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"SOMBRAS: SPANISH POST PUNK + DARK POP 1981-1986": TIEFSCHWARZE BLÜTENPRACHT

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Lange Haare, Sonnenbrille, schwarze Ledermontur: Als die Rocker von Heroes del Silencio zu Beginn der 1990er Jahre durch ihr unheilvolles "Entre dos Tierras" auch hierzulande bekannt wurden, sahen sie nicht nur aus wie die perfekten Epigonen von The Mission, sie klangen auch sehr stark danach. Zudem führte das Quartett deutlich vor Augen, dass des Deutschen liebstes Reiseziel mehr zu bieten hat als eimerweise Sangria und Schinkenstraßen-Schwachsinn in vielfacher Potenz.

Doch Heroes Del Silencio bildeten ihrerseits nur die kommerzialisierte Spitze des Eisbergs einer bereits Jahre zuvor gereiften Post-Punk-Bewegung, die besonders im von Krisen geschüttelten Spanien stets auch politisch motiviert war – obgleich sich die Protagonisten selbst explizit davon distanzierten.

"Sombras – Spanish Post Punk + Dark Pop 1981-1986" erzählt mittels zweier CDs sowie eines üppigen, reich bebilderten Booklets (Texte in Englisch und Spanisch) die Geschichte dieser dunklen Untergrundbewegung – Tops, Flops und Märtyrer inklusive.


Wer die frühen 80er Jahre in Spanien als Heranwachsender verbrachte, dürfte dies mit wenig Hoffnung auf eine strahlende Zukunft getan haben: Nach der Jahrzehnte dauernden Diktatur von General Franco, übernahm 1975 der junge König Juan Carlos I. die Regierungsgeschäfte. Seine Idee der "Transición", also der Umwandlung des totalitären Regimes in eine parlamentarische Monarchie westlichen Gepräges, ließ sich natürlich nicht von einem Tag auf den anderen umsetzen.

Das Land war ein einziger Krisenherd;
Arbeitslosigkeit und Kriminalität in der Bevölkerung erreichten besorgniserregende Zahlen.

Zudem versuchten die alten Mächte, die ohnehin auf tönernen Füßen stehende junge Demokratie wieder dem Erdboden gleich zu machen. Terroranschläge und Putschversuche gehörten zur Tagesordnung. "Es war eine Zeit, in der wir uns davor fürchteten, nachts unterwegs zu sein – und tagsüber leider auch", umreißt Jesús Rodríguez Lenin
im Booklet die aufgeheizte Stimmung im Land.

Für die Jugend blieb da im Grunde nur eine Option: Rückzug in die eigene Gefühlswelt.


Wie gut, dass sich zu dieser Zeit der Post-
Punk viral über ganz Europa verbreitete und einen fatalistischen Gegenentwurf zum aggressiv-zerstörerischen Punk schuf. "No Future!" - dagegen lehnten sich die Punker noch mit aller Macht auf. Für die nachkommende Generation ist dieser Ausruf bereits Gewissheit. Ihre Antwort fanden die Zukunftspessimisten unter anderem in Joy Division: Mollschwangere Gitarrenakkorde begleiteten den hoffnungslosen Anti-Gesang von Ian Curtis, in dem sich die Tristesse eines von Kaltem Krieg und flächendeckender Umweltzerstörung gezeichneten Europas widerspiegelte.

Viele Gemeinsamkeiten lassen sich zwischen den spanischen Post-Punkern und ihren englischen Vorbildern ausmachen: Beide Strömungen waren derart "underground", dass die Presse kaum (oder erst gar nicht) Notiz von ihnen nahm und ihren unstreitbaren Einfluss auf die Rockmusik erst Jahre später zu würdigen wusste.


Wie in England auch, ranken sich die Geschichten der spanischen Düsterrocker um eine charismatische Persönlichkeit: Der Ian Curtis der iberischen Halbinsel heißt Eduardo Benavente; Paràlisis Permanente war das madrilenische Pendant zu Joy Division.

Schicksalhafte Duplizität der Ereignisse: Auch Benavente schied viel zu früh aus dem Leben – allerdings nicht durch Selbstmord, sondern durch einen Autounfall. So zynisch es auch klingen mag, aber ihr unerwartetes Ableben machten Curtis und Benavente posthum zu den entscheidenden Protagonisten ihrer Zeit – und ihres Landes.


Dementsprechend eröffnet "Sombras" (Schatten)
den musikalischen Reigen mit Parálisis Permanente und Alaska y Los Pegamoides: Beide Formationen rief der umtriebige Benavente ins Leben und schuf, immer stark am britischen Vorbild orientiert, das schummrige Fundament für einen gepflegten Weltschmerz, der den internationalen Vergleich nicht zu scheuen braucht.

Den Machern dieses liebevoll gestalteten Kompendiums liegt es aber fern, den Kult um eine einzelne Person weiter als nötig auszureizen.


So würdigen die Geschichtsschreiber auch andere Musiker, wie beispielsweise Servando Carballar
. Er lotete die Möglichkeiten der elektronischen Musik für diese Bewegung aus. Mit den mysteriös-theatralen Los Inciados wandelte er zunächst auf surrealistisch-dadaistischen Pfaden, wie der völlig kaputte Track "Sangre de àngel" von 1982 beweist. Nur vier Jahre später kredenzt er uns als Teil der für uns fast unaussprechlichen Aviador Dro y sus Óbreros Especializados das beschwingt-einschmeichelnde Stück "La zona fantasma". Es eröffnet auch die zweite CD, die sich nun unüberhörbar dem "Dark Pop" des Titels widmet.

Hier finden sich ebenfalls interessante, ungehörte Schätze – wie zum Beispiel New Buildings
. Der Name der Formation spielt, viele werden es schon erahnen, auf die Einstürzenden Neubauten an, also den "Collapsing New Buildings", wie sie im Englischen genannt wurden. Musikalisch haben beide Bands aber wenig gemeinsam: New Buildings mit ihrer Frontfrau Jeannette fischten dann doch unüberhörbar im nebligen Gewässer von Siouxsie & The Banshees.

Denn auch in Spanien wurde die Bewegung von Musikerinnen entscheidend mitgeprägt.


In Ana Curra
besaßen sie ein stimmgewaltiges Vorbild. Sie war Sängerin von Alaska y Los Pegamoides und Benaventes Freundin. Seinen Tod verkraftete sie nur sehr schwer, was man ihrem markanten Gesang deutlich anhören kann. Bei Alaska noch als energiegeladene Punk-Lady am Mikro, lässt das traurig-schöne, sirenengleiche Pop-Kleinod "Làgrimas" die schwarzen Schatten erahnen, die Anas Seele bedeckt haben müssen, als sie das Stück nur zwei Jahre nach diesem tragischen Schicksalsschlag eingesungen hat.

"Sombras" gelingt es spielend, das Lebensgefühl eines Landes im Anblick einer ungewissen perfekt einzufangen und intime Schlaglichter auf die Helden seiner Szene zu werfen.


Doch aller Skepsis zum Trotz wurde
Spanien damals auch von einem frischen, lebendigen Geist erfüllt. Das Ende der Franco-Ära bedeutete schließlich den Beginn einer Zeit, in der alles möglich schien. So beschreibt Carlos Entrena, ein weiterer "Mann der ersten Stunde", mit lebendigen Worten die prosperierende Independent-Label-Kultur, der er damals angehörte.

Spaniens Post-Punk-Geschichte ist geprägt von einem starken Zusammenhalt unter den Künstlern.


Musiker gründeten nicht nur eine oder mehrere Gruppen, sondern auch unabhängige Plattenfirmen, die wiederum andere Künstler unter Vertrag nahmen und so die Szene weiter befruchteten. Während woanders jeder für sich seinen Eskapismus pflegte, war man dort bereit, vom anderen zu lernen – frei von Berührungsängsten oder alles blockierenden Konkurrenzgedanken.

Diesen "Spirit", wie es im Neudeutschen so schön heißt, vermisst man heutzutage allerorten. Doch was passieren kann, wenn alle an einem (schwarzen) Strang ziehen, lehrt uns die Geschichte, lehrt uns "Sombras: Spanish Post Punk+ Dark Pop 1981-1986" – auf durchweg erhellende und spannende Art und Weise.

||TEXT: DANIEL DRESSLER  | DATUM: 12.01.15 |  KONTAKT |  WEITER: RASP (MATT HOWDEN/JO QUAIL) "RADIATE-POWER-WORDS" >




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