1/17: X-O-PLANET, PALAST, AUSTRA, SAILOR AND I: MEHR IST MEHR - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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1/17: X-O-PLANET, PALAST, AUSTRA, SAILOR AND I: MEHR IST MEHR

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Den ultracoolen (und ultralangweiligen) Hipster-Techno-Sound eines Robin Schulz oder Felix Jaehn muss 2017 endlich der Kampf angesagt werden. Zu lange schon lullen die beiden "Superstars" uns mit unsäglich sedierenden Computerklängen ins tönerne Nirwana. Deswegen lautet die Devise: Her mit den üppig arrangierten Tracks, die hemmungslos die Lust am Bombast propagieren!

Unschlagbar für dieses Unterfangen ist natürlich die Kombination aus elektronischer Musik und technisch-wissenschaftlichen Themen. Das Projekt X-O-Planet verweist bereits in ihrem Bandnamen auf ihre Sci-Fi-Affinität. Nicht-Trekkies und Astronomie-Allergikern sei gesagt, dass Exoplaneten jene Planeten sind, die außerhalb unseres Sonnensystems herumschwirren – und so will sich auch das Duo, bestehend aus Musiker Goderic Northstar und Sängerin Manja Kaletka mit ihren Stücken in die unendlichen Weiten des Weltraums begeben. Umrahmt von zwei hörspielartigen Instrumentals und einem majestätischen Zwischenspiel, versprüht "Passengers" tatsächlich so etwas wie futuristisches Flair und "Star Wars"-Attitüde. Dabei zeichnet sich das Debüt aber vor allem durch die perfekte Synergie der beiden Künstler, die auch privat miteinander verbandelt sind, aus. Manjas ausgebildetes, glasklares Organ erklang bereits für andere Projekte wie Jesus On Extasy, Illuminate oder auch X-Perience. Goderic trat noch nicht so auffällig in Erscheinung, aber seine Kirchenorgellehre dürfte ihm sicherlich nicht im Weg gestanden haben, wenn es um breit angelegte Arrangements geht. Ein wenig erinnert X-O-Planet in dieser Konstellation an die frühen, wesentlich elektronischeren L'âme Immortelle, wobei Goderic stimmlich gar nicht erst mit Manja konkurrieren möchte. Nur selten, wie bei "Vice Versa", versucht er sich als Sänger, überlässt aber sonst weitestgehend ihr das Feld. Das macht Sinn, da Manjas Gesang stets kraftvoll ist und einen gesamten Song tragen kann. Deswegen funktioniert auch ein bedächtiges Stück wie "Outer Space" so perfekt, weil es sich durch die aufgeräumte Stimme und den sich öffnenden Akkorden langsam dem Höhepunkt nähert wie ein Raumschiff einer neuen, hell erstrahlten Welt, um im Thema zu bleiben. "Passengers" ist ein kleiner, feiner und vielversprechender Erstling.

Manche Bands proklamieren das bombastische Moment bereits in ihrem Namen für sich. Queen konnte ja eigentlich gar nicht anders, als stadion- wie radiotauglichen Barock-Rock zu produzieren. Und der Bandname Palast klingt auch nicht gerade nach visueller Zurückhaltung und musikalischem Understatement. Was die fünf Stücke der EP "Hush" aber an Energie freisetzen, ist mehr als bemerkenswert. Bereits "Crucify" eröffnet die Mini-Platte mit schmetternden Drums und ausladenden Keyboard-Sounds, die wohl all jene versöhnen wird, welche mit dem letzten Hurts-Album "Surrender" ihre New-Romantic-Felle davonschwimmen sahen. Der einst so ästhetisch angeschwärzte Synthie-Pop der Engländer ist ja leider beim aktuellen Longplayer so gut wie nicht mehr erkennbar. Doch dafür springt nun Palast aus Berlin in die Bresche – ohne auch nur den Ansatz eines Plagiats zu sein. Denn bei aller stilistischen Ähnlichkeit, bilden sich auf "Hush" ganz eigene Themen und Stimmungen aus, die vor allem durch die kraftvolle Stimme von Sascha Pace ein deutliches Alleinstellungsmerkmal besitzen. Zudem verweben sie im majestätisch wandelnden "Best Of Me" ein ausladendes Gitarrenspiel in die sonst eher ätherischen Elektronik-Arrangements, was dem Stück eine wohltuende Erdigkeit verleiht. In manchen Momenten fühlt man sich sogar an die überbordenden Stücke von Ultravox erinnert. Mit "Just Friends" und "Get Me" gelingen ihnen überdies zwei ganz zauberhafte Ohrwürmer, deren Refrains sich vehement in den Gehörwindungen verhaken. Man kommt nicht umhin, mitzusingen (oder zumindest leise zu summen). Die Jungs haben nicht nur einen klaren Plan, was ihre Musik betrifft, sondern sehen zudem auch recht schnieke aus, sodass man wirklich von einem stimmigen Gesamtpaket sprechen kann, das uns in Zukunft hoffentlich noch viel Freude bereiten wird. Der Catwalk der Berliner Fashion-Week hat das Trio bereits für sich entdeckt, wie ein Video belegt. Dieser Palast funkelt in den schönsten Farben.

Ein sonderbares Strahlen geht auch von Katie Stelmanis aus. Liegt es vielleicht an ihrem zweiten Namen, den sie auch ihrer Band verliehen hat? Immerhin ist Austra in der lettischen Mythologie die Göttin des Lichts. Gewiss ist es ihr eigenwilliger, verklärter Gesang, der über den elektronisch-elegischen Klanggerüsten schwebt. Stelmanis' Stimme fungiert dabei mehr wie ein weiteres Instrument; durch das bewusste Verschleppen und Vernuscheln der Wörter geraten die Texte zunächst in den Hintergrund, obwohl sie nicht minder interessant sind. Gerade bei "Future Politics", dem dritten Album der Formation, lohnt es, sich dem sakralen Tonfall der Songs zu entziehen und den Lyrics Gehör zu schenken. Denn der Titel ist tatsächlich Programm. Noch nie war ein Austra-Album derart politisch motiviert. Aber anstatt die Gegenwart zu beweinen oder mit der Gesellschaft hart ins Gericht zu gehen, blickt die Formation nach vorne. "I'm never coming back here. There's only one way: Future Politics". Es liegt eben an uns, die Welt ein Stück besser zu machen. Eine Einstellung, die Katie mit ihrer jubilierenden, in hohen Lagen wie unserer Welt entrückt klingenden Stimme konkretisiert und so etwas wie Erlösung und Offenbarung verspricht. In "Utopia" lebt sie diesen Gedanken vor und spinnt ihn in "Freepower" weiter, wobei das zweifelnde Moment nie ganz verschwindet. Wenn die Sängerin anhebt, über die Freiheit zu singen und dazwischen ein dünnes "If only it were true, if only" intoniert, scheint auch sie für einen Augenblick ihrer eigenen Überzeugungskraft nicht mehr zu trauen. Doch der Electro-Pop, der dieses Mal wesentlich perkussiver ausfällt, erlaubt keinen Stillstand oder Zögern. Die hymnischen Oden von früher sind in "Future Politics" von einer neuen Dringlichkeit durchzogen, klingen reifer, mächtiger und tiefgründiger als alles andere, was Austra bislang gemacht haben.

Opulenz spielt im musikalischen Kosmos von Alexander Sjödin gleichfalls eine wichtige Rolle. Allerdings ist sein Weg dahin ein etwas anderer. Unter dem alias Sailor & I lässt er seine Tracks erst einmal recht bedächtig mit einzelnen Fetzen elektronischer Sequenzen beginnen, die durch den Raum schwirren. Doch so langsam baut sich das Konstrukt über die Bass-Drum und breiten Flächen auf und ragt – noch ehe man es richtig bemerkt – meterhoch in die Wolken hinein. "The Invention Of Loneliness" ist das erste Album des Schweden, der bereits mit den Vorabveröffentlichungen "Black Swan" und "Chameleon" für Glanzlichter im ausklingenden Jahr 2016 sorgte. Besonders erstgenannte Auskopplung zählt zu den großen Würfen dieses Mannes. Denn anstatt der Versuchung anheim zu fallen, einen fetten aber vielleicht auch zu beliebigen Dance-Track zu produzieren, lässt er Arpeggis und Melodiebögen repetierend an uns vorbeiziehen, ohne die Bass-Trommel zu starten. Der hierbei entstehende, geradezu hypnotische Sog ist einfach nur überwältigend und wird durch die fragile Stimme Sjödins noch verstärkt. Erst am Ende entlädt sich in den subbassigen Vierivertelbeats die angestaute Energie. Auf "The Invention of Loneliness" zeigt sich Sailor & I natürlich vielschichtiger, wenngleich das wesentliche Merkmal seiner Kompositionen der stets maschinell klingende Techno-Pop bleibt. Groß ist dennoch die Überraschung bei "Free Your Mind From Me", das sich in einigen Momenten der cineastischen Atmosphäre komplett entzieht und nur noch mit sanft angeschlagenen Piano-Akkorden wirklich seinem Titel gerecht wird. Eigentlich nicht verwunderlich, dass der Mann, der übrigens ein ausgewiesener Musikliebhaber ist, bereits auf seiner zuvor veröffentlichten EP "Sweat" eine höchst gelungene Coverversion von Joy Divisions "Disorder" veröffentlichte. In ihm steckt eben doch – ganz skandinavisch – ein kleiner Melancholiker. Darüber können auch die zum Teil sehr nach 90s-Tech-House klingenden Stücke wie "Paramount" nicht hinwegtäuschen. Ein großes Album.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 13.02.17 | KONTAKT | WEITER: KARIES VS. KLEZ.E >

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Webseiten:
www.x-o-planet.com
www.palastband.com
www.austramusic.com
www.sailorandi.se


Cover © XOP_electronica (X-O-Planet), NoCut/SPV (Palast), Domino Records/GoodToGo (Austra), Skint/[PIAS]/Rough Trade (Sailor& I)

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