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WATCH CKARK "FIRST WEEK OF WINTER" VS. EISFABRIK "NULL KELVIN": TANZ DEN VÄTERCHEN FROST

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Jede Jahreszeit trägt seinen individuellen Zauber des Anfags in sich. Es ist immer eine besondere Atmosphäre, wenn sich Frühling, Sommer, Herbst und Winter ankündigen. Letztere macht die Welt mit seiner ersten dünnen Schneedecke und Temperaturen um den Gefrierpunkt ein wenig langsamer und auch ruhiger.

Die erste Winterwoche bei Watch Clark aus Seattle wirkt aber alles andere als beseelt. "First Week Of Winter" kommt mit analogen Synthesizern und einer unbehaglichen Atmosphäre daher, die sich bereits bei "The Warmest Place" manifestiert, in dem ein androides Wesen davon träumt, wie ein Mensch zu sein. Auch "Player Won" verfrachtet den Zuhörer in eine sterile Videospielewelt, von einer grobkörnige Stimme geleitet und mit eisigen Schüttelfrost-Sequenzen unterlegt.

Bei aller vermeintlichen Distanz, singt und musiziert Mastermind Paul Furio tatsächlich über sein Leben. Die letzten zwei Jahre seien für ihn unruhig gewesen, sowohl persönlich als auch politisch, erklärt er in der Presseinfo. In der Musik, so Furio, habe er das perfekte Ausdrucksmittel gefunden. Dementsprechend sind Nummern wie "Seduction On The Dancefloor" oder "New Revision" stets als Parabeln auf menschliche Verhaltensweisen zu verstehen.

Selbst ein Instrumental mit dem unbeschwert sommerlichen Titel "Ice Cream, Biscuits and Waffles" mutiert unter den verzerrt-verhallten Sägezahn-Sequenzen zu einer eingefrorenen Nummer, das sämtliche Urlaubs-Gedanken, die der Titel evoziert, bereits im Keim erstickt und eine bläulich schimmernde Eisschicht ausbreitet - schön und todbringend zugleich.

Watch Clark sind im besten Sinne eine Synthie-Pop-Band, die sich auch nicht zu schade ist, in Gefilden von Depeche Mode, OMD oder The Human League in deren Frühphasen zu wildern, um das Beste für sich zu nehmen. Bei allem Analog-Fetischismus bleibt "First Week Of Winter" jedoch ein Album der Zeit, das auch mit den ausdrucksstarken Nummern von beispielsweise Neuroticfish oder File Not Found locker mithalten kann. Kurzum: Das zweite Werk dieses Projektes ist frostig gut.

Wie man übrigens die Themen Kälte, Eis und Schnee ansprechend gesamptkonzeptuell verarbeiten kann, beweist seit einigen Jahren die Gruppe Eisfabrik. Ähnlich wie Patenbrigade: Wolff, die zu Beginn ihrer Karriere mit ihrem "Ambient-Electro für Turmdrehkranführer" ein spannendes, weil unübliches Sujet für ihre Musik ausgesucht haben (und dies mit phantasievollen Bühnen-Shows perfekt live interpretieren), begeben sich die drei Mitglieder Dr. Schnee, Der Frost und Celsius aufs sprichwörtliche Glatteis.

"When Winter Comes", "Eisplanet" und "Achtzehnhundertunderfroren": Die Eisfabrik ist alles andere als produktionsmüde. Drei Alben innerhalb von zwei Jahren, allesamt höchst erfolgreich - eine beeindruckende Bilanz. Das liegt natürlich an der ausgeklügelten Informationspolitik der drei Musiker, die sich wie Polarforscher mit dicker Jacke, Bart und Sonnenbrille bei ihren öffentlichen Auftritten bis zur Unkenntlichkeit vermummt haben, gleichzeitig aber beteuerten, dass sie einige Jahre lang bereits mit großem Erfolg in anderen Projekten mitgewirkt haben.

Mittlerweile sind einige Geheimnisse gelüftet und die Eisfabrik eine fest etablierte Größe in der Future-Pop-Szene. Zwar ist der Gesamtkunstwerkaspekt sicherlich ein wichtiger Punkt, wenn es darum geht, erfolgreich zu sein. Doch haben wir es hier immer noch mit einer Band zu tun, deren Kernkompetenz, wie man heutzutage so schön sagt, eben die Musik ist. Mit ihr steht und fällt alles. In diesem Punkt begibt sich das arktische Trio aber nicht aufs dünne Eis, um beim Bild zu bleiben.

Auf "Null Kelvin" verfeinern sie einmal mehr ihre glasklaren Sequenzen, die so glatt poliert sind wie ein fein geschliffener Eisblock, der in der Sonne irisierend leuchtet. Dabei erfindet die Eisfabrik das musikalische Rad nicht neu, weiß jedoch genau, welche Zutaten perfekt zusammenpassen, um ein ansprechendes Ganzes zu ergeben. So steckt bereits in "Shadows" und "Soon Enough" so viel Hitpotenzial wie es andere Bands aus dem gleichen stilistischen Lager nicht mal im Ansatz auf Albumlänge zu generieren vermögen.

Eisfabriks großer Trumpf sind nachwievor die einnehmenden Refrains, die in ihren mollschwangeren Akkordfolgen Ähnlichkeit mit denen von Funker Vogt zu ihren Glanzzeiten besitzen. Diese trösten auch über den Totalausfall "Schneemann" hinweg, der eine unfreiwillige textliche Komik besitzt. Dass es aber gerade diese Nummer zu Top-Positionen in den alternativen Charts bringt, offenbart entweder eine gehörige Portion Humor seitens der Hörerschaft oder deren Hang zum schlagerhaften Abtanzen.

Wie dem auch sei: Das bärtige Trio bewegt sich in eng gezogenen stilistischen Grenzen, aber die perfekte Produktion verhindert gekonnt Langeweile. Und mit "Follow The Light" ist auch eine balladeske Nummer enthalten, die der offenkundig für das tanzende Volk konzipierten Platte einen Moment der Ruhe gönnt. Das hymnische "Sein letztes Lied" bildet einen gelungenen Ausklang aus der bitterkalten Welt von Eisfabrik.

Kein Winter kann noch so streng sein, als dass "First Week Of Winter" von Watch Clark und "Null Kelvin" von Eisfabrik, trotz ihrer polarkalten Nummern, nicht auch das Herz wärmt und den inneren Drang nach Bewegung befriedigt. Von daher: Geht in die Knie, klatscht in die Hände und tanzt den Väterchen Frost.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 07.12.17 | KONTAKT | WEITER: IM GESPRÄCH MIT FLORIAN SCHÄFER (NOYCE™)>

Webseite:
watchclark.bandcamp.com
www.eismusik.de

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COVER © WATCH CLARK, NOCUT/SPV (EISFABRIK)

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