DR.DREXLER PROJECT "KAPITALAKKUMULATION" VS. DAN SCARY "WOHNHAFT IN DER LECKT-MICH-ALLEE" VS. MONTAGE "POOL OHNE RAND": DAS GROSSE KOTZEN - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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DR.DREXLER PROJECT "KAPITALAKKUMULATION" VS. DAN SCARY "WOHNHAFT IN DER LECKT-MICH-ALLEE" VS. MONTAGE "POOL OHNE RAND": DAS GROSSE KOTZEN

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Irgendwann in den 2030er Jahren wird man sich auf die 10er zurückbesinnen und sicherlich zu keinem guten Ergebnis kommen. Es ist das Jahrzehnt der Sozialen Medien, des beginnenden Klimawandels und der immer schneller laufenden Maschinerie Kapitalismus, die all jene hinten über kippt, die nicht in das Format passen.

Das Ende dieser Dekade macht also kaum Hoffnung auf das folgende und lässt uns fassungslos zurück. Doch aus Ohnmacht entsteht universelle Wut. Diese ist unverkennbar die Haupttriebfeder für das Dr. Drexler Project. Denn ihr Album "Kapitalakkumulation" rechnet unter zerstörenden Samples, atonalen Gitarrenriffs und einem dem Wahnsinn nahe stehenden David Jahnke, der seine Stücke nicht einfach nur singt, sondern wie ein wildgewordener Eulenspiegel mit überschlagende Stimme uns entgegenpeitscht, mit der deutschen Volksseele ab.

"Bitte bei Post-Punk einsortieren" gibt das Projekt dem Ahnungslosen an die Hand. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn der Dr.Drexler-Sound wirkt teilweise wie ein zufällig hingeschmissenes Instrumentarium. Anstatt Nihilismus herrscht politischer intendierter Dadaismus, der wie ein derwischgleicher Tanz auf den Trümmern unserer alten Wertevorstellungen anmutet. Man fühlt sich zurückversetzt in eine Zeit, als Neue Deutsche Welle keine rumfliegenden Luftballons, Knutschflecke oder im Sauseschritt düsende Liebesaliens zum Inhalt hatten, sondern knallharte Kritik an einer Epoche war, die von Kaltem Krieg, Waldsterben und sozialer Kälte in den Großstädten geprägt worden ist - und damit unserer heutigen Realität erschreckend nahe kommt.

Konsequenterweise muss sich dann auch auf alte Tugenden besonnen werden. Von Zufall kann keine Rede sein, wenn "Beton muss her" sowhl S.Y.P.H.'s "Zurück zum Beton" als auch "Wir bauen eine neue Stadt" von Palais Schaumburg musikalisch mit- und weiterdenkt. Es sind die besten Triggerpunkte, die hätten gesetzt werden können, um sogleich in die Abteilung Attacke überzugehen. Denn über das gesamte Album lang zeigt sich der Doktor (der übrigens aussieht wie eine Mischung aus Crash test Dummy und Mitglied des autonomen Blocks) ätzend sarkastisch oder einfach nur gnadenlos ehrlich. Im kaputtgeschlagenen Pseudochanson "Barfuss am Klavier 2" (die Zahl dient wohl, um nicht mit dem gleichnamigen Song von AnnenMayKantereit verwechselt zu werden) schlüpft er in die Rolle eines Hartz-IV-Protagonisten, der es verpasst hat, ein von der Gesellschaft anerkannter "Leistungsträger" zu sein, nur um danach in "Wir können es uns leisten" ein gut betuchte Ehepaar zu beschreiben, welches auch 40 Euro für den Quadratmeter ausgeben würde.

Zwischen deisen beiden Extremen - mittelloses "Humankapital" auf der einen Seite, dekadente "Global Player" auf der anderen - lässt sich der "Promovierte" recht wortgewandt und bilderreich über alles aus, was ihm an Ungeheuerlichkeiten über den Weg läuft. "Wir tanzen auf den Trümmern der schwarzen Null" ist so eine starke Metapher, in der klar wird, dass Deutschland sich zugunsten eines ausgeglichenen Staatshaushalts kaputtspart. Und der zerheckselte Soundlandschaft macht aus der "Digitalisierung" ein bösartiges Monster, das man am liebsten verbannen will. Dr. Drexler legt mit diesem Album nicht nur den Finger auf die Wunde, er reißt die Kruste brutal ab, streut Salz drauf und massiert die Körnchen mit angespitzem Fingernagel ein. Schließlich muss Erkenntnis auch weh tun.


Manchmal wird einem aber diese geballte Realität dann doch zu viel, und es bleibt nichts anderes übrig, als sich komplett vom Wahn- und Irrsinn dieser Welt abzukapseln. Daniel Url, der uns als Dan Scary seit geraumer Zeit und mit schöner Regelmäßigkeit seinen hausgemachten "Dunkelpunk" kredenzt, hat für diese Fälle eine besondere Behausung gefunden. "Wohnhaft in der Leck-Mich-Allee" ist sein misanthropes Refugium, das sich der Wolfsburger erdacht hat und nun alle einlädt, die ebenfalls von der Welt die Schnauze voll haben.

Von dort aus blickt der Wolfsburger auf unsere Zivilisation und empfindet im besten Fall noch Mitleid. Aber eigentlich ist die fünf Songs starke EP ein einziges großes Kotzen. Dies geschieht auf textlicher Ebene jedoch mit einem linguistischen Feingefühl. So wird in "Stiefvaterland" der gesellschaftliche Ruck nach rechts wortspielerisch dargelegt. "Ihr seid entrüstet und rüstet wieder auf". Das ist Gesellschaftskritik auf den Punkt gebracht.

Ebenso zieht Dan Scary im abschließenden "Knochenstaat" ordentlich vom Leder. Bei den Deutschen herrscht "große Dürre in den Köpfen", sie werden zu "mentalen Kannibalen", die in Zwietracht leben. Sicherlich ein überzeichnetes Bild, aber in Zeiten von stärker werdenden extremen Rändern nicht all zu weit hergeholt. Dan Scary findet bei dieser bundesrepublikanischen Nabelschau ziemlich viel Schmutz und zeigt sich teils entsetzt, teils wütend. Sein Blick fürs Wesentliche behält er jedoch bei und kreiert so viele nachhaltige Momente, über die es zu sinnieren gilt.


"Als ich aufhörte, zu schweigen" betitelte der Musiker eines seiner früheren Veröffentlichungen. Seitdem er den Mund weit auf macht und mit ungefilterter Aggression beesingt, was ihm in diesem Staat nicht passt, kehrt auch die Gothic-Musik, die sich dann doch eher nihilistisch und apolitisch gibt, zu ihren aufrührerischen Wurzeln zurück. Schweigen ist eben nicht immer Gold - besonders in diesen Zeiten. Bleibt zu hoffen, dass auch Dan Scary weiterhin nicht aufhört, seine dunkle Stimme zu erheben. Ob nun vom Haus in der Leckt-Mich-Allee aus oder auf sonstige Art und Weise.

Sichtlich wohlfühlen dürfte sich in oben genannter Allee auch die Hamburger Künstlerin montage, die mit ihrem Album "Pool ohne Rand" Kapitalismus-, Politik- und Gesellschaftskritik mit unverhohlener Wut und einer zwischen (Post-)Punk und schrottigem Indietronic pendelnden Klangkulisse vermischt. Ihr Album ist ein hoch ausgestreckter Mittelfinger, ein lautes "Leck mich am Arsch". Damit wäre auch die Frage geklärt, ob es sich bei dem Ausschnitt des Plattencovers um ein Dekolleté oder eine Rückansicht handelt. Es muss Letzteres sein!

Von der ominösen Künstlerin indes weiß man wenig. In den trashigen Videoclips zu "Prügelei in der Kantine", "Ohne Dich" und "Bleiben hohl" zieren diverse Masken oder Sonnenbrille ihr Haupt, sodass man ihrer optisch nicht habhaft werden kann. Allerdings befrieden diese drei Songs ziemlich gut das stlistische Feld von montage. "Bleiben hohl" fiept und brummt sich durch die Noten, der Beat nimmt sich galant zurück. Ein wenig schimmert da der coole Millennium-Electro von Ascii-Disko oder Fisherspooner durch. Dagegen geht es bei "Prügelei in der Kantine" schnell, laut und dreckig zu. Punk wie er eben sein sollte. Und "Ohne dich" gibt sich vordergründig als liebestrunkener Post-Punk-Song aus, ist aber alles andere. "Was Du auch sagst (...) geht zum einen Ohr rein und durch den Dickdarm wieder raus" - ein Satz wie eine schallende Ohrfeige.


montage ist rebellisch und laut. Ihre alerte Stimme überschlägt sich in der Empörung und sucht nach Aufmerksamkeit. In ihrem Organ spiegelt sich die Geschichte der selbstbewussten Pop-Musikerinnen wie Annette Humpe oder Nina Hagen, die sich vom Bild eines niedlich dahinträllernden Männerschwarm gelöst haben und unverhohlen dem "starken Geschlecht" vor die Füße kotzen. So setzt die Musikerin bei "Unter Wasser" das Thema der ertrinkenden Flüchtlinge im Mittelmeer auf die Agenda und prangert unser humanitäres Versagen an, während in "Wer bin ich" der globalisierte Turbokaptalismus zu Wort kommt. Und was dieser sagt, trauen sich Vorstände großer Konzerne sicherlich nur in privaten Hinterzimmertreffen auszusprechen "Von Kinderhänden hab ich's am liebsten und vom Band, das fließt". Für montage ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht, aber schon gut sichtbar. "Mein System ist am versagen, doch mein System ist überall", fasst sie ihren Wunsch nach einem baldigen Ende dieses für viele Teile der Weltbevölkerung ausbeuterischen Systems.

Am Ende verpasst die Musikerin, deren Wut im Bauch höllisch sein muss, in "Umboxen" auch eine klare Absage an jene erteilt, die rechtspopulistisches Denken in irgendeiner Form tolerieren. Oder wie es der Pressetext nicht schöner hätte beschreiben können: "In einem Zeitalter, in dem die deutsche Durchschnittsunzufriedenheit braun leuchtet, ist Reden Gold und Schweigen scheiße."

So muss auch am Ende des letzten Jahres des 10er-Jahrzehnts die bittere Pille der Erkenntnis von einem politischen wie gesellschaftlichen Versagen im großen Stil zwischen Lebkuchen und Glühwein geschluckt werden. Dr. Drexler Project, Dan Scary und montage verabreichen diese auf ihre persönliche Art und Weise, aber alle mit dem einen Ziel: dass sich keiner rausreden kann, er oder sie haben von all dem nichts gewusst.


||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 13.12.19 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 11/19>


Webseite:
www.drdrexler.org
danscary1.bandcamp.com
montage-montage.bandcamp.com

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COVER © In gute Hände (Dr.Drexler Project), Dan Scary, La Pochette Surprise (montage)

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