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EMILIE AUTUMN: TAUSCHE SHAKESPEARE GEGEN HIPSTER-SCHLAPPEN

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RUBRIK: HINTER DER MUSIK > QUO VADIS

Mit Elfenflügeln, Shakespeare-Sonetten und Earl Grey Tea im Gepäck gründete sie einst ihre eigene Plattenfirma, schipperte als Vorzeige-Ophelia über den großen Teich und fand in Europa ein treues Publikum für ihren Violindustrial-Sound. Jetzt nimmt Ex-Geigerin Emilie Autumn am amerikanischen Hipster-Spektakel “Vans Warped Tour” teil – und zerstört mit Kampfgeschrei, Barbie-Optik und fragwürdigen Musical-Ambitionen das vormals stimmig konstruierte Asylum-Projekt.

The same procedure as every year: Wenn Grande Dame Mary Warden und Tigerfell-Liebhaber Freddie Frinton pünktlich zum Jahresende den "Dinner For One"-Sketch zelebrieren, sind unzählige Deutsche mit Feuer, Flamme und Kartoffelchips dabei. Von diesem preußischen Hang zum Ritual profitierte anfangs auch Emilie Autumn, die seit 2007 mit der immer gleichen Musik-Show durch Europa tourt. Als bekennender Fan der britischen Kultserie “Das Haus am Eaton Place” tritt die Kalifornierin mit Rüschenkragen, Spitzencape und britischem Theater-Akzent vors Mikro und beschwört in detailverliebter Puppenhaus-Kulisse das Viktorianische Zeitalter. Mit Erfolg: Die Autumn’sche Irrenanstalt, “Asylum For Wayard Victorian Girls” genannt, schafft es vom Kammerspiel auf die ganz große Bühne – und macht die eifrig fidelnde Düsterversion von Miss Sophie zum erklärten Liebling der gotischen Großveranstaltungen.

Im Festival-Sommer 2007 führt kein Weg an Emilie Autumn und ihrer weiblichen Entourage vorbei: Die sogenannten Bloody Crumpets, ein gefälliger Cocktail-Mix aus Zombie-Ballerina (Fetisch-Model Aprella), Burlesque-Tänzerin (Pinup-Darling Veronica Varlow), Gothic-Braut (Sängerin MyLucina) und Bat Cave-Veteranin (Schneiderin Vecona) bringen frischen Wind in die Live-Shows und verpassen dem Asylum einen neuen, poppigeren Anstrich. Für Emilie Autumn, die in den USA stets mit einer Live-Kombo getourt war, ein großer Schritt: Der Fokus liegt nicht mehr auf der Musik, sondern verschiebt sich zunehmend auf die visuelle Ebene.

Unter der Obhut von Vecona, die bereits Szenegrößen wie ASP oder Sopor Aeternus in stimmiges Textil verpackt hat, mausert sich Emilie Autumn bald zu einer Art Lolita-Prinzessin – und sticht dem Betrachter mit blutrotem Kobold-Schopf, reinweißen Rüschen-Gewändern und maßgeschneiderter Sanduhr-Silhouette sofort ins Auge. Das klare Farbschema des Asylum-Bühnenspektakels (Schwarz-Weiß-Rot) folgt der bekannten White Stripes-Ästhetik – und lockt neben den Zuschauern auf M’era Luna, Amphi und WGT auch diverse Fotografen an. Während Emilie Autumn mit melancholisch gebrochener Stimme die Legende von Hamlets Ophelia beschwört, sich als halb wahnsinniger Rachegeist in manischer Depression verliert und in hektisch pulsierendem Geigenspiel Höhen und Tiefen des menschlichen Gefühlsspektrum auslotet, verwandeln die Crumpets das Asylum in einen Model-Shoot. Die Bewegungen der Mädels sind fotografisch genau getaktet, sämtliche Posen präzise einstudiert und auch das kamerawirksame Spiel mit verschiedenen Requisiten wohl kaum dem Zufall überlassen. Hier sind echte Profis am Werke; ein ständiger Kampf um die besten Foto-Motive entbrennt, in dem die Sinne des Betrachters sich automatisch auf die belebte Kulisse konzentrieren.

Das ist schade, denn gerade für die leisen Töne bleibt hier wenig Raum. Und Emilie Autumns Qualitäten als Songwriterin, die auf ihrem Debütalbum “Enchant” mit gefühlvoll nuancierten Violinen-Passagen und poetisch komplexer Sprache faszinierte, beginnen allmählich zu verblassen. Am Ende sind es (leider) die simpler instrumentierten “Opheliac”-Sounds mit ihren plakativen, auch für jeden Nicht-Muttersprachler leicht verständlichen Mitgröhl-Botschaften (“Revenge is the best Revenge”, “Liar! Liar!”), die den Europa-Ruhm der Endzeit-Elfe begründen. Ein Rauschen geht nun auch durch den gotischen Blätterwald und macht die Gothic-Prinzessin zur strahlenden Titelheldin, deren modische Vorlieben offensichtlich ganz den Puls der Zeit treffen. Trauriger Höhepunkt: Im Rahmen der Tournee 2008 sind schließlich auch jene Boulevard-Reporter mit von der Partie, die sonst nur zur Pfingstzeit mit den obligatorischen Fetisch-Fotostrecken vom WGT aufwarten.

Während das Asylum munter durch die Lande tourt, verkommt die Show immer mehr zur Karnevals-Nummer: Emilie Autumn gehen seh- und hörbar die Ideen aus. Die Künstlerin singt Playback; auch die Geige, einst stilbildendes Mittel für ihren Violin-dustrial-Sound, ist nur mehr als Einspieler vom Band zu hören und verschwindet am Ende, sang- und klanglos, von der Bühne.

Mit der Trennung von Kostümbildnerin Vecona setzt Autumn ein klares Zeichen: Sie konzentriert sich nun ganz auf die optische Ausgestaltung der Bühnenfigur, die mit dem üppig illustrierten, dafür sprachlich mauen Werk “The Asylum For Wayward Victorian Girls” eine Pseudo-Biografie erhält – und irritiert mit einer unfreiwillig komischen Medical-Burlesque-Fremdschäm-Nummer selbst treue Fans. Musikalischer Nachschub wird nur mehr in Form einer Cover-EP geliefert, auf der sich die Ex-Fidlerin an der Lauper’schen Träller-Nummer “Girls Just Wanna Have Fun” sowie dem Radio-Klassiker “Bohemian Rhapsody” versucht. Freddie Mercury wird ihr neuer Gott; immer öfter zeigt sich die ehemals bekennende Morrissey-Verehrerin, die einst betont öffentlich von einem Duett mit ihrem Idol träumte, mit Queen-T-Shirt – und versucht sich dem neuen Helden auch in Gestik und Mimik zu nähern.

Das Resultat ist leider wenig stimmig: Mit  überzeichneten Posen und strasspinker Zirkuspferd-Ästhetik verirrt sich die Asylum-Show im grellbunten Glitzerwald – und rutscht damit endgültig in die Groteske. Zirkus-Impulse bekommt das Spektakel durch immer neue Bloody Crumpets, die am Hochseil turnen oder Feuer spucken. Alte Fans bleiben allmählich weg; dafür hat vor einem deutlich verjüngten Publikum der endgültige Ausverkauf begonnen. Am Merchandise-Stand finden sich neben T-Shirts und Postern nur Taschen oder Schmuck; CDs der Künstlerin? Fehlanzeige. Die netten Fan-Plaudereien und persönlichen Autogramme nach Show-Ende ersetzt Emilie Autumn durch überteuerte VIP-Packages. Ihre Anhänger, einst liebevoll als “Muffins” betitelt, erhebt die Kalifornierin in den zweifelhaften Stand von “Soldiers of the Asylum Army”.

David Bowie jagte seine übermächtige Ziggy-Figur zum Teufel, als das Bühnen-Ego seinen Schöpfer allmählich zu zerstören begann - und schlug mit dem Thin White Duke ein neues Pop-Kapitel auf. Emilie Autumn hat diesen Absprung irgendwie verpasst: Sie klammert sich weiter an eine zur hohlen Maske verkommene Kunstfigur, die ihr Zenith bereits vor Jahren überschritten hat – und ist heute mehr Model als Musikerin. Zuletzt machte die Ex-Geigerin mit halbherzigen Schauspiel-Ambitionen auf sich aufmerksam und turnte im Splatter-Musical “The Devil’s Carnival” als Horror-Püppchen durchs Bild. Hinter der Kamera: “Saw”-Regisseur Darren Lynn Bousman, der Emilie Autumn wohl auch zu einer Asylum-Broadway-Show inspirierte. Eine erste Kostprobe lieferte 2012 das erstaunlich blasse Musical-Album “Fight Like A Girl”, für das die Theater-Aspirantin ihre Violine nun endgültig ins Nirwana befördert hat. In lichteren Momenten erinnert das lieblos instrumentierte Machwerk an die ausklingende “Opheliac”-Ära. Altmeister William Shakespeare, dessen vielschichtiges Oeuvre Emilie Autumn einst zu ihren besten und originellsten Titeln inspirierte, taucht nicht einmal mehr zwischen den Zeilen auf.

Dafür macht die Kalifornierin jetzt einen auf Gladiator, geistert mit Plastikhelm, Barbie-Blondschopf und blassgelb ausgewaschenen Kostümfetzen am Leibe über eine schmucklose Bühne, die noch immer hartnäckig als Ursprungs-Asylum verteidigt wird – obwohl sie ihren alte Charme längst verloren hat.

Vor gut zwei Wochen dann die grausige Entdeckung: Emilie Autum geht mit ihrer Asylum-Show bei der “Vans Warped Tour” 2014 an den Start. Auf der Website des zweimonatigen US-Spektakels wird das Konzert-Erlebnis als interaktives Environment angekündigt – ein Begriff aus der Aktionskunst, der seit den Swinging Sixties zirkuliert und eine Rauminstallation mit Publikumsbeteiligung bezeichnet. Dass der Ausdruck nun ausgerechnet auf Hippie-Guru Alan Kaprow und seine konsumkritische Happening-Bewegung zurückgeht, ist tragische Ironie – und wirkt im Rahmen einer Veranstaltung, deren Hauptsponsor ein amerikanischer Hipster-Bekleidungsriese ist, mehr als deplatziert.

Sein oder Nichtsein, die alte Hamlet-Frage, stellt sich bei Emilie Autumn nun leider nicht mehr: Sie wird ab Juni vor einer Herde Skater-Teenies performen – und dabei hoffentlich merken, dass schauspielerisches Talent und Kunstverstand vor allen Dingen auch harte Arbeit sind, die selbst in vernebelter Sicht, durch die rosig glitzernde Trotz-Brille betachtet, nicht einfach über Nacht vom Himmel fallen.


|| TEXT: ANTJE BISSINGER // DATUM: 01.04.2014 ||| DEINE MEINUNG? MAIL SCHREIBEN! || WEITER: QUO VADIS APOPTYGMA BERSERK >>

FOTOS © ANTJE BISSINGER.

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