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ELSA "ELSA" VS. SOECKERS "KOPFKARUSSELL": VERSCHWENDE DEINE JUGEND

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In der Popmusik geht es meistens um Liebe. Das ist an sich nichts Verwerfliches, lediglich die Wahl der Vokabeln macht einem zu schaffen. Besonders in der Heimatsprache stößt die prosaische oder poetische Gefühlsdarstellung oft an ihre Grenzen und verkommt zu stereotypen Wimmelbildern, in denen sich ein Klischee an das nächste reiht.

ELSA, ein Vierergespann aus Wien und Niederösterreich, singen auch über Liebe auf ihrem selbstbetitelten Debüt. Aber sie machen es anders. Das Gefühl wird abstrahiert und in neue Rahmen gepresst. Wie bei "76 Jahre", einer wunderbaren Indie-Rock-Ballade. Es geht um das Ende einer Beziehung, verbunden mit dem Wunsch, irgendwann noch einmal zusammen zu kommen. Dabei spielt die Zeitspanne auf den Halley'schen Kometen an, der auch alle knapp 76 Jahre wieder an der Erde vorbeizieht, wie Lukas Mayer in einem Gespräch mit dem ORF erklärt hat.

Er und Pipo Fuhs sind die beiden äußerst kreativen Köpfe der Band; ihre Begeisterung für die Sprache und der darin wohnenden Deutungsmöglichkeiten schimmert bei jeder Zeile der insgesamt acht Songs durch. So wie bei "Weiße Nächte", einer schonungslosen Selbstgeißelung, der im zackigen Vortrageduktus entfernt an Kraftklub erinnert. Auch hier ist die Liebe am Boden, die Beziehung beendet, doch der Protagonist wehrt sich mit aller Macht gegen dieses Gefühl. "Ich will endlich meinen Kopf frei kriegen, nicht mehr lieben, ich will leben." ELSA beschwören auf ihrem Debüt eine neue Empfindsamkeit herauf, in der sich das Individuum, gleich Goethes Werther, mit aller Macht in die Gefühle stürzt und sie mit fast schon assoziativ gehaltenen Texten in die Welt hinausruft.


Es liegt am Hörer, sich diesen Zeilen zu widmen, sie gleichermaßen mitzusingen (denn dafür sind ELSA-Songs nicht minder geeignet) und über deren tieferen Sinn zu grübeln. Denn so bildgewaltige Zeilen wie "Vom Schrei der Liebe blüht schwarz die Lunge" oder "In Hoffnung auf das Gute hab ich mich dazu entschlossen, den Staub von den Strassen aus Kristall zu lecken" hallen noch lange in einem nach. Sie entstammen dem Song "Hölle", das am Ende mit einer Fuzz-Gitarre in Erinnerung an Jimi Hendrixden besungenen Orkus quasi musikalisch öffnet.

Die Songs sind effektvoll beladen. Manchmal überraschen unerwartete Elemente wie quäkige Synthesizerlinien bei "Wlouwn" und Folkanleihen in "Sag's Mir" die Szenerie. Und dennoch wirken diese Einschübe nie aufgesetzt, sondern fügen sich organisch in die gesamte Komposition ein, weswegen das Debüt über die  Länge nicht nur funktioniert, sondern auch dazu verleitet, sich den Nummern immer wieder hinzugeben, um weitere Nuancen im Notendickicht ausfindig zu machen. Das ist nicht zuletzt der Verdienst von Pipo Fuhs, dessen angerauhte Stimme so klingt, als würde sie täglich einer intensiven Whiskey- und Zigarettenkur unterzogen werden.


Rasch ist die Jugend mit dem Wort, und in der Musikbranche wird schnell der neueste heiße Scheiß  propagiert, was sich am Ende dann doch als mittelmäßiger Act mit veritablem Rohrkrepiererpotenzial entpuppt. Man möchte daher das Quartett gar nicht so schnell nach oben jazzen. Pipo Fuhs, Lukas Mayer, Michael Stöger und Max Zauner haben aber mit ihrem Erstling eine sehr gute Grundlage geschaffen, die es ihnen ermöglichen könnte, zukünftig über den Indie-Status hinauszuwachsen.

Soviel Gutes könnte auch den Soeckers
widerfahren. Das liegt nicht zuletzt an den im Vergleich zu ELSA wesentlich britischen Attitüde, der sich im musikalischen Dunstkreis von The Strokes und The Libertines verorten lässt. Die vier Münsteraner lassen keinen Zweifel über ihre Haltung, die die Deutsch Amerikanische Freundschaft unter hämmernden Proto-EBM-Beats vor rund vierzig Jahren so treffend fromulierte: Verschwende Deine Jungend.

So ist bereits der Opener "Schlaf bei mir" ein in Zeitraffer vedichteter Party-Abend, der so dekadent wie direkt ist. Es wird Schnaps getrunken und Liebe gemacht. Manchmal ist es eben so einfach - und so aufregend. Doch schon bei "Sag was du wirklich willst", in dem sich auch die Brit-Pop-Leidenschaft der Soeckers manifestiert, wird deutlich: Es geht um mehr als nur um Sex. Die Twentysomethings von heute koppeln Leidenschaft mit absoluter Liebe.


Das alles wird gerne mit einem Augenzwinkern kredenzt. Denn eine "Frühlingsdepression" ist schon ein geleihtes Ohr wert, zumal es in Verreimung mit "Prokrastination" einhergeht. Das muss man auch erst einmal zusammenklöppeln! Soeckers machen und haben Spaß, sind dabei aber Grundsolide und ehrliche Rocker, die auf "Kopfkarussell" vor allem ihre Live-Qualitäten in die Studioaufnahmen eingepackt haben.

Denn schließlich haben die Jungs noch die klassische Ochsentour absolviert und drei Jahre lang ihre Songs zum Besten gegeben, zuletzt als Vorgruppe für die Tour der österreichischen Garagen-Pop-Überflieger Wanda. Soeckers könnten sich dabei zum deutschen Pendant entwickeln, denn das Quartett hält in seinen Songs das unbeschwerte Gefühl junger Erwachsener fest, denen die Welt in all seinen Facetten offen steht. "Kopfkarussell" denkt nicht an Morgen, sondern lebt für den Moment. Und dabei ist es herrlich egal, ob dieser gerade das Beziehungsende ("Flaschengrund", "Bahnhofsgrau"), eine überkommende Party-Nostalgie ("Gute alte Zeit") oder bloße liebestolle Schwärmerei ("Halt mich") beinhaltet.


Wichtig ist nur: Jeder dieser Ereignisse muss ganzheitlich ausgekostet werden. Im schnellen gitarrenbasierten Schrammelsound hat die Gruppe nicht nur den passenden Sound, sondern auch das perfekte Vehikel für ihre juvenilen Träume und Schwärmereien gefunden, die sie in schnörkelloser, direkter Mutttesprache artikulieren. "Kopfkarussell" ist Sinnbild für die emotionale Achterbahnfahrt der späten Teenies und frühen Twens, die gerade dabei sind, das Leben auf eigene Faust zu entdecken.

ELSA und Soeckers machen sich auf, die Welt zu erkunden. Ihre Bandmitglieder fangen den adoleszenten Spirit ihrer Generation perfekt ein, der zwar durch die Pandemie in ihre Schranken gewiesen worden ist, aber sich sicherlich bald wieder voll entfalten kann. Und dann werden die beiden Gruppen erst richtig los legen.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 16.09.2020 | KONTAKT | WEITER: MINES FALLS "MINES FALLS">

Webseite:
www.soeckers.de
www.facebook.com/ELSA.offiziell

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Cover © Assim Records/Rough Trade (ELSA), Chateau Lala/Broken Silence (Soeckers)

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