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PRADA MEINHOFF "PRADA MEINHOFF" VS. YOSHUA "YOSHUA" VS LES TRUCS "JARDIN DE BOEUF": NEUE WÖRTER BRAUCHT DAS LAND

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"Denk' ich an Deutsch-Pop in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht". Was an heimatsprachlichem Liedgut derzeit in den oberen Chartplatzierungen zu finden ist, kann man nur als lauwarmes Gefühls- und Sentimentalitätsgeschwurbel bar jeder Spannung bezeichnen. Barden jeglichen Alters versuchen sich in pastelligen Sehnsüchteleien, vorzugsweise mit nostalgisch verklärten Blick auf die eigene Jugend in den 90ern (gerade die Hamburger von Revolverheld treten diese Thematik breit bis ultimo). Oder sie ergehen sich in Grönemeyer'scher Meta-Metaphorik, aus der sie selber nicht mehr herausfinden. Stört aber weiter nicht. Solche Nummern sind zwar textlich sinnlos, aber irgendwie gefällig.

Also überall nur Political Correctness und braves Angepasstsein? Nicht ganz! Denn es gibt doch einige herzerfrischende Querschießer, wie zum Beispiel Prada Meinhoff. Allein der Bandname versetzt das Hirn in extreme Rotationen. Sie spielen phonetisch auf die bundesdeutsche Terrorgruppe der späten 1970er an, ersetzen die eine Namenshälfte mit einer exklusiven Handtaschenmarke und fügen der zweiten noch ein "f" an, um ortographische Distanz zu schaffen. Doch das Gedankenkarussel ist da bereits in Fahrt: Handelt es sich um eine Anklage gegen den Terror des Konsums? Oder sind Sängerin Chrissi Nichols und Musiker René Riewer gar so etwas wie eine neue Großstadt-Modeguerilla? Eine Band mit solch einem Namen kann also eigentlich gar nicht langweilig sein, bevor man auch nur einen Ton von ihnen vernommen hat.

Wie unschwer zu erkennen ist, stammen die beiden aus Berlin und fahren mit ihrem ersten, selbstbetitelten Album so ungefähr alles auf, was die Stadt seit den frühen 80ern bis heute musikalisch wie popkulturell zu bieten hat. Chrissis stimmliche wie optische Ähnlichkeit mit Annette Humpe von Ideal ist da sicherlich nicht von Nachteil. Allerdings reichen die Vergleiche über die Berliner Stadtmauern hinaus. Ihr punkiger Electro-Sound erinnert an Spillsbury aus Hamburg, ihr modebewusstes Auftreten an die Belgier von Vive La Fête.

Die Vergleiche dienen aber nur einer etwaigen Grenzziehung dessen, was man musikalisch geboten bekommt: Beats, Bässe, Gitarren und Synthies knarzen sich durch die Kompositionen, dass eine Art hat. Dekadenter Glam-Shuffle bei "Brand", fiepiger Minimal-Disco-Beat bei "Cocktail" und post-punkige Saitenspielereien bei "Komplizen" sind die tönernen Eckpfeiler eines Debütalbums, das nichts weniger als die perfekte Unterhaltung für städtische Emo-Hipsters sein will. Dahingehend ist ihr Debüt eine sichere Nummer.

Textlich jedoch gleicht ihr Album einem Pamphlet über den urbanen Existenzialismus, das dem Individuum nur die Wahl zwischen zerstreuenden Parties im Club und knallharter Orientierungslosigkeit auf der Suche nach der eigenen Indentifikation bietet. Umgeben von Influencern, Instragram-Sternchen und Blogger-Communitys verschwimmen die Ebenen zwischen Schein und Sein. So sucht das Duo in "Maske" nach unverfälschter Authentizität, erlebt die graue Realität nach den glitzernden Parties in "Express" und macht die innere Leere nach durchzechten Nächten bei "Schluss" greifbar.


Ähnlich wie Soft Cells Klassiker "Non Stop Erotic Cabaret" ist auch "Prada Meinhoff" ein sophistisch-nihilistisches Clubalbum geworden, allerdings ohne die homoerotische Konnotation. Dass es dann auch der 80er-Schlager "Eisbär" von Grauzone sein muss, den Prada Meinhoff überraschend spannend neu interpretieren, liegt auf der Hand. "Eisbären müssen nie weinen" - und das wollen die Protagonisten in den Songs des Duos auch. Glänzende Schale, harter Kern eben.

Doch so einfach ist es nicht, Gefühle auszublenden. Auch der umgekehrte Fall - das Offenlegen der Emotionen - kann zu einem Problem werden, insbesondere in der Musik. Denn wie oft fallen Liebes- oder Herzschmerzballaden durch sprachliche Unzulänglichkeiten auf? Ein bisschen Pathos hier, ein paar Streicher da, aneinandergereimte Phrasen et voilà: Schon sind diese Songs nicht mehr als das Klischee ihres Genres, das sie zu bedienen versuchen.

Hin und wieder lassen sich einige MusikerInnen auf den Versuch ein, ihrem Herzen zu folgen. Das führt beim Hamburger Musiker Yoshua und seiner selbstbetitelten Debüt-EP zu erstaunlichen, bisweilen schmerzhaften Einsichten. Dem rockigen Anstrich seiner mollschwangeren Stücke setzt er seine alerte, durchdringende Stimme entgegen, die in den drängenden Momenten an die Intensität eines Rio Reiser erinnert und dennoch eine gewisse deutschpoppige Leichtigkeit besitzt.

Der eigentliche emotionale Vorschlaghammer sind aber eindeutig Yoshuas Texte, die zwar in "Krieger der Nacht" (das in der zweiten, intimen Akustik-Version erst seine ganze emotionale Wirkung entfaltet) noch so etwas wie Aufbruchsstimmung versprechen, aber bereits mit "Lärm der Zeit" ein beklemmendes Szenario auffahren, das das lyrische ich in eine Welt wirft, in der er an der verzweifelten Suche nach einem Platz darin zu scheitern droht.

Nicht weniger gänsehautfördernd ist "Ich hab dich", ein Lied über die Grausamkeit, Kinder zu Soldaten zu erziehen. In deser Nummer offenbart sich Yoshuas ganzes Talent und sprachliches Feingefühl. Die Gefahr, in hohle Phrasendrescherei zu enden, wendet er durch ein geschicktes Wechseln der Erzählperspektive ab.Mit zittriger Kopfstimme wechselt Yoshua in die Rolle des Kindees und zeigt so die Angst und das Unbegreifbare der Situation unmittelbar auf. Man hat das Gefühl, als wäre man das Elternteil, das ihren eigenen Nachwuchs auf die Schlachtbank bringt.

Yoshua ist mutig, ungefiltert, direkt. Damit zwingt er sich den Hörern auf, dreht mit seinen schummrigen Emo-Rock-Nummern die Köpfe der Menschen gewaltsam in seine Richtung. Und man denkt über seine Texte nach, egal ob es sich wie bei "Ich hab' dich" um ein Thema dreht, das nicht unmittelbar mit unserer Gesellschaft zu tun hat, oder wie in "Scheinwelt", einer Abrechnung mit Konsumgeilheit und Oberflächlichkeit, ganz dicht an unserer Realität angesiedelt ist. Der Sänger findet auch hier die richtigen Worte, die ein weiteres Mal kongenial von Mitstreiter Sven Bünger musikalisch in Szene gesetzt worden sind. Ihnen wäre es zu wünschen, wenn sie mit ihrer Musik viele erreichen.

Ob das Les Trucs aus Frankfurt auch schaffen, darf eher bezweifelt werden. Nicht weil ihre Musik nicht gut wäre (dann würde sie hier sicherlich nicht besprochen werden). Aber doch, weil Charlotte Simon und Toben Piel das gemeine Hörverhalten immer wieder in Frage stellen und mit dadaistischen Texteskapaden unterwandern. We einst Foyer des Arts mit dem hochdekorierten Abstrus-Lyriker Max Goldt, eröffnen sich bei Les Trucs auf ihrem dritten Album "Jardin du boeuf", zu deutsch: Fleischgarten, ein verstiegenes Gedankenexperiment, das von ausgefranster NDW-Elektronik im DIY-Modus begleitet wird.

Schauplatz ist unser Körper, der zwischen Seziertisch und künstlerischem Happening zu neuem, eigenen Leben erweckt wird. "Harmoniah" stellt die steile These auf: "Innere Form ist äußere Einstellung". Und die sei zu erreichen mit "Magenklammer (und) Darmkorsett". Und bei "Das vergessene Organ" erklären sich Milz, Bauchspeicheldrüse und Geschlechtsorgane und träumen von einer weitaus höheren Wichtigkeit ihrer Existenz - mit skurril-witzigen Gedankengängen: So ist die Bauchspeicheldrüse "Produzent von Enzym Hormon und Insulin", doch "Um mich nicht selbst zu verdaun, muss ich sie erst noch umbauen."

Die pathologische Groteske nimmt ihren Lauf, lässt in "Ein Chirurg" ein wenig frankenstein'schen Wahnsinn durchblitzen ("Meine Passion ist Modifikation (...) Ich lege frei und stopfe aus"), verlangt nach der kühlen Distanz eines Gerichtsmediziners, wenn "Blut, Eiter, Kot & Insekten" untersucht werden müssen und lässt im englischsprachigen "Cryonic Liver" eines unserer wichtigsten Innereien - die Leber - zu einem Zeitreisenden mutieren.

Schnell wird deutlich, dass die musikalische Ebene bei Les Trucs gar nicht ausreicht, um den verqueren Gedankenreichtum der beiden Künstler ausreichend darzustellen. Tatsächlich basiert das Album auf ihre Performance "Der Fleischgarten", den sie jüngst in ihrer Heimatstadt aufführten. Mit der Präzision eines Skalpells ritzt das Duo infernale unsere bisherigen Vorstellungen von Harmonik ein, um sie an den entscheidenden Stellen mit ihren holprigen Klängen und wahnwitzigen Poemen zu kreuzen. Das Ergebnis: Man ist einerseits irritiert, bsiweilen fühlt man sich sogar für dumm verkauft. Und doch ist da diese eigenartige Anziehungskraft, die den acht Nummern innewohnt. Wie bei bei Gunther von Hagens' Skandalausstellung "Körperwelten" liegen Schock und Ekel sowie Faszination und Bewunderung ganz nah beieinander.

Sie, wie auch Yoshua und Prada Meinhoff, sind das Salz in der wässrigen Deutsch-Pop-Suppe, der spitze Stachel im Gesäß der immercoolen Schmalzbarden. Ihnen zuzuhören lässt einen doch immer wieder hoffen, dass nicht alles schlecht in diesem Land ist.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 08.05.18 | KONTAKT | WEITER: VARIOUS ARTISTS "BURNING BRITAIN - A STORY OF INDEPENDENT UK PUNK 1980-1983">

Webseite:
www.prada-meinhoff.de
www.facebook.com/officialyoshua
www.lestrucs.org

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COVER © FREUDENHAUS RECORDINGS/ROUGH TRADE (PRADA MEINHOFF), CHEFRECORDS RATEKAU/MOTOR(YOSHUA), ZEITSTRAFE (LES TRUCS)

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