzki-stock.com

COVER © TENEUES VERLAG.

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