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A.R. & MACHINES "THE ART OF GERMAN PSYCHEDELIC 1970-74": DIE LÜCKEN GESCHLOSSEN

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Was dem Engländer die Beatles, sind dem Deutschen - unter anderem - die Rattles. Mit dem einen Unterschied, dass deren Frontmann Achim Reichel in punkto Charisma und musikalischem Talent John Lennon und Paul McCartney in Personalunion verkörpert. Das kitschig-gruselige "The Witch", welches natürlich auf keiner Halloween-Party fehlen darf, hat die Band international bekannt gemacht und zusammen mit den Kollegen von den Lords gezeigt: Deutschland kann Beatmusik.

Was Deutschland aber auch kann, ist Wehrdienst. Und den hat Achim auf der Spitze seiner jungen Karriere absolvieren müssen. Dem kollektiven Gedächtnis dadurch etwas entschwunden, meldet er sich mit der deutschen Supergroup Wonderland zurück (mit Les Humphries an der Orgel und James Last als Produzenten). Ihr Song "Moscow" schmeckt schon sehr nach LSD und Marihuana, ist aber noch relativ gefällig gewesen im Vergleich zu den wilden Nummern aus den Psy-Rock-Epizentren Großbritannien und USA.

Mitte der 1970er zeigt sich Reichel mit einer teils auf Plattdeutsch aufgenommenen Scheibe extrem heimatverbunden und bringt es im Laufe der nächsten Dekaden zu einer progressiven Verschlagerung des Shanty, also den alten Seemannsliedern. Diese Entwicklung gipfelt Anfang der 90er in dem herrlichen Winke-Winke-Song "Aloha Heja He", dessen Refrain man selbst mit einer Buddel voll Rum intus noch problemlos mitgröhlen konnte (auch wenn es der Schönheit dieser Nummer nicht gerade zuträglich wird).

Doch zwischen dem rebellisch-rockigem Beatmusiker und dem bekömmlichen Shanty-Popper wird er, fast nebenbei, zu einer mitgestaltenden Kraft des damals prosperierenden Krautrocks. Schuld daran ist Akai X330D, eine Bandmaschine, die sich Achim damals neu zugelegt hat. Während seiner ersten Gitarrenaufnahmen treten ungewollt Echoeffekte auf. Anstatt aber den vermeintlichen Fehler zu beheben, nimmt ihn die wie im Raum mäandernde Melodie in ihrer Redundanz sofort gefangen.


Fortan züchtet er diese spacigen Saitenklänge, nennt sein neues Projekt A.R. & Machines und bringt mit "Die grüne Reise" die ersten Ergebnisse auf Platte und Kassette heraus. Nur wenige haben damals mit diesen verschrobenen Klängen etwas anfangen können. Der progressiven Hörerschaft (erfahrungsgemäß ein kleiner, elitärer und erlaucher Kreis) kommt "Die grüne Reise" aber einer Offenbarung gleich. Reichel dekonstruiert in (Halb-)Instrumentalen den testosterongeschwängerten Rock und zerstört selbst knackige Blues-Figuren durch seine Experimente, indem er sie mit elektronischen Spielereien surrealisiert. Die Songstruktur wird ad absurdum geführt und weicht einem eher spontanen Improvisationsstück, ganz im Sinne des Fluxus.

Am Ende manifestiert sich ein neues Verständnis deutscher Rockmusiker, die sich nicht mehr komplett dem angloamerikanischen Kulturdiktat beugen wollen. Auch A.R. Machines öffnen die Hörgewohnheiten der Bundesbürger, wenngleich nicht so massenwirksam wie es beispielsweise Ralf & Florian (aus denen kurze Zeit später die Technokraten-Popper Kraftwerk entstehen sollten), Tangerine Dream oder Can geschafft haben. Selbst die nachfolgenden vier Alben "Echo", "A.R.3", "A.R.4" und "Autovision" sind von einer ungeheuren tonalen Sprengkraft und überbordenden Ideenfülle, die heutzutage ihresgleichen sucht.

Zwischen obskuren Tonexperimenten und meditativen Sphärensounds baut Reichel einen ganz eigenen, höchst anspruchsvollen Kosmos auf, den er nun, nach mehr als 45 Jahren endlich komplettiert. "The Art Of German Psychedelic (1970-74)" enthält neben den regulären Veröffentlichungen zwei intensive Live-Aufnahmen sowie jede Menge unveröffentlichte Songs und das wunderbare Remix-Album "Virtual Journey", welches Reichels warme Gitarrenlicks mit smoothen Beats unterlegt. Würde man es nicht genauer wissen würde, man könnte meinen, ein junger Chill-Out-DJ sei hier am Werk gewesen.

Und genau das ist es, was "The Art Of German Psychedelic (1970-74)" so faszinierend macht: A.R. & Machines' Alben sind viel zu intelligent aufgebaut, viel zu magisch in ihrer Wirung und haben überhaupt von allem zu viel, sodass viele Menschen es zu jener Zeit gar nicht verstanden haben oder gar verstehen wollten. Erst jetzt, in einer Epoche explodierender Gleichzeitigkeiten, in der ein Ereignis das andere überlappt, um seinerseits wieder von der nächsten Information bedeckt wird, kann diese zehn CD starke Box erschlossen werden - natürlich auch mit dem pophistorischen Wissen im Hinterkopf.


Reichel selbst hat dafür gesorgt, dass seine drogeninduzierten Klänge einst vom Markt verschwinden, um seine nicht weniger erfolgreiche Solo-Karriere zu beeinflussen. Nun kehrt Achim aber wieder zurück zu seinen Psy-Rock-Tagen und es scheint so, als haben die Menschen nur darauf gewartet. Immerhin ist nach der Wiederbelebung des Projektes gleich mal ein Auftritt in der Elbphilharmonie im September dieses Jahres erfolgt - quittiert mit stehenden Ovationen.

Ganz klar: A.R. Machines wieder ins Bewusstsein zurückzubringen, war goldrichtig. Das Kompendium schließt nicht nur die Lücke, die Reichel damals selbst ausgespart hat, sondern fügt den Annalen der deutschen Pophistorie ein weiteres Kapitel zu, quasi die Apokryphen des Krautrocks. Und nicht zuletzt bekommen die jüngeren Generationen endlich eine Ahnung davon, was für eine coole Socke der 73-jährige Hamburger noch immer ist, "Aloha Heja He" hin oder her.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 03.11.17| KONTAKT | WEITER:  IM GESPRÄCH: ALEX SVENSON (THEN COMES SILENCE)>

Webseite:
www.achimreichel.de


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