"GRENZWELLEN ZWÖLF": TÄGLICHES GLÜCK - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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"GRENZWELLEN ZWÖLF": TÄGLICHES GLÜCK

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Eine spezielle Beziehung besteht zwischen Ecki Stieg und UNTER.TON. Denn mit der Wiederbelebung seiner Radiosendung "Grenzwellen", die er in den späten 80ern ins Leben rief und Bands wie Wolfsheim oder Deine Lakaien eine breitere Aufmerksamkeit bescherrte, begann auch die Geschichte dieses Online-Magazins. Ein Interview mit dem Mann aus Rehren im Auetal markierte den Startschuss von UNTER.TON.

Zehn Jahre später sind beide noch da. Für die elektronische Gazette eher verwunderlich, bei den Grenzwellen kaum überraschend. Immerhin ist Ecki eine Koryphäe auf dem Gebiet alternativer Klänge. Auch wenn die Auswahl seiner Songs durchaus die melancholischen Gemüter berührt, hat die Musik, die mittlerweile "Grenzwellen" bespielt, eine ganz andere Richtung angenommen.

Von den gruftigen Klängen hat sich der Mann mittlerweile wegbewegt. Es dominieren neoklassische, avantgardistische Soundstrukturen. Mal elektronischer, mal orchestraler. Der Duktus der meisten Stücke ist tendenziell ruhig gehalten; Stücke, die sich eher am Rhythmus orientieren gehen oftmals abstrakte Wege, um sich so weit wie möglich von einem vorhersehbaren Vierviertelbeat zu distanzieren. Was nicht bedeutet, dass "Grenzwellen" nicht auch mal diskoide Stücke präsentiert. Es muss aber ein gewisser Sound oder eine besondere Stimmung in den Stücken vorherrschen, damit sie in den "Grenzwellen" zu hören ist.

Dass die "Grenzwellen zwölf" zur Weihnachtszeit erscheint, heißt aber nicht, dass Ecki Stieg sich auf besonders besinnliche Stücke konzentriert hätte. Vielmehr ist die Zusammenstellung als Querschnitt des musikalischen Jahres zu verstehen, den er in Form eines Weihnachtskalenders Tag für Tag mit weiteren Kleinoden anreichert. Wer sich eingehender mit den "Grenzwellen" befasst und auch Stiegs "Lieblinge"  kennt, wird daher nicht verwundert sein, dass sich beispielsweise hinter Türchen Nr. 16 George Kochbeck befand, der mit "May 19th 1969" vertreten ist. Auch r.roo, ein Klangkünstler aus der Ukraine, erhielt besonders in den letzten Jahren massive Unterstützung durch die Grenzwellen. Sein "Casu(all) Ritu(all)ism" ist ein brummig-experimentelles Stück, das in seiner klanglichen Ästhetik ausdrucksstark und überraschend daherkommt.

Überraschendes fand sich indes hinter dem 19. Türchen: Pete Namlooks flächiges "Pearl Li". Der Musikproduzent, der eigentlich Peter Kuhlmann hieß und bereits 2012, kurz vor seinem 52. Geburtstag, an einem Herzinfarkt gestorben ist, gehörte zu den umtriebigsten Musikern im elektronischen Bereich und hatte unter anderem mit Bill Laswell und Klaus Schulze zusammengearbeitet (die daraus entstandenen Zyklen "Dark Side Of The Moog" sind übrigens uneingeschränkt empfehlenswert).

Hat man den musikalischen Adventskalender der Bestimmung nach angehört, konnte man 24 mal ein kleines tägliches Glück erfahren. Denn bei der Auswahl hat Ecki natürlich Wert auf die atmosphärisch dichten Stücke der Künstlerinnen und Künstler gelegt. Dabei spielt es keine Rolle, ob es wie bei "Dios Dorado" von Tapana und "Terminus" von Earlyguard federleicht-melodisch zugeht, sich Drones meterhoch überlagern ("Mutuus" von Joachim Spieth (with Markus Guentner)) oder das Drumprogramming in "Zagreus" von hspd extrem zerschnipselt wurde: Bei allen Songs findet sich eine große Liebe zur Ausarbeitung ungehörter Klänge.

Das Stück zum 24. Dezember könnte nicht besser gewählt sein: "Some Things Just Slip Away" von Steve Brand. Manche Sachen verschwinden einfach. Im Hinblick auf das Jahr 2023 bestimmt nicht die traurigste Erkenntnis. Doch geben uns die wellenartigen Synthieflächen des Songs die Möglichkeit der inneren Einkehr, sodass man den Blick auf das richtet, was wichtig ist, um es 2024 noch konsequenter zu verfolgen. "Some Things Just Slip Away" - hoffen wir, dass dies noch lange nicht für die Grenzwellen und ihre einmalig großartigen Kompilationen gilt.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 12.01.24| KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 1/24>

Webseite:
grenzwellen.bandcamp.com

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Cover © Katrin Rathsfeld/Grenzwellen, Nina Cording/At Sea Compilations

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