WAS MACHEN EIGENTLICH DIE PERLEN: "WIR HABEN EINFACH GEMACHT, WAS UNS GEFÄLLT, OHNE KONKRETEN PLAN." - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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WAS MACHEN EIGENTLICH DIE PERLEN: "WIR HABEN EINFACH GEMACHT, WAS UNS GEFÄLLT, OHNE KONKRETEN PLAN."

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Die Frankenmetropole Nürnberg hielt sich in Sachen Pop- und Alternativkultur stets vornehm zurück. Als Wiege der Meistersinger um den berühmten Hans Sachs, dessen Wirken aus dem 15. Jahrhundert noch wesentlich später Richard Wagner zu einer monumentalen Oper inspirieren sollte, schienen andere Strömungen als die der klassischen wie kulturell anspruchsvollen geradezu verpönt zu sein. Doch um 2000 herum schepperte es dort aus den Hinterhöfen: Die Perlen wurden ins Leben gerufen. Ferdinand Ess und Katja Hah veröffentlichten als dynamisch Duo infernale bis 2010 drei wunderbare Electro-Punk-Alben. Danach verschwanden sie wieder in die Versenkung. Doch vergessen sind sie nicht, zumindest nicht bei UNTER.TON, da der Autor dieser Zeilen die beiden bereits während ihrer Anfangsphase kennen und schätzen gelernt hat. Nun blickt er mit den Perlen noch einmal zurück.

Die Perlen sind seit knapp zwei Jahren Geschichte. Was hat Euch dazu bewogen, das Projekt ruhen zu lassen?
Ferdinand: Ich hatte mich zu dieser Zeit anderen musikalischen Projekten gewidmet, bei denen ich mich musikalisch gefordert sah. Vor einem Jahr bin ich dann ins Chiemgau gezogen. Da war zunächst eine neue Wohnung, neue Arbeitsstelle und so weiter - und da war dann nur noch wenig Zeit für Musik. Abgesehen davon trennen Katja und mich seit dem nun über 250 km, da lässt sich so ein Projekt nicht aufrecht erhalten, da wir beide an der Entstehung der Songs gleichen Anteil hatten.
Katja: Außerdem soll man ja gewöhnlich dann aufhören, wenn es am schönsten ist.

Wie waren die Reaktionen, als ihr Euer Ende verkündet habt?

Ferdinand: Ich weiß nicht, ob das überhaupt jemand mitbekommen hat. Aber wer dieses Interview liest, weiß ja jetzt Bescheid (lacht). Im Ernst, das war eher ein schleichender Vorgang, da wir nicht spontan entschieden haben, aufzuhören. Vielmehr lagen die Perlen auf Eis und wir haben das Ende nie offiziell verkündet. Allerdings kamen nach einer bestimmten Zeit gehäuft Nachfragen wegen Konzerten etc.

Untätig seid ihr aber nicht, wie man in den Sozialen Netzwerken sehen kann. Wie sehen die momentanen Pläne bei Euch beiden aus?
Katja: Ich bin seit diesem Jahr in einem neuen musikalischen Projekt als Sängerin tätig. Es heißt Kaufkraft und geht ein bisschen mehr in die Punk-Richtung als die Perlen das taten. Ich lasse mich überraschen, was die Zeit so bringt.
Ferdinand: Bandprojekte gibt es für mich nicht; ich experimentiere im Moment für mich alleine in meinem kleinen Heimstudio in Riedering und versuche, die Musik neu zu erfinden. Das bewegt sich zwischen interessant und unhörbar. Ob davon mal was veröffentlicht wird, ist im Moment völlig offen, weil ich vollkommen frei und zwanglos experimentieren möchte.

Als ihr um die Jahrtausendwende mit Eurer Musik angefangen habt, wurden auch andere Bands wie beispielsweise Mia, Spillsbury oder Wir Sind Helden mit ihrer neuen, frischen Art, deutschsprachige Musik zu machen. Etwas, was Euch auch dazu bewogen hat, überwiegend in Deutsch zu singen?
Ferdinand: Da wurden wir nicht von anderen Bands inspiriert! Es ist halt einfach so, dass man sich in seiner Muttersprache besser und präziser ausdrücken kann. Das Texteschreiben fällt dann sehr viel leichter und man kann mit der Sprache besser arbeiten, also Ironie, Wortspiele und anderes einbauen.
Katja: Ja! Da gebe ich Ferdinand völlig recht: Man kann einfach sehr viel mehr ausdrücken.

Allerdings habt ihr auch ein Faible für die französische Sprache. Was hat Euch dazu bewogen, einige Songs auf französisch zu singen?
Katja: Ferdinand ist einfach so ein Frankreich-Fan. Da durfte das einfach nicht fehlen.
Ferdinand: Ich hatte Französisch Leistungskurs und mein Abitur auf Französisch geschrieben. Da wäre es einfach zu schade, wenn die Mühe umsonst war (lacht)

Angefangen habt ihr wie gesagt um 2000 rum, aber Eure ersten offiziellen Alben erschienen Mitte der 00er Jahre. Wie habt ihr die ersten Jahre bis zur ersten Platte "Telektroponk" erlebt?
Ferdinand: Da waren wir so frei, wie ich es heute wieder sein möchte - und bin. Wir haben einfach gemacht, was uns gefällt, ohne konkreten Plan. Ab und zu haben wir die Songs auf Demo-CDs gebrannt um zu beobachten, wie die Leute reagieren und ob es jemand interessiert. "Telektroponk" war dann sozusagen eine „"Best Of Demos". Aber das war bei vielen anderen Bands bestimmt ähnlich.

Obgleich ihr aus dem beschaulichen Nürnberg kommt, waren Eure Stücke extrem "grossstädtig", geradezu berlinerisch möchte man sagen. Das liegt natürlich auch den Titeln: "Grossstadtangst", "Stadt lebt", "Stadt stirbt" und so weiter. Was hat Euch am Urbanen so fasziniert, das es immer wieder zum Thema Eurer Stücke wurde?
Ferdinand: Nürnberg ist eine Großstadt! Zumindest lebe ich jetzt in einem 1.000-Einwohner-Dorf mit Blick auf die Alpen, und jedes mal, wenn ich nach Nürnberg komme, merke ich den Unterschied.
Gut, im Vergleich zu Berlin ist Nürnberg eine Provinz-Metropole. Am Anfang stand der Song "Grossstadtangst", dann kam uns die Idee, zum Thema Stadt einen ganzen Tonträger zu machen. Katja war 2008 in Chemnitz und von den leerstehenden Häusern so berührt, daß ihr spontan "Stadt stirbt" eingefallen ist. Dazu haben wir dann ein Gegenstück "Stadt lebt" geschrieben um auch die Energie und Lebensfreude einer Stadt zu vertonen. Übrigens habe ich dann für das Projekt Funkhausgruppe noch ein Stück mit dem Namen "Stadtflucht" geschrieben.

Darauf wollten wir gerade zu sprechen kommen: Im Laufe Eurer Karriere habt ihr einen immer engeren Draht zur Band Welle Erdball gehabt, mit Ihnen sogar ein ganzes Album unter eben dem Namen Funkhausgruppe (zusammen mit Hertzinfarkt und Sonnenbrandt) erdacht. Welchen Stellenwert hat Welle Erdball bei Euch?
Ferdinand: Als ich 1995 als DJ die Promo-CD „Alles ist möglich“ bekam, war ich von der Kreativität von Welle:Erdball sofort begeistert. Das klang damals so anders. Ziemlich 80er, aber sehr cool und frisch. Gerade so, als hätten die 80er nie aufgehört. Ich war lange Zeit einfach nur Fan und irgendwann um 2002 herum kam Mike Bätz vom Welle-Erdball-Hörerclub zu einem Konzert von uns. Ich habe ihm mit großer Hoffnung eine Demo-CD von uns geschenkt und war um so mehr enttäuscht, als ich lange nichts von ihm hörte. Als er uns dann 2005 fragte, ob wir auf einem kleinen Festival als Vorgruppe von Homo Futura, einem Nebenprojekt von Welle:erdball, spielen wollen, waren wir begeistert. Bei der Gelegenheit konnten wir Welle:Erdball persönlich kennen lernen und haben uns auf Anhieb verstanden.

Mittlerweile dominiert Deutsch-Pop die Hitparaden. Ganz ehrlich: Was haltet ihr von dieser neuen Generation von Musikern?
Ferdinand: Es ist schön, wenn deutschsprachige Musiker angesagt sind und es sind auch einige ganz interessante Künstler dabei. Mir fällt aber generell auf, daß gerade der Gesang sehr formatiert ist. Es scheint fast so, als kämen sie von einer Castingshow und hätten den gleichen Gesangslehrer gehabt. Das klingt alles so sehr nach Blues und Soul - sehr sauber, aalglatt und austauschbar.
Den Stimmen fehlt das Charakteristische. Eine Reibeisenstimme wie Frank Zander, ein Genuschel wie von Udo Lindenberg, das Zornige von Johnny Rotten, das Verrauchte, das Versoffene...

Was überwiegt nach dem Ende der Perlen: Freude über die lange gemeinsame Zeit oder vielleicht auch die Verbitterung darüber, nie den ganz großen Durchbruch geschafft zu haben?
Ferdinand: Definitiv die Freude über die gemeinsame Zeit! Wir waren in halb Europa unterwegs und haben viele interessante Leute kennen gelernt, bei Konzerten in leerstehenden Schulen, besetzten Häusern oder Jugendstilhotels übernachtet. Es war ein Riesenspaß. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir das alles erleben durften. Und dafür sind wir auch alle den Leuten dankbar, die uns das ermöglicht haben.
Katja: Es war eine super Zeit, die ich niemals vermissen möchte. Ich denke gern zurück und manchmal natürlich auch mit viel Wehmut.

Ist die Trennung absolut oder könntet ihr Euch vorstellen, in Zukunft vielleicht wieder ins Studio zu gehen und gemeinsam Musik zu machen?
Ferdinand: Das Leben ist ständig voller Veränderungen und wir kennen die Zukunft nicht. Es kommt sowieso anders als man denkt.
Katja: Yupp! Man weiß nie, was kommt...

|| INTERVIEW: DANIEL DRESSLER | DATUM: 03.07.19 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 6/19>

Foto ©  Arne Marende
Cover ©  kp production/Nova Media (Telektroponk), Fire Zone REcords/Nova Media (Szenenwechsel), Kompuphonik/Emmo.biz (Zurück)

Website
www.dieperlen.de

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