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NITZER EBB "BODY OF WORK": DAS GROSSE EBM-MISSVERSTÄNDNIS

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Als 1987 "That Total Age" herauskam, war einigen bewusst, dass sich Nitzer Ebb damit in die Musikhistorie eingeschrieben haben. Aber nur den wenigsten dürfte klar gewesen sein, dass dieses Album auch den Kampf zwischen der Hörererwartung und dem eigenen Anspruch, den Sänger Douglas McCarthy und seinen Klangerzeugern Bon Harris und dem kurz nach dem Erstling ausgeschiedenen David Gooday an sich gelegt haben, entfachen würde.

Schließlich besaß dieses Album drei wegweisende Songs: "Join In The Chant", "Murderous" und "Let Your Body Learn" haben die Blaupause von DAFs zackiger Maschinenmusik genutzt und zu Ende gedacht. Danach hätten sie weiter in diesem Stile verfahren können, zogen es aber vor, in den 1990ern die Maschinen durch "richtige" Instrumente einzutauschen und einen organischeren Sound zu erschaffen. Das kam bei den Musikerkollegen gut an, weniger aber bei den Fans, die sich eben nach noch mehr "muscle and hate" sehnten, wie eine Textzeile von "Join in The Chant" lautet.

Den besten Überblick über dieses vielfältige Schaffen liefert nachwievor das Kompendium "Body Of Work", das nun als Vinyl-Version neu aufgelegt wird. Es verfolgt chronologisch den Werdegang der Gruppe und offenbart bereits mit ihrem ersten Song "Isn't It Funny, How Your Body Works", wie sehr sie zu Beginn von der Deusch-Amerikanischen-Freundschaft beeinflusst waren. Besonders die musikalische Nähe war damals unverkennbar. Doch schon im Gesang hat Douglas einiges anders gemacht als Gabi Delgado. Während jener seine Darbietungen mit unterschwelligem Sex aufpolsterte, bricht beim Engländer eine geballte Portion Wut aus den Stimmbändern. Douglas McCarthy schreit, stöhnt, ächzt, macht Alarm. Es wirkt immer so, als würde er beim Singen gleichzeitig auch noch Hanteln stemmen.

Nitzer Ebb haben das "Body" in Electronic Body Music deutlich hervorgehoben - noch mehr als eben DAF oder die belgischen Kollegen von Front 242. Der Körper steht im Mittelpunkt, wird zum Motor, der die Maschinen erst in Gang bringt - und auch die Denkprozesse ökonomisiert. So wirken die knappen, assoziativen Texte von "Join In The Chant" oder auch "Murderous" wie vom Drill-Instructor auf dem Kasernenhof rausgeschrien.

Der Querschnitt von "Body Of Work" macht aber schnell deutlich, dass es Douglas McCarthy spätestens mit Beginn der 1990er nicht mehr genug gewesen ist, immer den schwitzenden Muskel-Musiker zu mimen. Schleichend, aber unüberhörbar wurden die blubbernden Sequenzen ausgedünnt. Einmal noch entfalteten sie sich bei der Stalker-Nummer "Getting Closer" in voller Pracht, doch bereits "Lightning Man", das auch auf dem gleichen Album "Showtime" zu hören ist, erweitert das Repertoire um funkige Bläsersequenzen. An diesem Punkt wurde deutlich: Nitzer Ebb wollen nicht mehr Musik malochen, sondern kunstvoll erschaffen.

Die Aggressivität in der Musik wich nun einem ausgefeilteren Songwriting. Ob die Tatsache mitspielt, dass Nitzer Ebb nicht nur als Vorband von Depeche Mode ihre Karriere begonnen haben oder dass Ex-DM-Beau Alan Wilder das völlig unterbewertete "Ebbhead" 1991 produzierte, kann nur gemutmaßt werden. Aber Stücke wie "I Give To You", "Godhead" und "Ascend" nehmen bereits einiges an vom Grunge beeinflusste Elektronik vorweg, die zwei Jahre später auf dem Beinahe-Schwanengesang von Depeche Modes "Songs Of Faith And Devotion" komplett ausreifte.

Zu diesem Zeitpunkt haben sich die meisten schon von Nitzer Ebb abgewand. Die übrig gebliebenen mussten mit ihrem letzten Album "Big Hit" von 1995 hinnehmen, dass Douglas McCarthy und seine Mannen sich nicht etikettieren lassen wollten. Fast schon trotzig sperrig wirkt das Album, die Singles daraus, "Kick It" und "I Thought", auch auf "Body Of Work" enthalten, biederten sich der verschrobenen Klangwelt eines Trent Reznors (Nine Inch Nails) an und wollten ein neues Kapitel der Band aufschlagen. Tatsächlich war es das letzte; Nitzer Ebb löste sich kurze Zeit später auf.

Im Jahr 1995 hat sich EBM bereits weiterentwickelt, wurde zum Dark Electro mit sinistren, teilweise orchestralen Klängen. Geshoutet wurde vor allem in der belgischen New Beat Szene und im zu dieser Zeit prosperierenden Euro-Dance. Selbst ein Ostfriese namens Hans Peter Geerdes alias H.P. Baxxter alias The famous Schreihals of Scooter lässt sich in die Geneaologie einreihen, die Nitzer Ebb mit ihrem Tun begonnen haben.

Heutzutage steht Nitzer Ebb wie keine zweite Band für einen schweißtreibenden, latent militaristischen Sound, der irgendwann im neuen Jahrtausend den beknackten Titel "Old School EBM" erhalten hat und von vielen Bands (vor allem aus Deutschland und Schweden, wo Nitzer Ebb eine deutlich größere Anhängerschaft besitzt als in ihrem Heimatland) mehr schlecht als recht zusammengezimmert wird. Doch ist es unfair, die Briten nur auf ihre ersten zwei, drei Alben zu reduzieren. Dem Spätwerk wird in "Body Of Work" zwar auch nur wenig Platz eingeräumt (es scheint wohl eher der Chronistenpflicht geschuldet zu sein), doch gerade heutzutage sollte man dieser Phase noch mal Gehör schenken, um die Formation als Ganzheit zu begreifen: Nitzer Ebb haben mit EBM angefangen und mit EBM aufgehört - allerdings wurde "Body" nach und nach durch "Brain" ersetzt.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 24.03.19 | KONTAKT | WEITER: QUO VADIS MUSIKJOURNALISMUS?>

Webseite:
www.nitzer-ebb-produkt.com

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COVER © Mute/Rough Trade

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