WHOLE "THING" VS. BLESSED CHILD OPERA "THE TRAVELER CHALLENGES DEATH": WIEVIEL MENSCH BIN ICH? - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

Direkt zum Seiteninhalt

WHOLE "THING" VS. BLESSED CHILD OPERA "THE TRAVELER CHALLENGES DEATH": WIEVIEL MENSCH BIN ICH?

Kling & Klang > REVIEWS TONTRÄGER > W > WHOLE
Menschen besitzen die Fähigkeit zur ausgedehnten Selbstreflektion. Etwas, das Tiere nicht in dieser Form können. Aus dieser Selbstbetrachtung entstand vor vielen tausenden von Jahren die Philosophie. Im Zentrum steht stets der Mensch und sein Handeln. Dass solche Überlegung auch in der Musik thematisiert werden, liegt auf der Hand.

Das Projekt Whole, bestehend aus dem fleißigen Indiemusiker Alexander Leonard Donat, der sonst als Vlimmer, Fir Cone Children, Assassun und weiteren Pseudonymen unterwegs ist, und Thomas Schernikau von Forced Movement respektive der feinen Depeche-Mode-Tribut-Truppe Forced To Mode, hinterfragt unsere heutige Gesellschaft und klopft sie im Hinblick auf ihre Menschlichkeit ab. Besonders in unserer heutigen Zeit, die den Menschen als eine Ansammlung von Daten versteht, mit denen es sich sehr gut Geschäfte machen lässt, eine wichtige Beobachtung.

Für das dritte Album haben Donat und Schernikau einen neuen Ansatz gewählt: "quick and dirty". So jedenfalls sollten die neuen Stücke entstehen - eine völlig konträre Arbeitsweise im Vergleich zu den Vorgängern "Hydra" (2024) und "Bias" (2018). "Quick" waren sie auf jeden Fall, denn "nur" zwei Jahre Produktionszeit sind schon beachtlich - vor allem, weil Alexander ja mit weiteren Veröffentlichungen in diesem Jahr nicht gerade zurückhaltend war. Die jetzige Whole-Veröffentlichung mitgerechnet, hat der Mann drei Longplayer plus einige Kleinveröffentlichungen herausgebracht.

Wie sich das "dirty" auf die Produktion ausgewirkt hat? Ganz einfach: Alexander und Thomas  treten mit ihren musikalischen Backgrounds fast schon in einen Wettstreit, weswegen die Platte eine interessante stilistische Bandbreite besitzt. "Air Vent" bläst buchstäblich mit seinen kratzbürstigen Klängen den Staub aus den Lautsprecherboxen. Hier ist klar Donats Handschrift zu erkennen: vertrackte, klobige Elektronik, unerwartete Breaks und ein alerter Gesang.

Das anschließende "Cage" ist ein typischer Schernikau, dessen Depeche-Mode-Liebe in seiner Künstler-DNS verbaut ist. Die Nummer erinnert ein bisschen an "Fragile", bleibt aber natürlich ein eigenständiger Song, der jene Eingängigkeit anbietet, die Donats Klangeskapaden kategorisch ausschließen.

Im zentralen "[Nothing]" treffen die beiden Welten erstmals aufeinander. Der hektische Beat und die abrasiven Sounds Donats werden von Schernikau im Refrain gefühlvoll durchkreuzt, was eine eigenwillige Mélange ergibt. Abschließend sägt in "The Reckoning" unter stoischem Beat eine Basslinie vor sich hin, ehe im Refrain flirrende Synthieflächen den Song zu den Sternen öffnet. Gerade diese Nummern hätte man sich mal von Depeche Mode gewünscht.

Auch das dritte Album festigt Wholes Ruf als Ausnahmeband auf der Schnittstelle zwischen Elektro-Pop und experimentellem Dark Wave. Sehr zu empfehlen!

Schon seit einem Vierteljahrhundert unterwegs, verfolgt der Italiener Paolo Messere alias Blessed Child Opera einen sehr freigeistigen Ansatz. Jedes Album erschließt eine eigene Klangwelt, die sich von der vorherigen unterscheidet. Zwar bleibt das Projekt einem romantisierten Wave-Sound treu, lässt aber viele Einflüsse zu, sodass man jedes Mal wieder vor einer stilistisch völlig überraschenden Platte steht.

Auf "The Traveler Challenges Death" bringt der Mann angedunkelten Folk mit New Wave und orientalischen Klängen zusammen. Gleich der Opener mit dem barocken Titel "The End Of The Line/And Yet I Remain Still" hat in seiner Melodieführung eine Ähnlichkeit mit "This Big Hush" von Shriekback. Diese Band als Referenzpunkt heranzuziehen macht übrigens Sinn, denn auch die Briten sind für ihre Grenzen verwischende Kunst bekannt.

Blessed Child Opera unterstreicht das "Opera" in seinem Namen dick und fett an. Denn die Oper steht für große Gesten, für detaillierte, über alle Maßen sinnreizende Bühnenbilder. Messere macht dies auch, allerdings auf eine andere Art und Weise. Die Songs sind nicht die lauten und überkandidelten Sentimentsbefeuerer.  Im Gegenteil: Manche Stücke sind nachgerade leise. "Gray Calm" beispielsweise kommt mit verhalltem Gesang und einer repetitiven, orientalisch angehauchten Melodie daher. Und "Sudden Pain" wirkt mit seinen somnambulen Klängen geradezu psychedelisch.

Und doch entstehen bei "The Traveler Challenges Death" großformatige Bilder, in denen die Auseinandersetzung mit dem Tod das Diesseits definiert. Wenn in "Nothing Can Be Controlled Anymore" die Welt als unkontrollierbar dargestellt wird und sich daraus die Fragen nach korrektem Verhalten daraus ergeben, wird schnell die Hoffnungslosigkeit Platzhalter für die passenden Worte.

Was Blessed Child Opera seit "Red Flags" von vor rund zwei Jahren ausmacht, sind ihr Mut, sich den gängigen Musikstandards zu entziehen und einen verstiegenen Klangkosmos zu erschaffen, in dem die Atmosphäre mehr Wert hat als die Eingängigkeit. Heißt: "The Traveler Challenges Death" wird nicht wirklich in den hiesigen Dunkeldiskotheken gespielt werden, höchstens zum Einläuten der letzten Runde vor der "Closing time". Dafür beschenkt uns das Projekt mit Stücken wie "I Will No Longer Be Here", einer psychedelisch-folkigen Nummer inklusive romantisierter Grabesstimmung.

Gerade in den Herbsttagen, in denen das Tageslicht von einer trüben Wolkendecke aufgehalten wird und die Umgebung einer verblichenen Postkarte gleicht, wirken die unikaten Töne des italienischen Projekts noch ein bisschen intensiver. Am besten aber die Langrille mit geschlossenen Augen genießen und sich von den Klägen forttragen lassen. Und sich dabei ganz als Mensch fühlen.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 03.11.26 | KONTAKT | WEITER: TRAMHAUS VS. BILLY ZACH>

Webseite:


Kurze Info in eigener Sache
Alle Texte werden Dir kostenfrei in einer leserfreundlichen Umgebung ohne blinkende Banner, alles blockierende Werbe-Popups oder gar unseriöse Speicherung Deiner persönlichen Daten zur Verfügung gestellt.
Wenn Dir unsere Arbeit gefällt und Du etwas für dieses kurzweilige Lesevergnügen zurückgeben möchtest, kannst Du Folgendes tun:
Druck' diesen Artikel aus, reich' ihn weiter - oder verbreite den Link zum Text ganz modern über das weltweite Netz.
Alleine können wir wenig verändern; gemeinsam jedoch sehr viel.
Wir bedanken uns für jede Unterstützung!
Unabhängige Medien sind nicht nur denkbar, sondern auch möglich.
Deine UNTER-TON Redaktion

POP-SHOPPING:











Du möchtest diese CD (oder einen anderen Artikel Deiner Wahl) online bestellen? Über den oben stehenden Link kommst Du auf die Amazon.de-Seite - und wir erhalten über das Partner-Programm eine kleine Provision, mit der wir einen Bruchteil der laufenden Kosten für UNTER.TON decken können. Es kostet Dich keinen Cent extra - und ändert nichts an der Tatsache, dass wir ein unabhängiges Magazin sind, das für seine Inhalte und Meinungen keine finanziellen Zuwendungen von Dritten Personen bekommt. Mit Deiner aktiven Unterstützung leistest Du einen winzig kleinen, aber dennoch feinen Beitrag zum Erhalt dieser Seite - ganz einfach und nebenbei - für den wir natürlich außerordentlich dankbar sind.

COVERS © SEAHORSE RECORDINGS (BLESSED CHILD OPERA), BLACKJACK ILLUMINIST RECORDS (WHOLE)

ANDERE ARTIKEL AUF UNTER.TON


Rechtlicher Hinweis: UNTER.TON setzt auf eine klare Schwarz-Weiß-Ästhetik. Deshalb wurden farbige Original-Bilder unserem Layout für diesen Artikel angepasst. Sämtliche Bildausschnitte, Rahmen und Montagen stammen aus eigener Hand und folgen dem grafischem Gesamtkonzept unseres Magazins.



                                               © ||  UNTER.TON |  MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR | IM NETZ SEIT 02/04/2014. ||
Zurück zum Seiteninhalt