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12/19: ALEX BRAUN, NO NEW DAWN, EDWARD KA-SPEL, ASP, MICHAEL LANE, SOFIA TALVIK - GROSSE BESCHERUNG

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Ein buntes Sträußchen schnüren wir in unserer letzten "Kurz angespielt"-Ausgabe in diesem Jahr. Da ist für jeden etwas schmackhaftes dabei. On y va!

Er hat es wieder getan! Alex Braun, Frontmann von !distain, nimmt sich ein weiteres Mal große und kleine Pop-Juwelen zur Brust und verpasst ihnen ein schimmernd-funkelndes Synthie-Pop-Gewand. Bereits vor einem Jahr verzückte er die Hörerschaft mit der EP "Eiskalt", die unter anderem "Wonderful Life" von Black, aber auch "Pinocchio" von Karel Svoboda aus der gleichnamigen Zeichentrickserie in sehr persönlicher Weise ausgearbeitet hat. Der Nachfolger "Chasing Cars" enthält weitere sechs Neuinterpretationen sowie den Elektrostaub Remix zu "Pinocchio". Diesen kleinen Nachschlag hätte es nicht dringend gebraucht, stört aber auch nicht weiter angesichts der ansonsten wieder einmal sehr stimmigen Coverversionen, die einen Querschnitt aus rund 35 Jahren Popmusik darstellen. Der Titelsong, ein Radiohit von Snow Patrol verfrachtet er ebenso verlustfrei in den Synthie-Pop-Kosmos wie auch "Hello" von den Shakespeare Sisters. Größere Schwierigkeiten dürften ihm wohl Depeche Modes "Somebody" und Kim Wildes "Cambodia" gemacht haben, stand er doch hier vor der kniffligen Aufgabe, sich vom Original, das bekanntlich aus dem selben Genre stammt, erkennbar abzusetzen. Doch ist ihm dies ebenso geglückt wie auch die klangliche Auffrischung des Instrumentals "Axel F." von Harold Faltermeier. In Zeiten von "Fridays for Future" und Hambacher Forst kommt der abschließende Gänsehaut-Klassiker "Karl der Käfer" gerade recht und wird im vollelektronischen Arrangement erneut zum Mahnmal unserer digitalisierten Welt, die sich in Umweltfragen noch mehr anstrengen muss. Coverversionen sind immer ein zweischneidiges Schwert, da sie schnell peinlich oder überflüssig werden können. Wo andere daran gnadenlos scheitern und Fremdscham sich breit macht, stimmt bei Alex Braun einfach jede gesetzte Note. Dafür muss ihm größten Respekt gezollt werden.

Wem allerdings der Sinn nach kantig-kühler Elektronik steht, wird bei No New Dawn schnell fündig werden. Das aus Detroit stammende Projekt ist den Gedanken von J. Czarn entsprungen und veröffentlicht mit "Double Dream" einen sehr eindrucksvollen ersten Longplayer, der sich vor allem durch sein präzises Songwriting auszeichnet sowie ein klares Bekenntnis für den ungeschliffenen Sound analoger Synthesizer ausziechnet. Wüde man es nicht genauer wissen, man könnte Double Dream für eines der vielen vergessenen Alben aus der Frühphase des Coldwave halten. Das beginnt schon mit dem auf die Quintessenz eingedampften "The Path", das brummende Sequenzen und Czarns tiefe Stimme als Fundament aufweisen. Doch das wirkt nur wie eine kleine Fingerübung, gemessen an den folgenden Stücken, in denen sich die ganze musikalische Klarheit des Amerikaners manifestiert. Gerade "One Fading Into Light" gedenkt der schmissigen Nummern eines John Foxx oder Second Decay ein und könnte sich zu einem veritablen Clubhit mausern. Das gleiche gilt auch für "Under Material Eye", das latent hyperaktive 80er-Electro-Beats mit einer klaren kraftwerk'schen Melodielinie kreuzt. Aber No New Dawn will nicht nur fürs Schwoofen genügen, sondern auch die Möglichkeiten innerhalb seines stilistischen Areals vol ausnutzen. So wird das sechseinhalbminütige "F.A.D. (Flight Of The Angel Of Destruction)" zu einem surrealen Instrumental, das mehr dem Dark-Ambient zugetan ist, aber sich dennoch als überraschender Schlusspunkt erstaunlich gut in das Gesamtbild von "Double Dream" einfügt. Die Menge an Veröffentlichungen im Cold-Wave-Bereich ist zugegebenermaßen in den letzten Jahren ziemlich unübersichtlich geworden, doch No New Dawn ist ein Projekt, das man zukünftig weiter im Blick haben sollte.

Vom Novizen zum alten Meister: Edward Ka-Spel, Frontmann der Legendary Pink Dots, hat seine nicht gerade kleinen Fußspuren in der Geschichte der gegenwärtigen Subkultur hinterlassen. Der Einfachheit halber kann man sagen: Das Oeuvre des nach Holland übergesiedelten Briten bewegt sich zwischen Psychedelic-Rock im Stile von Pink Floyd während ihrer frühen Syd-Barrett-Phase und dem elektronisch unterfütterten Krautrock à la Can, Neu! und entfernt auch Kraftwerk. Für seine aktuelle Veröffentlichung hat er Motion Kapture als Mitstreiter auserkoren. Diese wiederum bestehen aus Filippo Corradin und Stefano Rossello, beide Mitglieder der Industrial-Formation Bahntier. "Alien Subspace" allerdings lässt nicht wie vielleicht vermutet, explosiv-brachiale Beats los, sondern passt sich dem erzählerisch-träumerischen Duktus von Edwards Organ an. Dieses Album ist ab Sekunde eins ein tönernes schwereloses Gleiten durch den interstellaren Raum. Wabernde Flächen, tröpfelnde Sequenzen und akzentuiertes Gitarre- und Bassspiel sind die Ingredienzen für ein teils düsteres, teils teifenentspanntes Klangerlebnis, bei dem sich die Spannung trotz oder gerade wegen der Weglassung der kompletten Rhythmussektion aufbaut. So gleitet das Album fast wie aus einem Guss durch seine Welt, die es sich selbst erschaffen hat und gemahnt bei "Currency" und vor allem "Subspace" an die wunderbaren Electronica-Kunstwerke von Tangerine Dream. Zwar weicht im Laufe von "Alien Subspace" das träumerische Moment, das "Currency" zu Beginn verspricht, einer immer düsteren Stimmung, die in "One Half Door" und dem intensiv erzählten, finalen "A Happy Grey Circle" ihre absoluten Höhepunkte erlebt, dem insgesamt atmosphärischen, geradezu meditaitven Charakter der Platte tut dies jedoch kein Abbruch. Ein charismatisches Spätwerk einer Legende.

Fleißig an ihrer Legendenbildung arbeiten auch ASP. Mittlerweile stehen die Gothic-Novel-Rocker an einem Punkt, der ihnen viele Freiheiten beschert, aber auch jede Menge Neider und Kritiker auf den Plan ruft. Ihr neuestes Werk "Kosmonautilus", der vierte Teil aus dem groß angelegten "Fremder"-Zyklus, wird dabei keine Ausnahme sein. Doch weichen wir mal von den üblichen Pfaden des Kritikers ab, der nun versuchen würde, das Werk in seine Einzelteile zu zerlgen und darüber zu sinnieren. Kurz und knapp kann gesagt werden: Wo ASP drauf steht, ist auch ASP drin. Das heißt: krachende Düster-Rock-Songs mit narrativem Charakter und einem deutlichen Hang zum Theatralen und zum Pathos. Sänger Asp und sein kongenialer Partner Lutz Demmler sind sich in diesem Punkt treu geblieben. Der Blick geht daher dieses Mal an manche Mitglieder der schreibenden Zunft, die sich über Gebühr über "Kosmonautilus" auslassen. Dass Missgünstler in ASP die Karikatur einer Gothic-Rock-Band sehen, ist indes nicht neu, und sie werden sich auch bei diesem Album bestens bestätigt fühlen. Die Kritik an der überaus theatralen Umsetzung der Asp'schen Lyrik ist zwar nicht ganz von der Hand zu weisen, jedoch wirkt gerade "Kosmonautilus" in seiner ganzen überbordenden Ausführung so überzeugend, dass sich hinter den teils harschen Rezensionen vielleicht der Wunsch des Schreibenden versteckt, ebenfalls ein Kunstwerk dieses Formats zu erschaffen. Solch ein Unterfangen dauert allerdings, wie man an der ASP'schen Vita gut ablesen kann. "Kosmonautilus" ist das Ergebnis aus 20 Jahren passionierter Rockmusik mit einer klaren Vision, die unter allen Umständen realisiert werden sollte. Dafür kann man Asp und seine Mannen beim besten Willen nicht kritisieren - und auch dafür nicht, dass ihr fast schon stadionkompatibler Gitarrensound mehr will, als nur diverse Gothic-Kleinstveranstaltungen in stickigen Kellergewölben zu bespaßen.

Der kleinere Rahmen steht dagegen Michael Lane sehr gut. Obwohl auch er schon vor einem Millionenpublikum aufgetreten ist. In der Castingshow "The Voice Of Germany" von 2012 erreichte der in Nürnberg geborenen Deutsch-Amerikaner einen beachtlichen dritten Platz. Seiner Popularität hat es allerdings wenig geholfen, wenn man mal ehrlich ist. Michael Lane schaffte mit "Angel", einer Coverversion des Songs von Sarah McLachlan, kurzfristig den Sprung in die Top 50. Sein selbstgeschriebener Song "Mrs. Lawless" kletterte sogar noch etwas höher. Die nachfolgenden Alben kann man allenfalls wohlwollend als Liebhaberstücke bezeichnen. Ob nun "Traveling Son" das gleiche Schicksal ereilen wird, mag an dieser Stelle nicht erörtert werden. Schade wäre es aber, denn der zwischen Americana und Folk hin- und herpendelnde Sound wirkt herrlich ungekünstelt. Damit fügt er sich ganz dem authentisch-biografischen Duktus der Platte. Denn Michael Lane erzählt auf "Traveling Son" auch und natürlich von sich. Schließlich liest sich seine Vita nicht ganz unspannend. In Deutschland geboren, in jungen Jahren nach Amerika gekommen, am dritten Irakkrieg teilgenommen und schlussendlich wieder in seinen Geburtsort Dorfhaus in der Nähe von Nürnberg zurückgekehrt, um dort als Altenpfleger anzuheuern: manch einer hat weniger erlebt. So ist "Traveling Son" auch ein mutmachendes Werk, das immer wieder das Durchhaltevermögen propagiert. Das allerdings auf sehr samtenen Sohlen. Und wenn Michael wie in "1982" oder auch "Love Will Save The World" in einen butterweichen Falsett fällt, fühlt man sich bisweilen an Neil Young erinnert. "Traveling Son" wird zwar nicht die Welt aus den Angeln heben, aber die Zeit, in der sie zu hören ist, ein wenig entspannter und auch langsamer ablaufen lassen.

Und ist nicht gerade die Vorweihnachtszeit prädestiniert dafür, sich ein wenig vom Endjahrestrubel zu lösen und sich der Bedeutung dieses Festes zu widmen? Und vielleicht auch mal über den mit Lebkuchenkrümeln bestückten Tellerrand hinauszuschauen, um zu erfahren, was Weihnachten eigentlich für andere Menschen bedeutet? Denn nicht immer sitzen die Menschen andächtig bei Lichterglanz und Leckereien einträchtig zusammen. Diese Zeit ist für all jene, die keine Familie oder Freunde (mehr) haben, um so bitterer, weil sie einen an die Einsamkeit erinnert. Nach diesen Momenten scheint die schwedische Sängerin Sofia Talvik zu suchen, wenn sie traditionell einen Song zu Weihnachten veröffentlicht und gratis zum Download anbietet. Bereits 2017 hat sie ihre bis dato eingesungenen Stücke auf dem Album "When Winter Comes" zusammengepackt und so ein authentisches, von jeglichem Kitsch und Pathos befreites Werk geschaffen, das der Weihnachtszeit ein ehrliches, ungeschöntes Gesicht verleiht. So wird in "Cold Cold Feet" all jenen gedacht, die nicht genug haben, um über die Runden zu kommen, geschweige denn ein festliches Weihnachtsmahl zaubern zu können, während "Clothe Yourself For the Winter" die soziale Kälte anprangert und "A Carol For The Lonely" die Verlierer und Alleingelassenen umarmt. Nein, bei Sofia Talvik ist Weihnachten nicht nur ein lichter Liebesreigen, sondern auch ein erschreckender Zustandsbericht einer Menschheit, die der christlichen Nächstenliebe anscheinend abgeschworen hat. In ihren Folk- und Americana-Stücken, die bisweilen sogar ins Keltische abdriften ("This Old Christmas Night"), liegen Hoffnung und Trübsinn daher sehr nah beieinander. Doch ist es Sofia Talvik ein Anliegen, dass die Menschen wieder mehr aufeinander zugehen. Möge dieses Album also noch oft gehört werden und die Herzen aller Menschen öffnen. Selten haben wir das so sehr gebraucht wie dieser Tage.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 17.12.19 | KONTAKT | WEITER: DR.DREXLER PROJECT VS. DAN SCARY VS. MONTAGE>

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Webseiten:
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nonewdawnwork.bandcamp.com
www.legendarypinkdots.com
www.aspswelten.de
www.michaellanemusic.de
music.sofiatalvik.com

Covers © Echozone/BOB Media (Alex Braun), Other Voices (No New Dawn), Rustblade/Broken Silence (Edward Ka-Spel & Motion Kapture), Trisol/Soulfood (ASP), Greywood/Timezone (Michael Lane)

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