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7/19: WELLE:ERDBALL, MÖRDELIN, DEAD MASCOT, D.NOTIVE, NATURE OF WIRES, VIOLETTA ZIRONI: KURZ UND GUT

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Da gibt es diesen altbekannten Spruch: "In der Kürze liegt die Würze". Das mag angesichts der folgenden EPs, Singles und Previews schon stimmen. Allerdings sitzt man auch ein bisschen wie auf glühenden Kohlen, weil der Wunsch nach noch mehr guter Musik durch so ein fieses Anteasern natürlich ins Unermessliche steigt.

Bei Welle:Erdball hat dieses Hinauszögern bereits Methode. Die Hannoveraner lassen sich seit jeher gerne viel Zeit für die Produktion ihrer Alben. Dazwischen kredenzen sie aber der treuen Fangemeinde immer wieder opulente Singles und Mini-Alben. Doch was die Anhänger in den Sozialen Medien momentan mehr umtreibt ist die Tatsache, dass auch beim Radiosender das Bestzungskarussel sich ziemlich heftig gedreht hat. Bis auf Sänger Honey tauchen neue Gesichter auf den offiziellen Fotos auf. Darf man den Kommentaren im Internetz Glauben schenken, sind die Hintergründe für das neu Line-Up einerseits erfreulich (Frl. Venus ist im Mutterjahr), aber auch sehr traurig (Alf pflegt seinen kranken Vater). Doch Zweifel über eine etwaige nachlassende Qualität bei manchen überkritischen Fans können nach den ersten Takten von "Die Unsichtbaren" gleich aus der Welt geschafft werden. Die stilecht auf Vinyl herausgegebene Single ist der Vorbote zum Album "Mumien, Monstren, Mutationen" und macht unmissverständlich deutlich, wohin die Reise geht: in die herrlich improvisierte, trashige Welt der B-Horror-Movies. Musikalisch geht der "Radiosender" zurück zu seinen Wurzeln und gibt sich im Titelsong sowie dem nachfolgenden, herrlich durchgeknallten "Mama, Papa, Zombie" extrem schnell und eingängig. Alles wie immer also - und doch versucht sich das Vierergespann bei "Mumien im Autokino" an aktuelle Synth-Wave-Konstruktionen, während "Monster Mash", eine Coverversion des Halloween-Klassikers von Bobby Pickett aus dem Jahre 1962, durch die überdeutliche Aussprache Honeys, die deutlich an Klaus Nomi erinnert, zu gefallen weiß. Alles in allem eine "monstermäßig" starke Vorabauskopplung einer mittlerweile lieb gewonnenen, immer leicht schrulligen Band.


Gänzlich unbekannt hingegen war der Redaktion das englische Projekt Mördelin. Es war "At Sea Compilation"-Betreiber Axel Meßinger, der uns auf dieses Duo aufmerksam gemacht hat. Durch Mördelin konnten wir erfreulicherweise erfahren, dass Synthie-/Future-Pop auch anno 2019 immer noch funktioniert. Es gilt lediglich zu beachten, dass der Kern der Songs transparent und nachvollziehbar bleibt. Die EP "Preface" bietet den Beweis dafür: Die darauf enthaltenen sechs Songs zeigen sich bis in den kleinsten Akkord perfekt austariert, vermengen dunkle, melancholische Stimmungen mit eingängigen Tanz-Rhythmen und einer kraftvollen, nach vorne gestellten Stimmen. Pascal Carton und Amy Williams zeigen schon bei diesem ersten Auftritt eine klare Vorstellung vom Mördelin-Sound. Nicht zuletzt hat Olaf Wollschläger durch sein Mastering viel dazu beigetragen, dass "Preface" so kraftvoll und für eine Eigenprdouktion über alle Maßen ausgereift aus den Boxen tönt. Sicherlich wird man "Black & Red" und "Into The Sea" auch mal bei dem einen oder anderen Tanztee der Schwarzkittelgemeinde vernehmen können, da sie über die stärksten Refrains sowie ausreichend Wumms verfügen und gleich nach dem ersten Hören geradezu penetrant im Ohr hängen bleiben. Aber genau das muss ein guter (Dunkel-)Pop-Song eben können. Doch selbst gediegenere Stücke wie "Garden On The Terrace" und "Spirals" halten die Spannung durch harmonischen Zweigesang und kleine eingestreute klangliche Widerhaken, die den Mördelin-Stücken stets innewohnen und ihnen bei aller Anschmiegsamkeit auch etwas Kantiges verleihen. Wenn demnächst die Szenelabels bei Mördelin Schlange stehen sollten, es wäre wenig verwunderlich.

Einen amtlichen Plattenvertrag wünscht man sich derweil auch dem brandneuen Pariser Projekt Dead Mascot. Mastermind Rom B hat uns bereits vor einigen Monaten angeschrieben, mit der Bitte, eine 2-Track-Single zu rezensieren. Mittlerweile hat er auf seiner Bandcamp-Seite diese auf eine 4-Track-Preview seines Ende des Jahres erscheinenden Debütalbums "Victims" ausgeweitet. So gewährt uns Dead Mascot also einen Blick auf das, was kommt. Und was da auf uns zukommt, kann man getrost als ein höchst eigenständiges Werk bezeichnen, das, ähnlich wie bei den vorher besprochenen Mördelin, eine ganz klare musikalische Vision besitzt. Dabei setzt Dead Mascot vor allem auf einen nebulös-reduzierten Cold-Wave, der aber einen ganz eigenen, von latenter Experimentierfreude durchzogenen Duktus erhält. "Victims" selbst zeigt sich mit klaren Keyboard-Linien und einem treibenden Beat noch sehr an die klassischen Synthie-Standards angelehnt, doch bereits "The Legend Of You" löst sich aus dieser Schablone mit blubbernden Sequenzen und spacigen Sounds, und beim siebenminütigen "When Trauma Beats It" lässt Rom B seiner Experimentierfreude endgültig freien Lauf. Leiernde Flächen und eine fiebrige Rhythmussektion dominieren die Szenerie; in der Mitte des Songs wirkt man wie von einem tönernen Sog in die Tiefe gezogen. Abschließend kehrt "Pattern 7" wieder zurück auf bekannte Pfade und löst einmal mehr ein großes Cold-Wave-Versprechen ein, erinnert dabei aber auch an die poppige Frühphase von Depeche Mode. Dass das Warten nach diesen vier höchst ansprechenden musikalischen Hors d'Oeuvres noch ein bisschen quälender wird, ist der einzige Nachteil an dieser Veröffentlichung. Epilog: Bei Abschluss des Artikels sind noch drei weitere Songs hinzugefügt worden, die nicht mehr besprochen worden sind.

Bei Mördelin und Dead Mascot handelt es sich um Künstler, die den Weg in unsere Redaktionsräume eher zufällig gefunden haben. Ähnlich erging es D.Notive, den wir vor zwei Jahren durch einen freundschaftlichen Tipp kennen lernen durften. 2016 eröffnete uns das Album "The Sentinel" die Welt des Synth-Wave oder auch Retro-Wave, welches den elektronischen Pop und Futurismus der 1980er Jahre in mit den heutigen technischen Mitteln und einer avancierten Videospiel-Ästhetik zu interpretieren versucht. Doch wo Style über Substanz herrscht, kann ein solches Unterfangen schon mal nach hinten losgehen. Nicht aber bei D.Notive, der sich aktuell mit seiner EP "Undead" auch ein bisschen aus dem gängigen Retro-Korsett zu lösen versucht. So zeichnet ein gemäßigtes Tempo und eine leicht angedüsterte Atmosphäre, die am ehesten noch mit der Grundstimmung von Depeche Modes Album "Songs Of Faith And Devotion" zu vergleichen ist, den Opener "Crawl" aus."Reprise" und "Dark Spin" hingegen besitzen eine neue Lässigkeit, die eher aus den 90ern zu stammen scheint. Lediglich der Titelsong greift in seiner Melodik die Verspieltheit der Eighties-Pop-Songs auf, verleugnet aber durch einen dynamischen Rhythmus um die 145 BpM mit massiven Beats und brodelnden Bassläufe seine EBM-Einnflüsse nicht. Das abschließende "Situate" hingegen greift den Proto-Electro-Pop von Kraftwerks 1981er Meilenstein "Computerwelt" auf und versetzt diesen mit Vocoder-Gesang und Jarre-esquen Trance-Sequenzen. Keine Frage: D.Notive sucht auf der "Undead"-EP nach neuen Wegen, die ihn als Musiker schillernd und interessant machen. Dass bei aller klanglichen Diversität am Ende immer noch der Musiker seine eigene Handschrift hinterlässt, mag die größte Überraschung sein.

Überraschend war auch die bereits in diesem Frühjahr veröffentlichte Single "Reborn" einer Gruppe namens Nature Of Wires. Tatsächlich ging sie in einem Wust von Neuerscheinungen unter. Doch die an Veröffentlichungen etwas ärmeren Sommermonate wurden genutzt, um den "Vergessenen" Gehör zu schenken (nicht zuletzt auch, weil UNTER.TON aufgrund technischer Komplikationen eine mehrwöchige Pause einlegen musste). Und so bekommt die vier Track starke CD dann doch noch jene Aufmerksamkeit, die sie eigentlich schon von Beginn an erhalten sollte. Denn was "Reborn" anbietet, ist ein höchst an- wie eigenständiger Sound, der mit klaren Synthesizerlinien und trockenen Beats eine fast schon festliche Stimmung hinaufbeschwört. Am Ende dieser Reihe steht Lady B, die mit einem tiefen und gleichzeitig vollen Organ über die menschlichen Abgründe im kleinen erzählt: Scheinheiligkeit, Ausnutzung, totale Kontrolle. All die kleinen Psychospiele werden bei "Reborn" druckvoll, jedoch ohne falschen Pathos durchexerziert. Der Titel indes könnte sich auf die Vita der Band projizieren lassen. Schließlich existiert Nature Of Wires bereits seit mehr als 30 Jahren, zwei Drittel davon waren allerdings eine - mehr oder weniger ungewollte - Pause. Vielleicht hat es diesen ungewöhnlich langen Anlauf gebraucht, damit "Reborn" sich in aller Opulenz entfalten konnte. Das im vergangenen Monat erschienene Album "Modus" offenbarte jedoch, dass Lady B nicht wieder zu hören ist. Anscheinend wurde sie nur für diese EP ans Mikro gestellt; normalerweise übernimmt Andrew Stirling-Brown nämlich diesen Part. Zweifelsohne kann er singen, aber es ist schon schade, dass die Sängern nicht weiter an Nature Of Wires teilnimmt. Denn gerade ihr Organ macht den feinen Unterschied aus.

Und abschließend noch eine wunderbare Frauenstimme: Violetta Zironi. Wie ihrer Vita zu entnehmen ist, schaffte sie einen respektablen dritten Platz bei der italienischen Version der Casting-TV-Sendung "X-Factor", was ihr auch gleich einen Major-Vertrag einbrachte. Als Repräsentantin einer neuen Musikergeneration hangelt sie sich allerdings eher von Single zu Single, respektive von EP zu EP, die Violetta teilweise in ihrer Muttersprache eingesungen hat. Ein komplettes Album? Bislang Fehlanzeige. Aber man verzeiht ihr das gerne. Denn was beispielsweise auf ihrer aktuellen Vier-Nummern-Revue "Scenes From My Lonely Window" passiert, ist nicht weniger als das komplette Offenlegen einer jungen, zerbrechlichen Seele, die im Begriff ist, die Welt kennen zu lernen - mit all ihren Tücken und Wundern. Die spärlich instrumentierten Singer-/Songwriter-Stücke lassen viel Raum für die helle und gleichzeitig schüchterne Stimme Zironis. Dass es diese Frau so weit in einer Casting-Show geschafft hat, verwundert nicht. Dass sie sich aber nicht hat vereinnahmen lassen von irgendwelchen windigen Musikmanagern, sondern strikt ihren eigenen Weg geht, ist das eigentliche Glück an der Sache. "One More Goodbye", "Little Wounds", "Oasis" und nicht zuletzt "Lonely Window" besitzen eine nachgerade unschuldig zu nennende Reinheit, hinter der sich eine große Liebe zu Folk, Americana und Bluegrass verbirgt. Verbunden mit einem Hauch Melancholie wandelt Zironi stimmlich irgendwo zwischen Katie Melua und Coeur de Pirate und gibt der schnelllebigen Zeit ein Stück Ruhe zurück. "Scenes From My Lonely Wndow" jedenfalls kann nur der Anfang von etwas Großem sein; ein Album muss unbedingt von der jungen Italienerin angepeilt werden.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 20.09.2019 | KONTAKT | WEITER: PAUL DEN HEYER VS. RICHARD HAWLEY>

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Webseiten:
www.welle-erdball.info
www.facebook.com/Mordelinmusic
deadmascot.bandcamp.com
www.d.notive.cc
www.natureofwires.com
www.violettazironi.com

Covers © Oblivion/SPV (Welle:Erdball), Mördelin, Dead Mascot, 590009 Records DK (D.Notive), Echozone (Nature Of Wires), Pon't Danic Music (Violetta Zironi)

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