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ROME "A PASSAGE TO RHODESIA": CHRONIST DER VERGESSENEN

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Gerne üben sich Musiker in selbstverliebter Innenschau, geben sich plakativ-emotional, leiden, feiern. Kurz gesagt: Sie leben das Leben. Das ist durchaus nicht falsch - kann aber schnell in stereotype Gefühlsmuster ausarten und gähnende Langeweile erzeugen. Viel spannender sind da jene Musiker, die sich ein Thema zu Eigen machen, das sie höchstens mittelbar betrifft, es dem Hörer aber dennoch als ihre Geschichte verkaufen können. Jérôme Reuter, Kopf und Sänger des Folk-Noir-Projekts Rome, hat diese Kunst des einfühlenden Erzählens perfektioniert. Mit dem Opus Magnum "A Passage To Rhodesia" beleuchtet der Musiker die unheilvolle Geschichte der englischen Kronkolonie Südrhodesien, die bis zu ihrer endgültigen Unabhängigkeit 1980 im Spannungsverhältnis zwischen schwarzen Eingeborenen und weißen Siedlern ein gesellschaftliches Pulverfass darstellte. Dabei wird Rome zum Teil der Geschichte - und fungiert als Vermittler, der sowohl Sympathie für die Ureinwohner aufbringt, als auch Verständnis für die weiße Oberschicht hat. Zum Interview mit Rome geht's übrigens hier [>>>].

Um Romes aktuelles Werk zu verstehen, ist ein Blick zurück ins Jahr 2009, als die Gruppe "Flowers From Exile" veröffentlichte, unumgänglich. Mit diesem Album änderten sich nämlich Inhalt und musikalisches Selbstverständnis der Band immens. Nach einer experimentellen Frühphase, in der die Grenzen zwischen eingängigen Pop-Strukturen und postindustriellen Klangcollagen ausgelotet wurden, setzten die Luxemburger nun zum großen, konzeptionellen Wurf an: "Flowers From Exile" ist eine ganzheitliche, introvertierte Beschreibung von Vertriebenen des Franco-Regimes, zu denen auch Jérômes Großonkel gehörte (seine Fotos schmücken übrigens das CD-Booklet). Von hier an entwickelten Rome ihren unverkennbaren Stil: Martial-bombastische Folk-Stücke stehen im Wechsel mit minimalen Kleinoden, oftmals nur von Klängen einer Akustik-Gitarre begleitet. Dazu werden eingesprochene Passagen eingestreut, die wie Tonberichte aus jener Zeit anmuten, obgleich sie fiktiver Natur sind.

Die Frage nach Vertreibung und Identität im Exil führt der hochintellektuelle Musiker 2010 mit "Nos Chants Perdus" (ein Blick auf den französischen Widerstand des 20. Jahrhunderts) weiter. Stets blickt Reuter auf die teilweise fast schon vergessenen Dramen im neuzeitlichen Europa, das durch zwei Weltkriege in seinen Grundfesten erschüttert wurde - und vielen Menschen ihre Heimat raubte. Jérôme wird zum Chronisten dieser vergessenen Menschen. Individuen, die ihr Schicksal akzeptierten und versuchten, in unruhigen Zeiten ihre Identität und ihren Lebensmut zu bewahren. Nach der an Peter Weiss' philosophischen Schrift "Die Ästhetik des Widerstands" angelehnten Trilogie "Die Æsthetik der Herrschaftsfreiheit" und dem darauffolgenden, leider blutleeren "Hell Money" schien sich das Thema jedoch erschöpft zu haben.

Mit "A Passage To Rhodesia" kehrte die Muse offensichtlich zu Jérôme zurück - und ließ ihn über ein Land berichten, dessen traurige Berühmtheit durch das totalitäre Mugabe-Regime begründet wurde: Zimbabwe. Bis 1980 hieß es allerdings (Süd-)Rhodesien - und zeichnete sich durch eine weiße Minderheitenregierung aus, die aus einem scheinbar gottgegebenen Machtanspruch über die schwarze Mehrheit regierte. 1965 erklärte sich das Land als unabhängig, was aber von kaum einem Staat akzeptiert wurde. Die Folge: Während die schwarze Bevölkerung immer stärker gegen das von Weißen besetzte Parlament revoltierte, musste die Regierung ihrerseits sich von England emanzipieren und gegen UN-Sanktionen ankämpfen.

In dieser verwirrenden Situation, überschattet von Guerillakriegen, schwarzen Protestbewegungen und antikommunistischer Hetze, treten nun Rome auf den Plan: Die Gruppe versucht nicht nur, Verständnis für die verschiedenen Lager aufzubringen, sondern will dem Hörer die ereignisreiche Geschichte dieses Landstriches näher bringen. Ein fast unmögliches Unterfangen. Der Titel deutet es an: "A Passage To Rhodesia" – es ist ein möglicher Weg, der das diffuse Selbstverständnis dieses Landes zu definieren versucht. Der Guerillakämpfer auf dem Cover, der eine scheinbar militärische Landkarte Rhodesiens halb verdeckt, steht explizit für die innere Zerrissenheit dieses Staates.

Das besondere an Romes Darstellung: Sie ist in zwei Sichtweisen aufgeteilt. "A Passage To Rhodesia" blickt subjektiv auf die Geschehnisse - und versucht, in die Gedankenwelt von Soldaten, Besatzern und Ureinwohnern einzudringen. Der feste Rahmen scheint dem kreativen Kopf gut zu tun, denn im Gegensatz zu "Hell Money" bietet das Album wieder griffigere, mitreißendere Lieder. So blickt "One Fire" mit seinen marschierenden Rhythmen und den unheilvollen Gesängen auf die Guerillakämpfer, die sich gegen die Obrigkeit zur Wehr setzen, während das sehnsuchtsvolle "A Farewell To Europe" die Kolonisten zeigt, die sich mit dem Versuch, autark zu werden, auch die Identitätsfrage stellen müssen. All die Differenzen kulminieren im klassischen Folk-Song "Hate Us And See If We Mind". Er beschreibt den Kardinalfehler der weißen Minderheit: weniger aus einem Rassenhass oder Faschismus heraus kam es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, sondern mehr aus Ignoranz und der Unfähigkeit einer Kommunikation der beiden Seiten. Sie waren sich der geschichtlichen Verantwortung einfach nicht bewusst, sondern auf Machterhalt aus. Mit dem zentral gesetzten, lediglich aus wabernden, atmosphärischen Klangteppichen bestehenden "River Eternal" blickt der Chronist Reuter demnach auch beschwörend in eine düstere Zukunft: "At The End Of This River/It Will Only Smell Of Sickness and Slow Death".

Mit der zweiten CD "House Of Stone" (englisch für Zimbabwe) kehren die Luxemburger zu ihren Post-Industrial-Wurzeln zurück, was viele alte Fans sicherlich erfreuen wird, nachdem diese Elemente in "Hell Money" nicht mehr vertreten waren. "House Of Stone" ist eine Zusammenstellung aus alten, körnigen, leiernden Aufzeichnungen aus dieser Zeit: Afrikanische Gesänge, die Verlesung der Unabhängigkeitserklärung, Nachrichtenauszüge und Kriegsberichterstattungen werden von bedrohlicher Elektronik untermalt. Der Chronist Reuter hat zu diesem Zeitpunkt seine Schuldigkeit getan - und lässt die Zeitdokumente kommentarlos für sich stehen. Vor dem Hintergrund seiner vorherigen Ausführungen bekommen diese Tonschnipsel jedoch eine völlig neue, intensive Qualität. Schlussendlich erhalten die Menschen dieser ehemaligen Kolonie durch einen über 100-seitigen Bildband konkrete Gesichter, hinter denen sich die Schicksale und Gedanken verbergen, über die Rome zu singen versucht. Die ineinander übergehenden Bilder sind der gelungene Versuch, Rhodesien als Land der totalen Gegensätze zu definieren. Kriegsszenen wechseln sich mit der westlichen Vorstadtidylle und dem urbanen Flair der damaligen Hauptstadt Salisbury ab. Ureinwohner beim Verrichten ihrer Arbeit und Naturbilder der afrikanischen Steppe zeigen die weiteren Facetten dieses Landes, das dem Hörer nun greifbar und nah erscheint, wenngleich es schon seit Jahrzehnten nicht mehr existiert.

Schade ist nur, dass die beigefügte DVD nicht den thematischen Faden wieder aufgreift, sondern eher zusammenhangslos vier Videoclips (darunter auch Stücke aus dem Vorgängerwerk) zeigt. Obgleich diese zwar durchaus ästhetisch sind, passen sie nicht zum ansonsten meisterlich ausgetüftelten Gesamtkonzept, dessen epische Breite ein ums andere Mal erstaunt. Mit rund 100 Euro ist diese Box (die zudem eine Picture-LP, zwei Poster und weitere Gimmicks enthält) sicherlich nicht günstig. Dem eingefleischten Liebhaber sollte es das Geld aber allemal wert sein, zumal Rome musikalisch zu alter Stärke zurückgefunden und einmal mehr bewiesen haben, dass sie das Konzeptalbum als Kunstform perfekt beherrschen und wie keine andere Band die Melancholie einer aus den Fugen geratenen Welt dem Hörer verständlich machen.


|| TEXT: DANIEL DRESSLER // DATUM: 05.08.2014 ||| DEINE MEINUNG? MAIL SCHREIBEN! || WEITER: BACIO DI TOSCA  "WAS ICH LIEBE" >>




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