BLANCMANGE "SEMI DETACHED": POP VS. POMP, TEIL I - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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BLANCMANGE "SEMI DETACHED": POP VS. POMP, TEIL I

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Alter schützt bekanntlich weder vor Torheit, noch vorm Musizieren: Mit den frühlingsfrischen Außentemperaturen hat die Anzahl altheroischer Veröffentlichungen ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Auf
immer und ewig lockt dabei das Weib: Skandal-Nudel Madonna präsentiert mit "Rebel Heart" zwar musikalisch wenig Erhellendes, wartet dafür aber immerhin mit erwartbar aufreizendem Bondage-Artwork auf. Im Zuge der allgemeinen "Fifty Shades Of Grey"-Hysterie ein nicht unkluger Marketing-Schachzug.

Auch der ewige "Smalltown Boy" Jimmy Somerville
bringt mit "Hommage" eine neue Platte heraus – und ergeht sich dabei in juvenil-schwülen Disco-Beats, die zwar mächtig campy nach "Studio 54", Travolta-Moves und überdimensioniert verspiegeltem Deckenschmuck klingen, aber heutzutage im Grunde nicht mehr wirklich nötig sind.

Ganz anders dagegen eine Truppe, die bereits zu Beginn der 80er Jahre durch hochintelligenten, leicht verschrobenen New Romantic auf sich aufmerksam machte: Blancmange.


Ältere Semester erinnern sich bestimmt noch an das latent wahnsinnige "Blind Vision" oder die orientalisch angehauchte Nummer "Living On The Ceiling". Nicht zu vergessen: Das mutige ABBA
-Cover "The Day Before You Came", in dem die wortreiche Love Story aus Sicht des Mannes geschildert wird (auch im dazugehörigen Musikclip gibt es ABBA-Zitate am laufenden Band).

Klugscheißer-Fakt am Rande: Die Blancmage-Version erreichte damals deutlich höhere Chart-Platzierungen als das leicht verschmähte Original.

Nun sind Blancmange also wieder da.


Und es sieht nicht so aus, als würde die Kombo so schnell wieder in der Versenkung verschwinden.

"Semi Detached" ("Gespalten") heißt das aktuelle Werk und besteht aus feinstem Elektropop, der wie gewohnt immer eine Spur verdreht daherkommt. Frontmann Neil Arthur hat in den ganzen Jahren also nichts verlernt - und besinnt sich auf seine unkonventionellen Themen, die er in stark rhythmisierten Songs verhandelt.


Auch das formfreudige Cover, auf dem ein wilder Farb-Muster-Mix im Sinne des symbolischen Titels seltsam harmonisch zu einem kosmisch klaren Gebilde verschmilzt, verweist auf das abstrakte Moment, das die Band bevorzugt in ihre Lieder einbaut.

Nach dem ersten Reunion-Werk "Blanc Burn" (auch schon vier Jahre her), könnte "Semi Detached" jetzt sogar deutlich mehr Fans rekrutieren als je zuvor: Die Welt ist mittlerweile schlichtweg über-reif für Bands, deren Sounds sich außerhalb der gängigen Schubladen bewegen. Zumindest hofft man das insgeheim. Außerdem ist
der zweite Frühling der 80er Jahre noch lange nicht vorbei und dominiert die Popmusik (trotz 90s-Retro-Bewegung) brandaktuell.

Blancmange pflegen keine rührselige Nostalgie-Show, obgleich ihre Songs gerne auf die "gute alte Zeit" Bezug nehmen.


Die Lyrics von "The Fall" beispielsweise sind eine lyrische Verbeugung vor der gleichnamigen New-Wave-Band, während gefällig transparente Elektronik kraftwerk'scher Provenienz aus den Lautsprechern schallt.


Das nachfolgende "I Want More" ist eine im funkigen Talking-Heads
-Stil interpretierte Version des kommerziell nicht unerfolgreichen Songs von Can.

Damit belassen es Blancmange in puncto Retrospektive dann aber auch.


Im Folgenden kredenzt das Zweiergespann aus der Andrew-Eldritch-Stadt Leeds einen ansprechend Understatement-Pop, in dem die musikalischen Wurzeln des Projekts zwar gut sichtbar zur Schau gestellt werden, man aber nie in den vorhersehbar langweiligen Copy-And-Paste-Modus kippt.


Insbesondere der Track "Like I Do" macht deutlich, wie minimaler Synthie-Schlager anno 2015 klingen kann: Neils markant eindringlicher Gesang zieht in der Kombination mit den treibenden Bassläufen wirklich sämtliche Register – und den Hörer mit unwiderstehlicher Kraft in seinen Bann!

Auch das hüpfende "Acid" versteht es, durch einfache Art und Weise zu begeistern – wieder einmal mit einem Techno-Pop, der mit fernöstlichen Klängen experimentiert. Das war übrigens schon immer das Steckenpferd des Duos.

"Semi
Detached" beweist Geschlossenheit auf ganzer Linie; wirkt selbstsicher und schwebt leichtfüßig über den Dingen. Man spürt einfach, dass Neil Arthur ganz sicher niemandem mehr etwas beweisen muss. Aus dieser Freiheit heraus sind tolle Stücke erwachsen, die immer wieder gehört werden wollen.

> WEITER: POP VS. POMP, TEIL II: MARC ALMOND "THE VELVET TRAIL"

||TEXT: DANIEL DRESSLER / ANTJE BISSINGER  | DATUM: 10.04.15 |  KONTAKT |  



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Website
www.blancmange.co.uk


COVER © CHERRY RED RECORDS.

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