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ROSI "SAD DANCE SONGS" - TRÄNE IM KNOPFLOCH

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In der Natur des Menschen liegt es, sich weiterzuentwickeln und neue Wege zu beschreiten. Insbesondere im künstlerischen Bereich ist der Drang nach neuen Ausdrucksformen immanent. Denn ein in sich geschlossenes System läuft sehr schnell Gefahr, sich selbst auszuhöhlen.

In der populären Musik kommt dabei dem dritten Album einer Band eine besondere Rolle zu, weil es für viele der Beginn einer Neuorientierung markiert. Ist das Debüt erfolgreich, wird das gleiche Rezept auf dem zweiten Album in der Regel noch mal verfeinert und mit dem Wissen aus dem, was auf dem Erstling funktioniert hat und was nicht, perfektioniert. Beim dritten Werk nun ist die Frage, ob sich das Konzept beliebig lange halten kann, oder ob die Musiker nicht Gefahr laufen, ihre eigene Karikatur zu werden.

ROSI nun hat sich für einen relativ radikalen Schritt für ihr drittes Album "Sad Dance Songs" entschieden: Sie haben lieb gewordene Traditionen über Bord geworfen und sich nach neuen Möglichkeiten umgeschaut. Das fängt bereits bei der Namensgebung ihrer Songs an. Diese wurden stets mit deutschen Titeln versehen, obgleich sie ihre Texte in Englisch vorgetagen haben. Damit ist nun Schluss. Deutsche Titel kommen nur noch vor, wenn auch in eben jener Sprache gesungen wird.

Das führt auch schon zum nächsten Novum: "Lippen" ist ein deutscher Song, der allerdings dem trüben Post-Punk-Chic, den ROSI gerne mit sich rumtragen, gleich mal diametral gegenübersteht. Es ist eine einzige Reminiszenz an die Deutsch Amerikanische Freundschaft, angefangen vom pluckernden Synthesizer über die maschinellen Beats bis hin zur Xylophon-Melodie, die nicht von Ungefähr an "Der Räuber und der Prinz" erinnert. Gekrönt von rudimentären Textbrocken, die an den assoziativen Stil des kürzlich verstorbenen Gabi Delgado erinnern, propagiert der Song eine neue spielerische Leichtigkeit beim Duo aus Bielefeld.

Wie ein Hochdruckreiniger funktioniert "Lippen", das ROSI ermöglicht, sich freier und weg von womöglich selbst auferlegten Konventionen zu bewegen. Natürlich dominiert bei "Sad Dance Songs" immer noch die mollschwangere, von keinem Strahl der Hoffnung durchzogene Traurigkeit. Allerdings darf dann auch mal bei der Vorabsingle "Forgotten World" ganz unverblümt auf die Tanzfläche geschielt werden, wo früher der Blick eher verstohlen war.

In die andere Richtung verdichtet sich die Innerlichkeit in den ruhigen Songs. "Fences", der letzte Song des Albums, überrascht durch eine nebulös-wabernde Stimmung, bei der Sänger Sven so klingt, als sei er in ein Kokon gehüllt, das Mikrofon ganz dicht an seinem Mund, während sich flächige Synthesizer und verwaschenen Gitarren wie ein Gespinst drum herum legen.

Angefangen mit fordernden Rhythmen, spielen sich ROSI mit jedem Song immer weiter in eine nachdenklichere Stimmung, werden persönlicher, klingen angefasster. Dass dieses Album während der Pandemie entstanden ist, spielt dabei sicherlich eine Rolle. Sie dürfte aber nicht alleiniger Grund für die dezente Neuausrichtung von ROSI sein. Das haben Sven Rosenkötter und Mirco Rappsilber bereits vorher mit sich selbst ausgemacht. Corona hat womöglich die Entscheidung noch etwas erleichtert.

Wie aber bereits die Vorgänger "Grey City Life " und "Hope" erahnen ließen, sind ROSI viel zu intelligent, um sich im ewig gleichen, stilistischen Hamsterrad abzustrampeln. "Sad Dance Songs" definiert ihren neuen Stil, den sie nun weiter ausbauen sollten - hoffentlich mit wieder spannenden Neuerungen in der Zukunft, die für sie so traurig gar nicht zu sein scheint, auch wenn es die Musik bisweilen ist.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 13.11.20 | KONTAKT | WEITER: WOODKID VS. DIORAMA>

Webseite:
rosi-music.bandcamp.com

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