TONI GEITANI "WAHJ": CINEASTISCHES GLÄNZEN
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"Wahj" bedeutet übersetzt so viel wie Glanz. Und tatsächlich ist das gleichnamige Album ein glänzend funkelnder Diamant, der schon früh in diesem Jahr das Rennen um den Titel "Album des Jahres" eröffnet. Denn Toni Geitani ist mit seinem zweiten Werk, das er in vierjähirger akribischer Arbeit in seiner Walheimat Amsterdam realisierte, eine perfekte Verschmelzung aus orientalischer Mystik und abendländischer Avantgarde.Nun fallen arabischstämmige Stücke immer wieder in den westlichen Klangkosmos ein. Sicherlich ist die jemenitische Sängerin Ofra Haza das Paradebeispiel dafür: Ihr "Im Nin'Alu" stürmte Ende der 80er Jahre die Charts und begründete das etwas ungelenke Genre Ethno-Pop mit. Später drang sie kurzzeitig als Gastsängerin für die Neuaufnahme von The Sisters Of Mercys "Temple Of Love" sogar in die Gothic-Kultur ein. Aber auch Khaleds "Aicha" (das teilweise auf Französisch gesungen wurde) fand 1996 Einzug in die europäischen Charts und machte die algerische Volksmusik Raï salonfähig.
Allerdings handelte es sich hierbei um kurzzeitige Phänomene, die sich bestenfalls als Sommerhit eigneten, ehe sich die Künstlerinnen und Künstler wieder zurückzogen. Toni Geitani wird sicherlich nicht diesen explosionsartigen Hype erleben oder einen solchen lostreten. Dafür ist seine Musik zu kunstvoll, zu sperrig und komplex. Aber gerade das wird "Wahj" davor schützen, nach ein paar Jahren wieder in Vergessenheit zu geraten. Das Album ist von solch großer Substanz, das man auch noch in kommenden Jahren von ihm sprechen könnte.
Es bedarf allerdings eine Offenheit und grenzenlose Neugier seitens der Hörerschaft. So ist beispielsweise "Tuyoor" ein tönernes Himmelfahrtskommando - martialische Rhythmen, morbide Orgelklänge und eine weibliche Stimme (großartig: Reeda Fneiche) mit Vocoderstimme inklusive. "Ruwaydan Ruwaydan" dagegen beginnt mit einem jazzig gespielten Schlagzeug, ehe Toni in klassischem Layali-Stil singt. Am Ende finden sich bekannte nahöstliche Melodiefiguren, die aber von schroffer Elektronik und hektischen Bassfiguren durchbrochen werden.
"Wahj" ist der vielleicht heftigste Clash der Kulturen, den die zeitgenössische Popmusik je erlebt hat. Und trotzdem wirkt alles in sich schlüssig und kohärent. Das liegt natürlich an Geitani selbst, der vermeintliche Unvereinbarkeiten einfach negiert. Bestes Beispiel ist "Wasla": Versatzstücke von alten Aufnahmen leiten das Stück ein, ehe eine arabische Melodie aus dem Synthesizer beginnt. Später gesellen sich fordernde Sequenzen dazu. Der modern fernöstliche Touch des Stückes steigert sich in seiner Intensität und wird am Ende zu einem Uptempo-Orkan mit hektischen Synthesizern, die wie Stroboskop-Lichter umherflackern. Es passiert so viel - und es ist doch nie zu viel.
Geitani komponiert nicht nur Stücke; er setzt sie so zusammen, dass daraus Bilder entstehen. Das cineastische Moment seines Albums kommt nicht von ungefähr, hat der Mann nicht nur selber immer wieder als Regisseur gearbeitet (2028 wird mit "Ipsedixitism" sein dritter Film erscheinen), sondern auch vor der Kamera agiert und vor allem Soundtracks geschrieben. Dieses Faible für ausladende Kompositionen treibt er nun auf die Spitze: Der Wahlniederländer Geitani ist ein Rubens avantgardistischer Klangexperimente, "Wahj" sein (bisheriges) Meisterwerk.
||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 03.02.26 | KONTAKT | WEITER: VARIOUS ARTISTS "MUSIK, MUSIC, MUSIQUE 1979">
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