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2/21: FRANA, MESSER BRÜDER, SIGUR ROS, SEASURFER, DARK - NACHLESE TEIL II

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Als der Autor dieser Zeilen gerade im Begriff ist, diesen Artikel zu verfassen, stürmten zwei Tage zuvor radikale Anhänger des scheidenden Präsidenten Donald Trump das Kapitol in Amerika. Das alte Jahr ist also noch nicht richtig verdaut, und das neue macht nicht gerade Lust auf mehr.

In solch chaotischen Zeiten ist es daher nicht verwunderlich, wenn man noch empfänglicher für die heillos aggressiven Klänge ist, die Frana auf ihrem zweiten Album "Disastersss" entfesseln. Die Italiener, die auch eine Zeit in Deutschland verbracht haben, verquicken dabei die Wut des Punk mit der Niedergeschlagenheit der Post-Punk und schaffen somit den perfekten Soundtrack für eine Zeit der Ungewissheit und des Umsturzes. "Disastersss" lebt von den Dissonanzen des Gitarrenspiel, die sie aber dennoch in ein harmonisches Korsett zwängen. Sänger Luca singt voller Wut und Verzweiflung, ja, er singt um sein Leben, so scheint es. Mit ihren klingenden Titeln wie "Sgt. Popper", "Moody Glues" oder "Loans Will Tear Us Apart" verweisen sie wortspielerisch auf die Geschichte der Popmusik, ohne sich aber an ihr zu bedienen. So ist letztgenannter Song, gleichzeitig auch Abschluss des Albums, ein surrealistischer Trip, bei dem die E-Gitarren so klingen, als seien sie durch einen kaputten Verstärker gejagt. "Disastersss" jedenfalls nimmt keine Gefangenen und jagt mit einer ungeheuren Energie die Songs durch die Spielzeit. In seltenen Momenten, namentlich "Get Scurvy", findet sich dann auch ein wenig Wohlklang, der durch einen leicht verhallten Gesang fast schon ätherisch schön anmutet. Das sind aber nur die Verschnaufpausen für den nächsten Angriff. Denn in der heutigen Zeit ist zerebraler Stillstand keine Option. Frana erinnert uns daran auf fast schon schmerzliche Weise.

Im beschaulichen Hessen, genauer gesagt: in Darmstadt, haben sich vor rund zehn Jahren Thomas Buchenauer und Florian Malicke dazu entschlossen, als Messer Brüder elektronische Instrumentalmusik zu kreieren. Durch Zufall stieß 2015 die Schauspielerin Julia Rothfuchs als Sängerin dazu. Ihr teilnahmslos-naiver Gesang schreit förmlich nach einem Electro-Clash-Sound mit viel 80er-Jahre-Charme. Diesen haben sie auf ihrem Zweitling "Herzmaschine" dann auch wunderbar kultiviert. So weit so vorhersehbar. Was aber das Album und Messer Brüder aber so richtig spannend macht, sind ihre experimentellen Exkursionen, die sicherlich auch daher rühren, dass sowohl Sängerin als auch Musiker eine hohe Affinität zu Theaterbühnen aufweisen. So finden sich neben transparenten Tanznummern wie "Mensch Maschine Mensch", "Infarkt"oder "Energie" immer wieder sonderbare Kleinode wie das waberige "Erschauen", ein an Michael Rothers krautrockige Gitarrennummern erinnerndes Intermezzo namens "Gemueth" (das in "Anders als es soll" in Songgröße aufgeblasen wird) und kleine Synthie-Impromptus. Das nimmt bewusst den Spielfluss aus dem Album und verweist gleichzeitig auf die mannigfaltigen künstlerischen Möglichkeiten, die von der elektronischen Schallproduktion ausgehen kann. "Herzmaschine" ist Teil eines von der Band selbst erdachten Multimedia-Projektes, das man nach dem Durchhören des Albums nur zu gerne kennen lernen möchte.

Seit Björks erster Band Sugarcubes wissen wir, dass Island auch Pop kann. Jedoch scheint es, dass die dortigen Künstler immer ihren Blick eher auf die Wahrung ihrer Authentizität richteten, denn gen internationaler Hitparadenplätze. Trotzdem, oder gerade deswegen haben sie eine lange Halbwertszeit. Das gleiche gilt auch für Sigur Rós, deren Albenveröffentlichungen seit Mitte der 1990er-Jahre wie ein schillerndes Natuereriegnis herbeigesehnt werden. Denn ihre Werke werden stets mit zeitlich großen Abständen veröffentlicht. Zwischen dem aktuellen "Odin's Raven Magic" und dem Vorgänger "Kveikur" sind es sogar sieben Jahre. Diese Zeit haben die Gründungsmitglieder Jónsi und Goggi genutzt, um - einmal mehr - ein monumentales Werk zu schaffen, das auf die islandische Seele passt wie Arsch auf Eimer. Mit der Unterstützung der Schola Cantorum of Reykjavik und dem L’Orchestre des Laureats du Conservatoire national de Paris schufen die beiden einen Post-Rock-Monolith, in dem Chorgesänge auf verträumt flächige Orchestrierung, magische Xylophon-Parts und opulente Streicher treffen. Das letzte Lied "Dargrenning" ist ein Live-Mitschnitt mit auskostendem Applaus. Diese fast schon arrogante Selbstbeweihräucherung dürfen sich Sigur Rós aber erlauben, denn "Odin's Raven Magic" ist ein geradezu wagnerianisch anmutendes, von isländischen Kobolden und Elfen bevölkertes Album. In der Tat sehr klkischeehaft, aber musikalisch ausnahmslos hervorragend.

Nicht minder ansprechend, aber eigentlich noch immer viel zu unterbewertet ist das Oeuvre von Seasurfer, das UNTER.TON mit Spannung verfolgt. Bereits ihr Debutalbum "Dive In" ließ die Redaktion in Verzückung geraten. Danach verlor man sich etwas aus den Augen; jetzt liegt der dritte Longplayer "Zombies" vor. Und die Entwicklung, die das Hamburger Gespann seit ihrem ersten Werk vollzogen hat, ist enorm. Das merkt man auch an der Menge bekannter Namen, die um die Seasurfer herumschwimmen. Jullia Beyer von Chandeen hat bereits mit ihnen gemeinsame Sache gemacht, und auf der Bonus-Scheibe des aktuellen Albums, ein als "The Dream Pop Days" betiteltes Mini-Album, ist Elena Alice Fossi von den kultig verehrten Dark-Waver Kirlian Camera zu hören. Zudem sind zwei Songs von 4AD-Produzentenlegende John Fryer abgemischt worden. Wenn es jetzt nicht mit der großen Aufmerksamkeit klappt, wann dann? Zumal die Seasurfer sich von ihrer Shoegaze-Vergangenheit gelöst haben und etwas tiefer in den klanglichen Hades vordringen. Die Elektronik nimmt dabei einen immer größeren Stellenwert ein, wenngleich der Hall immer noch als Lieblingseffekt unüberhörbar ist. In Verbindung mit dem schwebenden Organ der frisch angeheuerten Sängerin Apolonia wird "Zombies" zu einem seltsam schönschaurigen Klangerlebnis, das in Stücken wie "Drifting" und "Chemical Reaction" ein großes Versprechen einlöst, das Seasurfer am Anfang ihrer Karriere abgegeben haben. Phänomenales Kopfkino!

Die letzte Besprechung ist nicht ganz zufällig gewählt. Das Projekt heißt Dark, sein Mini-Album "Nightmare". Zwei Wörter, die man durchaus mit dem Jahr 2020 assoziieren darf. Jedenfalls ist die limitierte Kassette bereits im Vorverkauf komplett über die virtuelle Theke gegangen. Das liegt aber wohl weniger daran, dass die Menschen aufgrund ihrer etwas unsicheren Lebenssituation sich musikalisch die Kante geben wollen, als an der Tatsache, dass der Mann hinter Dark, wohnhaft in Hamburg, sich einer tatsächlich gänzlich depressiven Musik verschrieben hat. Dieser bedient sich tradierter Gruftie-Klischees auf geradezu frecher Weise, was sich bereits auf dem Albumcover manifestiert. Songs wie "In The Dark You Die", "Gothic Love" oder "Avoid Everyone" sind nicht zuletzt schon rein titeltechnisch ein Wink mit dem schwarzgestrichenen Zaunpfahl. Musikalisch allerdings leben die fünf Nummern von einer Perfektion des Unperfekten. Wie einst beispielsweise Calva Y Nada, setzt auch Dark auf grobkörnige Elektro-Hämmer, die auch ein wenig wie aus ein Bootleg klingen. Dieser Live-Spirit, den "Nightmare" besitzt, macht das Besondere dieser ersten Veröffentlichung aus, wenngleich fairerweise gesagt werden muss, dass alle Nummern sich in dieser Stilistik bewegen und es wenig Abwechslung gibt. In Zukunft kann dies den Hörer ermüden. Auf Länge des Mini-Albums jedoch ist erst einmal nichts daran auszusetzen. "Nightmare" setzt ein Ausrufezeichen mit schwärzester Druckerschwärze.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 18.01.2021 | KONTAKT | WEITER:  "ZEITGEIST VOL. 14" & "VOL. 15" VS. "LA DANSE MACABRE 9">

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Webseiten:
franafrana.bandcamp.com
messerbrueder.jimdofree.com
www.sigurros.com
www.seasurfermusic.com
www.darkthemessiah.com


Covers © Antena Krzyku Records (Frana), Reptile Music (Messer Brüder, Seasurfer), Krunk/ADA/Warner Music (Sigur Rós), Young & Cold Records (Dark)

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