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LAUT FRAGEN: "AUFSTEHEN! AUF DIE STRASSE!"

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Laut Fragen - ein Bandname, der verpflichtet. Er klingt nach Aufbruch, nach Präsenz, nach einer deutlichen Aktion. Und er klingt auch nach Widerstand - eines der Kernthemen der österreichischen Performance Künstlerin Maren Rahmann. Sie tat sich vor einigen Jahren mit dem Musiker Didi Disko von der Electro-Wave-Formation Collapsing New People zusammen. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurde der Grundstein für ihr zweites Werk "Facetten des Widerstands" gelegt. "Ich habe mich schon lange mit der Thematik beschäftigt und Vertonungen mit dem Akkordeon gemacht", erklärt Maren. "Es gab dann die Idee, diese Songs mit Elektronik und Beats umzusetzen. So sind Didi und ich 2014 zusammengekommen."


Ihr Debüt "Utopie + Untergang" allerdings enthielt noch eigene Texte, weil das Duo mit den ersten Versuchen noch nicht zufrieden gewesen sind. Vier weitere Jahre und eine Förderung später hat man sich dann nochmals an das Thema herangewagt. Das Ergebnis kann getrost als das wichtigste und aufrüttelndste Album des Jahres bezeichnet werden. "Facetten des Widerstands", eine Vertonung österreichischer Widerstandslyrik während des Nationalsozialismus, kommt zur richtigen Zeit.

Schließlich durchlebt die Welt - bedingt durch die Corona-Krise - eine Zeit der nationalen Abschottungsversuche. Das bringt nicht zuletzt auch das Konstrukt Europa in Gefahr. "In China wird für Krise und Chance dasselbe Symbol verwendet" weiß Didi. "Wir können uns ins nationale Biedermeier zurückziehen und Mauern darum herum bauen. Oder wir lernen etwas anderes daraus. Etwa, dass die Konkurrenzgesellschaft und dieser Arbeits- und Wachstumsfetisch uns selbst und unsere Lebensgrundlagen zerstören. Dass wir uns selbst organisieren können und es heute ganz einfach ist, sich über nationale Grenzen zu vernetzen."

Doch "Facetten des Widerstands" ist vor allem erst einmal ein Versuch, sich der eigenen Geschichte zu stellen. Wie Didi konstatiert: "Österreich fühlt sich noch immer in der Opferrolle wohl". Das hat bereits zu Reaktionen in der Kunst geführt, allen voran im Christoph Schlingensiefs Performance "Ausländer raus!" - eine Art "Big Brother" für Asylbewerber -, die anno 2000 den Finger in die Wunde österreichischer Befindlichkeit legte. "Ich war recht oft dort und hab mir das angesehen", erinnert sich der Musiker. "Damals noch als Jung-Punk mit Iro. Ich vermute, 95% haben das Projekt gar nicht wirklich kapiert, aber dass da ein Deutscher kommt und es wagt, Österreich zu kritisieren, das ging für viele gar nicht."

Maren Rahmann und Didi Disko kritisieren indes nicht, sondern machen das, was hetzutage kaum noch geschieht. Sie setzen sich mit der Geschichte intensiv auseinander, versuchen sich an einer Bewältigung dieser Zeit. "Zuerst haben wir die Texte ausgewählt und auf uns wirken lassen. Wir haben versucht, uns in die Autor*innen und die Situationen hineinzuversetzen und überlegt, welcher Sound dem Thema gerecht wird. Das war der Ausgangspunkt jeder Vertonung." Am Ende ist ein Album entstanden, das so vielschichtig und fast schon unergründbar wie die Schriftsteller und Schriftstellerinnen selbst ist.

So wird beispielsweise Irma Trksaks "Nie Wieder!" zu einem flammenden Appell an die Menschen in der Gegenwart, der unter brummenden Synthiebässen und einem hektischen Schlagzeug seiner Dringlichkeit bewusst wird, während "Die Toten vom Februar" von Fritz Brügel den antifaschistischen Aufstand 1934 in Österreich in ein unheilvolles Mörderballadenkorsett im Stile eines Nick Cave schnürt. "Bei so einer schweren Thematik und auch bei einer 'alten Sprache' ist die Gefahr groß pathetisch zu werden. Das wollten wir vermeiden, was jedoch nicht ausschließt, dass die Songs berühren und unter die Haut gehen. Im besten Fall sollen sie bewegen, auch im Sinne von etwas in Bewegung setzen: Aufstehen! Auf die Straße! Widerstehen!"

Insofern ist auch der Punk-Bezug (inklusive einprägsamer Schlachtengesänge) bei "Schlurf" durchaus nicht widersprüchlich: "Die 'Schlurfs' waren eine österreichische Jugendsubkultur, ähnlich wie die Swing-Kids in Deutschland oder die Zazous in Frankreich, allerdings aus der Arbeiterklasse", klärt Didi auf. "Sie haben den Nationalsozialismus verachtet und sich an der amerikanischen Popkultur orientiert. Und sie trugen das auf der Straße aus, indem sie beispielsweise Heime der Hitlerjugend angriffen. Es war eine Mischung aus jugendlichem Überschwang, Ironie und einer Portion Naivität. Und genau so sollte unser Song klingen! Wir haben uns auf die Widerständigkeit und Lebensfreude konzentriert." Rechterhand haben sich Laut Fragen als Schlurfs inszeniert.

Einen besonderen Moment erlebt das Album mit "Combat", bei dem man den Protagonisten und Widerständler Herbert Traube selbst erzählen hört, begleitet von Sounds, die sich dem Erzählten anpassen und eine klangliche Entsprechung bieten - offensichtlich auch ein ganz besonderer Moment für Maren: "Ich habe Herbert Traube bei einer Gedenkveranstaltung kennengelernt, wo für seine Eltern, die Shoa-Opfer sind, ein Stolperstein verlegt wurde. Als ich im anschließenden Gespräch erfuhr, dass er im Widerstand war, habe ich ihn gefragt, ob wir ein Interview machen dürfen. Wir waren begeistert, wie klar und pointiert er seine Geschichte erzählt und haben Teile der Erzählung zusammengeschnitten und mit experimentellen Sounds, u.a. von einem alten, verstimmten Piano, unterlegt. Die Reaktion des mittlerweile 96jährigen: 'Der kleine Ausschnitt aus unserem Gespräch ist gut ausgewählt, die musikalische Begleitung beeindruckend, hoffentlich werden es viele Leute zu Hören bekommen, was ja der Grund der Sache ist!'"

Das Duo selbst bleibt aber zurückhaltend, was die Hörerreichweite anbelangt. "Facetten des Widerstands" sei kein Album für die Charts, wie Didi scherzhaft meint. "Man muss wirklich zuhören und am besten die dazugehörigen Geschichten und Hintergründe aus der beigelegten Broschüre lesen", sagt Maren und verweist auf die wirklich ausgiebige Recherchearbeit zu den einzelnen Poemen und Geschichten der Menschen dahinter, die sich mindestens genauso spannend lesen, wie sich das Album anhört. Zu lesen übrigens auf ihrer Homepage.

Ihr Antrieb für dieses großartige Projekt ist klar: Das Erstarken rechter Kräfte in Europa sowie die mangelhafte Geschichtsbewältigung in Österreich fordern Maren und Didi heraus. "Wir müssen uns dem Rechtsruck deutlich und unüberhörbar widersetzen", appelliert Maren. "Und wir haben großartige Vorbilder auf dem Album versammelt. Unser Credo ist jedenfalls ein lautes 'Nie wieder!'". "Viel hat sich nicht geändert, obwohl es durchaus Versuche gab und gibt, die Vergangenheit in der NS-Zeit aufzuarbeiten", fügt Didi hinzu. "Im Grunde ist auch unser Album ein Teil dieser Aufarbeitung."

|TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 01.07.20 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 8/20>

Webseite:
lautfragen.blackblogs.org


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COVER © Numavi Records
FOTOS © Marlene Rahmann (Bandportrait), Pia Meyer (Laut Fragen als Schlurfs)

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