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BACIO DI TOSCA "WAS ICH LIEBE": FEST DER VERGÄNGLICHKEIT

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Poesie bedeutet in erster Linie Musik. Ein gut gemachtes Gedicht hebt sich allein durch seine fein gesetzte Rhythmik und Melodik von amateurhaften Versuchen ab. Wie ein Komponist, der meist intuitiv die richtigen Noten setzt, trifft der Schriftsteller mit jedem seiner Worte auch eine klangliche Entscheidung. Gedichte besitzen ein stark musikalisches Moment. Kein Wunder also, dass in literaturbeflissenen Düster-Gefilden gerne mal Gedichte vertont werden. Bacio Di Tosca, das multimediale Projekt der Musikerin Dörthe Flemming [Interview hier], widmet ihr jüngstes Werk "Was ich liebe" den Dichter-Fürsten des 18. und 19. Jahrhundert – vereint auf einer CD, die mit ihrer außergewöhnlichen Gestaltung sogar zum Patent angemeldet wurde.

Wenn auf die Verpackung besonders viel Wert gelegt wird, ist oftmals Vorsicht geboten – und der geneigte Klangkonsument hegt erste Zweifel ob des meist eher fragwürdigen Inhalts. So auch bei Bacio Di Toscas aktuellem Werk "Was ich liebe" - ein echtes Schmuckstück, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Schließlich wurde der Tonträger als Relief-CD mit einem roten Swarovski-Stein versehen, der dem Hörer bereits mit voller Pracht entgegenfunkelt, ehe er klanglich auf seine Kosten kommt.

Der starke Fokus
auf das schmückende Beiwerk sollte nämlich in diesem besonderen Falle zu keinen falschen Rückschlüssen hinsichtlich der enthaltenen Musik führen. Vielmehr überrascht das Projekt mit einem über weite Strecken unaufdringlichen, klassisch angehauchten Wave. Die Texte sind, bis auf zwei Ausnahmen, allesamt Gedichte aus dem klassischen Kano: Rainer Maria Rilke, Friedrich Hebbel oder auch Theodor Storm. Dörthe Flemming nahm für dieses Album einige kalkulierbare Wagnisse in Kauf. So hat sie die geläufigen Poeme (die bei den meisten von uns die grausige Erinnung an schulische Muster-Interpretationen wecken dürften) geschickt umschifft - und deutlich unbeschriebenere Stücke aus dem Dichter-Kosmos gewählt. Hie und da trifft der Hörer dann doch auf alte Bekannte, die durch musikalisch überraschende Kniffe allerdings einen völlig neuen Charakter bekommen. So wie "Ave Maria": Anstelle der obligatorischen Bach-Figur tauchen bei Bacio Di Tosca langgezogene Geigenklänge auf. Die christlich verklärte Maria erhält in dieser Version etwas zutiefst Majestätisches – und wirkt gleichsam geerdet.

Ansonsten übernehmen Kontemplation und Nachdenklichkeit auf dem Album das Zepter. Ein tieftrauriges Piano, das an alte Schellack-Aufnahmen erinnert, macht den Anfang. Nach und nach verschwindet das Rauschen und Kratzen: Das Klavier ist in der Gegenwart angekommen; empfängt leidenschaftliche Streicher, die von Vergänglichkeit künden. Ein musikalisches Memento Mori, das Gedicht: "O du, die mir die Liebste war" von Wilhelm Busch. Dieses einleitende Stück bringt die Essenz einer dunkelschönen Platte auf den Punkt, die trotz instrumentaler Beschränkung nie eintönig wirkt.

Manchmal scheint es allerdings so, als wolle sich Dörthe dann doch ein wenig
zu sehr dem Schwarzkittel-Konsens anpassen. Denn "Das Wasser", ein Gedicht des heute mittlerweile fast vergessenen Ernst Moritz Arndt, strebt mit treibender Bass-Drum und elektronischen Spielereien deutlich hörbar in die Tanztempel der Republik. Ein schwieriges Unterfangen, da die sperrige Gesamtstruktur dieses Songs mit der gefälligen Spielware der Düster-Diskotheken nur wenig kompatibel ist. Macht aber nichts - ganz im Gegenteil: Bacio Di Tosca fühlt sich wohl in der klassischen Musik, gerade weil Dörthes opernhafter Gesang auch sehr gut ohne Synthesizer und Computerbeats leben kann. Trotzdem liefert das Projekt bereits einen Kompromiss: Zu Hebbels "Sommerbild" mixen Bacio di Tosca ihre vertrauten Geigenklänge geschickt mit elektronischer Rhythmik und unterschwelligen Synthie-Flächen. Zudem schraubt Dörthe den stimmlichen Pathos zurück, verlässt den Pfad der Opernsängerin und verwandelt sich in eine veritable Chansonniere. Auch das Titelstück, ein Gedicht von Felix Dörmann, verfährt nach diesem akustisch angenehmen Muster.

Ob Dörthes Stimme nun pompös-
theatral oder klar umrissen am besten klingt, ist reine Geschmackssache. Dass sie beide Ausdrucksformen mit spielender Leichtigkeit beherrscht, steht außer Frage. Und seien wir ehrlich: Diesem Gegensatz verdankt das Album am Ende auch seine Dynamik. Ein wohlfeiles Stück Kunst für dunkle Stunden bei Wein und Kerzenlicht - gar nicht so "seltsam und krank", wie es der Untertitel vielleicht vermuten lässt.

|| TEXT: DANIEL DRESSLER // DATUM: 03.07.2014 ||| DEINE MEINUNG? MAIL SCHREIBEN! || WEITER: "THE VERY BEST OF HUBERT KAH"




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BILDQUELLE © CAPUT MEDUSAE RECORDS/BROKEN SILENCE.


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