AIMING VS. FIR CONE CHILDREN VS. WHOLE: ALTERNATIVE KLANGKÜNSTE
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Manchmal benötigen Songs keine große Einführung. Es muss nicht einmal der Text verstanden, sondern einfach nur dem Gefühl nachgespürt werden, die von den Nummern ausgehen. Bei Aimings formidabler EP "Sail & Wreck" ist genau dies der Fall. Mit ihrem wavig angehauchten Shoegaze und den entspannten Gesängen zeigen die beiden Protagonisten David und Jordan, dass es nicht unbedingt die großen und ausgeklügelten Klänge braucht, um zu fesseln.Aufgenommen im Heimstudio der Band, entfalten die vier Songs dieser EP eine intime Stimmung, die aber nicht darin verharrt, sondern stets den Ausbruch in die Grandezza wagt. Am besten ist das beim Titelsong zu sehen, der mit einem schummrigen Rhythmus beginnt, der entfernt an eine schnellere Version von Massive Attacks "Teardrop" erinnert. Doch bereits die verhallten Gitarren deuten an, dass dieses Stück wesentlich großflächiger angelegt ist. Das Versprechen löst Aiming dann auch in der Mitte mit großen Soundwänden ein.
Doch bedient die EP auch die Tanzfreudigen. Wobei "First At The Accident" im Mittelteil in schwelgerischer Pose verweilt. Insgesamt prescht das Stück aber durch seine bassigen Achtelnoten forsch voran. Ebenfalls kann "Shit Of The 80s" nach einem etwas surrealen Intro mit stringentem Songwriting punkten.
In ihren Stücken behandeln Aiming den lebensbedrohlichen Stillstand, ausgelöst durch toxische Beziehungen oder dem Festhalten an Altbekanntem, obgleich der Wunsch nach Veränderung sich bereits in einem manifestiert hat. Der schuhstarrerische Sound passt dazu natürlich wie Arsch auf Eimer, weil er wie kaum ein anderes alternatives Genre das Gefühl nach einem besseren, freieren Leben in Noten zu packen weiß. Nostalgie gepaart mit eskapistischen Poemen sind ein solides Fundament, um überlebensgroß zu strahlen und "Sail & Wreck" zu mehr als nur eine kurzweilige EP zu definieren. Hoffentlich kommt alsbald ein Nachschlag im Albumformat.
Aiming sind Teil der Blackjack-Illuminist-Records-Familie, die von Alexander Leonard Donat geführt wird. Über den Mann haben wir bereits mehrmals berichtet, eine weitere Einführung sei an dieser Stelle deshalb vernachlässigbar. Umso mehr Platz bleibt, um sich ausgiebig mit dem neuesten Album seines Projektes Fir Cone Children zu beschäftigen.Jenes ist ein Langzeitunternehmen: Wie eine in Noten gegossene Familienchronik muten die Werke an, bei denen Alexander das Leben seiner beiden Töchter in kleine aber feine Dreampunk-Kleinode gießt, in denen der Musiker gefühlvoll die Welt seines Nachwuchses unter die Lupe nimmt und daraus poetische Texte schmiedet, die eine Allgemeingültigkeit besitzen.
Mittlerweile hat sich die Stimmungslage allerdings etwas geändert. Die beiden Mädchen, 13 und zwölf Jahre alt, treten in die Pubertät ein, was per se schon eine komplette emotionale Umwälzung bedeutet. Zwischen kindlichem Festhalten an vertrauten Strukturen und dem Erkunden neuer Erfahrungen bewegt sich auch "Vs. The Real World" zwischen träumerischen und stürmischen Passagen.
Der Titel verrät es: Es geht darum, ein Gegengewicht zur echten Welt zu erschaffen, die momentan so viel erdrückender und zukunftsloser erscheint als es jemals der Fall war. Aber noch stemmen sich die beiden Teenies dagegen. Dementsprechend pendelt das Album musikalisch zwischen einem schuhstarrerischen Punk, der aber auch den beginnenden inneren Furor inkludiert, und einer naiven Spielfreude.
So kommt beispielsweise "Beating The Real World" wie ein phantasievoller Guerilla-Krieg gegen die abgestumpfte Gegenwart daher. "Superiority, that beats the real world". Es braucht nur 1:52 Minuten, um den grauen Alltagssumpf mit bunten Farben zu beschießen. Bereits die brodelnde Basssuppe im Opener "St. Vincent" lässt erahnen, dass hier neue Eindrücke verarbeitet werden - in diesem Fall die erste besuchte Rockshow von im Titel erwähnter Band.
Jeder Song ist eine kleine Geschichte aus dem Alltag der Donat'schen Sprösslinge. Der Mann aus Berlin macht daraus allgemeingültige Stücke, bei denen man wahlweise ob seiner eigenen vergangenen Jugend melancholisch sein und seine Eltern umarmen oder wieder das Kind in einem entdecken und eine veritable Kissenschlacht anzetteln will.
Wie bereits erwähnt, hat Donat aber noch weitere Eisen im Feuer, die ebenfalls mit großer Akribie und einer unbändigen Spielfreude betrieben werden. Whole zählt dabei zu einem Projekt, das er zusammen mit Thomas Schernikau ins Leben gerufen hat. Jener ist vor allem durch seine Arbeit bei Forced To Mode, der vielleicht besten Depeche-Mode-Tribute-Band weltweit, bekannt. Deswegen wundert es nicht wirklich, dass auf der Kleinveröffentlichung "Air Vent" das Zweiergespann "New Life" als Covermaterial auserkoren haben.Nun sind solche Neuinterpretationen mit Vorsicht zu genießen. Schnell kann das ganze zu einer peinlichen Nummer avancieren, besonders dann, wenn der Respekt vor dem Original so groß ist, dass man die Songs eins zu eins abkupfert und damit Langeweile verbreitet. Doch nicht so Whole: Sie haben "New Life" einmal komplett auf links gedreht, den Pop aus den Noten geschüttelt und die Nummer zu einem schwer atmenden Klangmonster umgewandelt, in denen ein mächtig marschierendes Schlagwerk von schmutzigen Synthesizern umspielt wird. Lediglich der Refrain erinnert noch entfernt an die einstige Akkuratesse des Originals.
Doch bereits "Air Vent (Way In)" setzt ein neues Setting im Whole-Klangkosmos. Wo früher der Aspekt wohlklingender Elektronik in den Vordergrund geschoben wurde, sind mittlerweile kompromisslosere Sounds zu hören, die das Zweier-Gefüge weiter definieren. Besonders "I Am Your Shadow" klingt so wie Depeche Mode heute klingen würde, wenn sie nicht spätestens seit "Sounds Of The Universe" belanglose Altherren-Elektronik komponiert hätten.
Es sind nur drei Songs, die auf "Air Vent" zu hören. Diese machen die EP aber ob ihrer klanglichen Eigenständigkeit zu einem spannenden Mini-Release und weckt natürlich Erwartungen und Hoffnungen, dass die nächste Whole-Langrille wieder einmal alle Konventionen der elektronischen Klangerzeugung zu sprengen vermag.
Zwar strapaziert der deutsche Musikjournalismus den Begriff "Alternative" gerne und ausgiebig, jedoch sind die musikalischen Ideen von Alexander Leonard Donat und seiner Entourage sehr überzeugend. Und das schon seit Jahren. Kaum anderswo wird "Gothic" weitergedacht und kompromisslos neu zusammengesetzt. Die Veröffentlichungen von Aiming, Fir Cone Children und Whole bilden da keine Ausnahmen.
||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 11.06.26 | KONTAKT | WEITER: THE CALM GREY "IN BETWEEN SADNESS">
Webseite:
blackjackilluministrecords.bandcamp.com
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