CRUSH OF SOULS "CAPTIVE YOUTH": WIE FRÜHER, NUR JETZT - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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CRUSH OF SOULS "CAPTIVE YOUTH": WIE FRÜHER, NUR JETZT

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Als der Autor dieser Zeilen sich von den eingestreuten Saxofonparts des Vorgängers gefangen nehmen ließ und deswegen "Lézire" mit Bestnoten ausstattete, war klar, dass das nur ein Jahr später erschienene "Captive Youth" auch einer genaueren Betrachtung unterzogen werden sollte. Einziger Wermutstropfen: Das quäkige Instrument ist nicht so oft und präsent zu hören - nur einmal im surreal anmutenden Finale der lasziven Abschlussnummer "Body & Leather". Dafür intensiviert Charles Rodwell seine Bemühungen, einen anachronistischen Sound zu kreieren, der aber trotzdem nicht so klingt. Wie geht das?

Genau lässt sich das gar nicht ausmachen. Da sind die rumpeligen 90s-Euro-Dance-Beats und die schwindeligen Synthielinien, die "Cemetery Days" den Anstrich einer verschollenen Aufnahme von vor 35 Jahren geben. Gleichzeitig sind der Druck und das dichte Arrangement ein klares Anzeichen, dass es sich nicht um ein altes Stück handeln kann. Und genau diese Ungewissheit bringt Dynamik in das komplette Album, das nicht eine Minute langweilt.

"Captive Youth", was so viel wie "gefangene Jugend" bedeutet, kann sich nur sinnhaft übersetzen, beziehungsweise gibt es mehrere Interpretationsmöglichkeiten. Es kann Synonym sein für junge Erwachsene, die in schwierigen sozialen Verhältnissen aufwachsen, sein, oder aber - und das ist die wohl plausiblere Auslegung - das Festhalten an jener Lebensspanne sein, in der die Welt offen stand und unbegrenzt schien. Zumindest lassen einige plakative Titel wie "Dying To Stay Young" darauf schließen, dass man den süßen Geschmack der Jugend immer noch auf der Zunge tragen möchte, auch wenn die Wirklichkeit Charles (und auch vielen anderen) klar macht, dass diese Phase der Existenz schon längst zu den Akten gelegt worden ist.

Doch wie schon oben beschrieben, ist "Captive Youth" kein wehleidiger Blick zurück, vielmehr eine Inventur der Emotionen und Gedanken, die man sich im Laufe der Zeit so macht. Rowells Klangästhetik besitzt aber eine ungestüme Wildheit, die sich an das Sentiment adoleszenter Menschen anlehnt. Das Album bahnt sich seinen Weg durch viel Elektronik, die wie in "Palace" einfach nur wabernd und mit Tönen, die Walgesängen nicht unähnlich sind, auch mal fragmentarisch sein kann.

Nur nicht vorhersehbar sein, nur nicht langweilen: Crush Of Souls haben ihren eigenen Sound weiter konkretisiert und präsentieren ein sehr rundes Album, in dem Pop in eine kantige, schmutzige Version umgebaut wird, die das revolutionäre Moment damaliger Mainstreamsongs intelligent weiterträgt. Auch wenn die Jugend ein flüchtiger Zustand unserer Existenz ist, so erinnert uns "Captive Youth" an diese Zeit mit dem Lächeln eines Wissenden.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 06.08.26 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 8/26>

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