"WOLKE 4": NEUE DEUTSCHE MITTELMÄSSIGKEIT - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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"WOLKE 4": NEUE DEUTSCHE MITTELMÄSSIGKEIT

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Auf seiner wunderbar größenwahnsinnigen Vortrags-Tournee "Jesus Christus Erlöser" erzählte Enfant Terrible Klaus Kinski einst vom Wirken des Gottessohns – als einem die Mediokrität verabscheuenden Aufwiegler und Anarchisten.

"Wäret ihr doch wenigstens heiß! Oder wenigstens kalt! Aber ihr seid nur lauwarm, und ich spucke Euch aus", ließ der Mime seinen Heiland sagen, wobei Kinskis eigene Ansichten zum Thema Gesellschaft nebst christlicher Heilslehre eine eigenwillig charmante Mixtur ergaben.

Würde Kinski jetzt, rund 45 Jahre später, noch unter uns weilen und auf die gegenwärtige Republik blicken, wie oft müsste der heißspornige Darsteller wohl einen Würgereiz verspüren? Und vor allem: Wer sollte es ihm verdenken?

Allerorts herrscht lähmender Konservatismus von einer Qualität, wie sie zuletzt wohl eher in Zeiten des Wirtschaftswunders begegnete.

Das Schlimme daran ist, dass sich diese nett-adrette Perlohrstecker-Polohemden-Monotonie vor allem in der jungen Generation mittlerweile flächendeckend festgesetzt hat.

Teenies und Adoleszente, Menschen also, die nicht nur die Energie, sondern auch den Mut zur Veränderung und Weltverbesserung aufbringen sollten, mutieren immer mehr zu gedankenlosen und fantasiebefreiten Opferlämmern der Unterhaltungsindustrie.

Määäh!

Technik ist das neue Opium fürs Volk, Steve Jobs (selig) der Messias und Elektrofachmärkte die Kathedralen unserer Zeit. Die gesamte Weltansicht passt in ein Smartphone mit wenigen Zentimetern Bildschirm; medial diktiertes Meinungs-Malen-Nach-Zahlen bestimmt Kopf und Alltag.

Neben dem auf Leistung getuneten Fortschrittsglauben und den Pseudo-Realitäten in Netz und TV steht das "wirkliche" Leben eher unglamourös auf dem Abstellgleis. Umtausch ausgeschlossen, es gibt ja keinen Kassenbon.

Kein Aufbegehren gegen bestehende und offensichtliche Missstände ist zu erkennen. Stattdessen suchen Mann und Frau nach konsumkapitalistischer Sicherheit, multiplizieren durch kontinuierliche Anhäufung fragwürdiger Statussymbole die schalen Botschaften der (Werbe-) Industrie und geben sich der totalen medialen Zerstreuung hin.

Alternativen Lebensentwürfen und Utopien wird heutzutage scheinbar so wenig ver
traut wie zu Beginn der 1960er Jahre.  

Tendenzen für eine reaktivierte Prä-Hippie-Ära finden sich nicht zuletzt auch in den Hitparaden: Farb- und konturlose Gestalten wie Helene F. singen sich mühelos in die Herzen der Bundesbürger und besetzen mit ihrem sinnfreien Heile-Welt-Gesülze wochenlang die Spitzenposition.


Gehörte die für den Erfolg auf Jetset blondierte Sängerin mit dem Grillhähnchen-Teint noch vor einigen Jahren zum festen Inventar der scheintoten Seniorenbespaßung im Schlager-TV der Öffentlich-Rechtlichen, hat sich die ach-so-natürliche Chanteuse laut diverser Umfragen mittlerweile zur attraktivsten Frau Deutschlands gemausert.

Keine Überraschung eigentlich: Schließlich sind Ecken und Kanten sowie die damit verbundene Individualität irgendwie schon vor Jahren aus der Mode gekommen.

Was also ist dieser Tage noch übrig von der verheißungsvollen "Neuen Neuen Deutschen Welle", die zum Millennium (lang ist's her) einen unverkrampften Umgang mit unserer Sprache in der Popmusik propagierte? Nur die traurige Erkenntnis, dass sich Deutsch-Pop irgendwo zwischen seiernden Gottesanbetern, unterirdischen Ballermann-Entertainern und gutmenschelnden Wort-Onanisten bereits erfolgreich in seine Bestandteile zersetzt hat.

Am Ende dieser auflösenden Entwicklung steht nun "Wolke 4" von Philipp Dittberner & Marv, der wie kein anderer Song das ganze popkulturelle Dilemma auf den Punkt bringt.

Das Lied lullt seinen (un-) freiwilligen Hörer mit elektonisch waberndem Gitarrenspiel und austauschbaren Hipster-Kopfnick-Beats ein ums andere Mal in selige Lethargie. Schlafstörungen lassen sich auf diese Art und Weise natürlich bestens bekämpfen. Allerdings sollte der halbgare Text jedem denkfähig fühlenden Menschen die Zornesröte ins Gesicht treiben.

"Lass uns die Wolke 4 bitte nie mehr verlassen, weil wir auf Wolke 7 viel zu viel verpassen", drögt der Sänger vor sich hin. "Ich war da schon einmal und bin zu tief gefallen. Lieber Wolke 4 mit Dir als unten wieder ganz allein".

Was bedeutet das im Klartext? Große Gefühle, Träume und vor allen Dingen auch
Ideale passen nicht in die durchgestylten Lebensentwürfe der Generation 2.0.

Suche gar nicht erst nach dem Besonderen, der alles erfüllenden Liebe. Ist alles wahnsinnig unbequem und furchtbar anstrengend. Halte lieber Ausschau nach einem Partner der Marke Pflegeleicht, der keine größeren Erwartungen an Dich stellt und da hinten in der schwedisch-steingrauen Sofaecke freundlicherweise gar nicht weiter ins Auge fällt. Frei nach dem Motto: Besser irgendeiner als gar keiner.

Kontrollverlust ist irgendwie bescheiden, klar. Schleichende Desillusionierungsprozesse? Ebenfalls wenig schön. Aber in einer derart leidenschaftsarmen Existenz, frei von Höhen und Tiefen, können sich Mann und Frau doch auch gleich die Kugel geben.

Nur wer sich traut, auf der Landkarte des Lebens auch mal unbekanntere Wege zu gehen, findet am Ende neben Erkenntnis und Sinn vielleicht auch zu sich selbst. Das ganz große Glück verspüren, mit jeder Faser des Körpers – das funktioniert nur, wenn das Unglück längst keine unbekannte Größe mehr ist.

Für den Song bedeutet das: Ohne emotionalen Super-GAU auch keine Wolke Sieben. Sich eben einfach auf das Leben einzulassen, auch mal auf Risiko zu setzen; trotz schmerzhafter Wunden und Narben immer wieder aufstehen, eine kleine Ewigkeit lang fliegen, unverhofft abstürzen, Herz und Seele wieder zusammenflicken, Dämonen besiegen, zumindest ein bisschen.

Davon scheint Philipp Dittberner – und mit ihm auch ein Großteil der Deutschen – meilenweit entfernt.

Der Erfolg dieses Songs zeigt aber noch mehr: Er spiegelt die allgemeine Katatonie dieses Landes wider, in dem jeder Mensch im Grunde nur eine Insel ist und es ohne erkennbare (Er-) Regung erfolgreich gelingt, global-gesellschaftliche Veränderungen zu verdrängen.

Arrogante Selbstgefälligkeit im Schutze der dreifaltigen Merkel-Raute.

In einem kürzlich geführten Gespräch mit Krupps-Sänger Jürgen Engler räsonierte der in Texas lebende Exil-Düsseldorfer darüber, dass eine Vereinigung à la Rote Armee Fraktion gegenwärtig dringender nötig sei als noch vor knapp 40 Jahren – freilich nicht als radikale Terrorzelle, sondern als verbal engagierte, außerparlamentarische Opposition als Gewissen der Nation.

Und er hat recht: Eigentlich ist dieser grundlegend ethisch-moralische Wandel längst überfällig. Auch in der Pop-Kultur.

Doch bis es endlich soweit ist, muss der lähmende Bequemlichkeits-Modus erst einmal auf "off" geschaltet werden. Dann verzieht sich die sichtvernebelnde "Wolke 4" nämlich von ganz allein...


|| TEXT: DANIEL DRESSLER / ANTJE BISSINGER  | DATUM: 17.08.15 |  KONTAKT |  WEITER: KOMMENTAR ANDREAS KÜMMERT- DER MAINSTREAM-MÄRTYRER >



FOTO © UNTER.TON/ANTJE BISSINGER.


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