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X MARKS THE PEDWALK "SECRETS" VS. WE ARE TEMPORARY "CROSSING OVER": ELEKTRONISCHES GIGANTENSPIEL

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Ist es vermessen, bereits im März zwei Alben als die besten des Jahres im Bereich elektronischer Klangerzeugung auszurufen? Vielleicht. Was aber soll man machen, wenn einen das untrügliche Gefühl beschleicht, hier die perfekte Balance zwischen anschmiegsamer Klangstruktur und innovativem Songwriting gefunden zu haben? Fragen über Fragen, deren Beantwortung jedoch müßig ist. Lassen wir uns einfach von den vermeintlich seelenlosen Maschinen und ihren dann doch warmen und gefühlvollen Tönen gefangen nehmen.

Dass bei X Marks The Pedwalk die Synthesizer überhaupt wieder angeschlatet wurden, grenzt rückblickend betrachtet an ein kleines Wunder. Schließlich erfuhr das Projekt mit dem enigmatischen Namen 1996 ein jähes Ende, nachdem es vor allem mit dem Song "Abattoir" einen Meilenstein des EBM-Genres ablieferte, das gerade in den frühen 90ern einen melodiös-beklemmenden Einschlag erhielt. Erst 2010 grub Mastermind André Schmechta alias Sevren Ni-Arb das große X wieder aus. Aus 14 Jahren Funkstille ergab sich für ihn die Möglichkeit, völlig neu zu beginnen, was er auch tat. So zeichnet sich das Reunion-Werk "Inner Zone Jounrey" durch eine ungeahnte Vielschichtigkeit aus, hinter der auch der Reifeprozess des Musikers als Mensch zu erahnen ist.

Das vierte Album nach der Wiedergeburt (und das neunte der gesamten XMTP-Laufbahn) zeigt sich noch befreiter von den Wurzeln, obgleich Sevren und seine Angetraute Estefanía gerne musikalische Verweise sacht in die Kompositionen einstreuen. Der leicht verhallte, blubbernde Basslauf in "Sacred" beispielsweise deutet
auf jenen von "Hypnotic Tango" der Italo-Disco-Eintagsfliege My Mine hin. Und der offene Gesang in "Prisoner" mag einen an A Flock Of Seagulls' "The More You Live The More You Love" erinnern.


Allerdings sind diese Zitate nur kleine Fußnoten, die Sevrens musikalische Sozialisation markieren. Seine Electro-Pop-Stücke verortet er bei aller 80er-Liebe natürlich im Hier und Jetzt, weswegen man auch bei seinem Album von einem wohl durchdachten Sound-Design sprechen kann. Ein Neologismus, der in den letzten Jahren häufig genutzt wird, um den Weg abseits von der Musik und hin zur besonderen Tongestaltung zu definieren. Gerade hier zeigt sich X Marks The Pedwalk äußerst filigran. So kommt der Titelsong in einem kantigen Shuffle daher, den er mit einer Menge breiter Sequenzen anreichert. Am Ende steht ein veritabler Wall Of Sound, der selbst bei den schwächeren Musikanlagen noch satt aus den Boxen tritt.

In Verbindung mit den überbordenden Gefühlen, die in den Texten verhandelt werden, fungiert die Musik als expressionistisches Pendant zum gesungenen Wort. So verstärken die unterkühlten Flächen in "Breathe" die tiefgefrorenen Emotionen der Protagonistin, die sie nach dem scheinbaren Ende einer Beziehung selber auf Eis gelegt hat. XMTP malen ein unwirtliches Bild einer weiten Eiswüste, in deren Mittelpunkt ein Mensch steht - verlassen, bewegungsunfähig, vom schneidenden Wind um- und dem Schicksal ergeben. Es ist der vielleicht schönste weil unbarmherzigste Song auf "Secrets".


X Marks The Pedwalk gelingt seit Beginn ihrer zweiten Karriere das vielleicht schlüssigste Album, welches durch ein wieder mal magisches Mastering von
Olaf Wollschlägers veredelt wurde. Sevren Ni-Arb, der die aktuelle Scheibe auf seinem eigenen Label Meshwork veröffentlicht, hat sich von allen alten Geistern losgelöst und betrachtet sie nur noch gütig. Das lässt viel Raum für neue Einflüsse zu. Schließlich beweist er am Ende mit dem Instrumental "Crankmachine", dass es gar keiner Worte bedarf, um einen packenden Song zu kreieren - selbst wenn das Ende so klingt, als hätte jemand zu früh die Stop-Taste bei der Aufnahme gedrückt. "Secrets" will nichts mehr beweisen und ist gerade deswegen ein mutiges Album.

Mutig sein. Das gemahnen auch We Are Temporary auf ihrem Erstling "Crossing Over".

"Be Brave" prangt da recht unprätentiös im schwarzen Innenteil des Plattencovers. Ob Mastermind Mark Roberts uns oder sich selbst anspricht? Immerhin sind auch
seine Songs schonungslose Seelenstripteases, die unter teils fragilen, teils nebulösen, teils donnernden Electro-Klängen dem Hörer entgegentreten. Angetrieben von einer extrem wandelbaren Stimme, die vor allem bei "Who's Gonna Love Me Now" sowohl Höhen als auch Tiefen perfekt auslotet, besitzt das Debüt eine von dunkler Gaze eingehüllten Grandezza, wie sie vielleicht ein Chris Corner alias IAMX von solch meisterhaften Klasse entstehen lassen kann.

"Be Brave". Mutig sein. Den Weg des größten Widerstandes gehen. Das macht der Musiker in allen Belangen. Wie bei der intensiven Abschieds-Nummer "You Can Now Let Go", in der er sein eigenes Sterben thematisiert. Den kantigen Beats und albträumerischen Sequenzen setzt er im Laufe des Stückes ein warmes Thema entgegen. Denn das Ende ist gleichzeitig ein neuer Anfang.

Zwei eigentlich unvereinbare Ebenen und ein in seiner Thematik radikaler Text verschmelzen zu einem wunderschönen Kleinod, für das allein sich die Anschaffung dieses Albums lohnt.


"Be Brave". Das bedeutet auch, sich von möglichen Trends nicht vereinnahmen zu lassen und die Hörer bewusst
zu (über)fordern. Wenn er seine Stimme mit einem Autotune-Effekt bei "Innocence" belegt oder im Opener "Appalachian Trail" synthetische Möwenschreie in Dauerschleife einbindet, dann ist das Dark-Art-Electro non plus ultra. Quasi musikalische Haut-Couture. Die Sounds sind nicht von der Stange, sondern immer wieder mit aufregenden Twists versehen, um sich von der Masse deutlich abzuheben. Da darf dann auch mal ein vertrackter Rhythmus in wohlgefälligen Vierivertel-Marsch transformiert werden oder im wunderschönen "Remember Our Light" völlig fehlen, um dem herzzereißenden Minnegesang und den sakralen Klängen den Raum zu geben, den sie benötigen.

"Be Brave. Go Forth/Say Yes, Never Feel Ashamed To Suffer, Love Intensely." Mit diesen verletzlichen Worten bedankt sich Roberts im Credit-Teil des Booklets bei uns Hörern. Er dankt, dass wir ihm unserer Zeit schenken und neugierig genug sind, ein Ohr in "Crossing Over" zu riskieren. Diese Hingabe, die in den Worten anklingt
, entfaltet sich in den zehn Songs zu voller Größe. Jede seiner Kompositionen ist erfüllt von Hoffnung, bedingungsloser Liebe und grenzenlosem Schmerz. Der Musiker sucht nach der Wahrhaftigkeit und findet sie in intimer Stimmakrobatik, die nie aufgesetzt oder theatralisch klingt, sondern tatsächlich Emotionen transportiert und sie voller Vertrauen in unsere Hände legt.

"Be Brave." Das ist letzten Endes eben auch eine Nachricht an uns, die wir doch so gerne mit akustischem Convenience-Food abgespeist werden. Dass es auch anders geht, beweist We Are Temporary eindrucksvoll. Denn bei allem Anspruch wirkt das Album nie zu verkopft, sondern besitzt immer noch so viel Herz, um den Hörer an die Hand zu nehmen und ihn aufzufordern, den Texten genau zu folgen. Denn sie enthalten wunderbare Aphorismen. Eine der viellecht schönsten Erkenntnisse, die Mark uns mit seinem letzten Song "Let's Fall Silent" auf den Weg gibt: "Poetry Is Tyranny. We Don't Die For Love, We Work For It".


Es ist diese Leidenschaft, mit der X Marks The Pedwalk und We Are Temporary ihre Werke "Secrets" und "Crossing Over" arrangiert haben. Sie sucht momentan ihres Gleichen. Hier stimmt jede Note, jeder Schlag der Bass-Drum und jedes eingestreute Geräusch. Dieses elektronische Gigantenspiel wirkt noch lange nach.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 06.03.17 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 2/17>


Webseite:
www.x-mtp.com
www.wearetemporary.com

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COVER © MESHWORK/AL!VE (X MARKS THE PEDWALK), TRISOL/SOULFOOD (WE ARE TEMPORARY)

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