3/26: OSKAR ICH, TERESA RIEMANN, IAN LEDING, RL HUBER, VIKOWSKI - UM DIE ECKE GEHÖRT
Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2026
Die Eröffnung des zweiten Albums des deutschsprachigen - sagen wir mal: Indie-Rocker (obwohl das nur schwach zutrifft) - Oskar Ich alias Frank Balzer mutet wie die Untermalung eines heißen Sommertages. Denn "Zikadenhain" bietet klanglich genau das: sanftes Zirpen, aus dem sich eine Synthieorgelei erhebt. Schließlich betreibt der Musiker unter teils psychedelischen, teils handfesten Klängen, die sich im Spannungsfeld zwischen Elektronik und Akustik befinden, einen anspruchsvollen Eskapismus. "Toska" ist dabei weder der Verweis auf Puccinis Oper, noch das ömmerliche Parfüm gemeint, sondern eine Bezugnahme auf die russische Bedeutung des Wortes: "Verzweiflung". Diese kommt bei Oskar Ich aber nicht in theatralisch-fatalistischer Pose daher, sondern in einer Unaufgeregtheit, welche die Songinhalte konterkarieren. "Fluchtversuch" beispielsweise rechnet mit dem aufkommenden Antisemitismus ab - jedoch nicht mit erhobenem Zeigefinger: "Das hier ist kein Protestlied, vielmehr ist es ein Pamphlet", singt Oskar Ich mit hauchiger Stimme - und doch wispert jede Note "auf die Barrikaden". Aber auch deutlich kantigere Klänge, die sich vermehrt auf der zweiten Hälfte von "Toska" finden, stehen dem Musiker gut zu Gesicht. "Wo die Sonne scheint" zieht bereits energetisch an - besonders bei den explodierenden Flanger-Gitarren im Mittelteil des Stücks, und "Das war's" besitzt die Rotzigkeit eines Tommi Stumpff: "Alles was ich will, ist endlich ein bisschen Ruhe haben" - das fühlt jeder, dem bereits die ersten Wochen des neuen Jahres beim täglichen Blick auf die Schlagzeilen deutlich zu viel sind. Alles auf diesem Album will fliehen, alles auf "Toska" ist Eskapismus. Und wenn am Ende noch einmal der Zikadenhain erklingt, wünscht man sich nichts sehnlicher, als an diesem Ort zu sein. Mit dem Zweitling, der übrigens nur in einer Mini-Auflage von 25 CD-Rs erscheint (aber digital natürlich unbegrenzt erhältlich ist), gelingt Oskar Ich ein überraschend konzises Werk über die aktuelle bundesdeutsche Befindlichkeit.
Dem Schlagzeug als rhythmusgebende Einheit wird selten Beachtung geschenkt. Dabei ist es doch jenes Instrument, das Songs strukturiert und akzentuiert. Doch was, wenn man den Trommeln eine ganz neue Bedeutung beimisst? Sie zum hyperaktiven Hauptakteur der Kompositionen macht? Genau das versucht Teresa Riemann mit ihrer Kunst, die zugegebenermaßen erst einmal Resilienz von der Hörerschaft erwartet. Schließlich verabschiedet sich auf dem Album "Head Shot Shy" das Schlagzeug von den popkulturellen Konventionen: keine durchgängigen Rhythmusfiguren, keine redundante Schlagfolgen, dafür scheinbar willkürliches Nutzen von Bass-Drums, Snares, Toms, Hi-Hats und Becken. Doch in diesem vermeintlichen Chaos findet sich eine eigene Ordnung. Diese wird erstmals deutlich bei "Seelen an die Wände schmieren", bei dem sich verzagte Pianolinien andeuten und den eigenen Rhythmus dieser Nummer offenlegt. Natürlich versteht sich Teresa Riemann auch in der Kunst hypnotischer Fellbearbeitung. Das lässt einen Song wie "Was wortlos macht ist das Reden" - auch dank übersteuerter Gitarren - an die tonale Radikalität von Swans erinnern. Ebenfalls zeigt das achtminütige "Mad" im finalen Part, mit welcher Präzision die experimentelle Drummerin auch agieren kann (manche Rock-Combo wäre überglücklich, hätten sie einen Schlagzeuger von Riemanns Format). Durch den perkussiven Orkan bricht die melancholische Stimme Riemanns, die überwiegend in Spoken-Word-Poetry-Manier ihre Texte vorträgt. Auf der Bandcamp-Seite wird ihr Organ mit dem eines Ian Curtis von Joy Division verglichen. Das ist gar nicht so weit hergeholt, auch wenn beide Kunstschaffende naturgegeben auf anderen Tonhöhen operier(t)en. Die verzweifelte Grundstimmung sind bei beiden auszumachen. "Head Shot Shy" ist anspruchsvoll emotional.
Bei der nächsten Veröffentlichung schwingt persönliches Interesse des Autors dieser Zeilen mit. Denn dass Ian Leding seinen aktuellen Output "Borkum" betitelt hat und damit des Schreibers Heimat erwähnt, lässt zweimal aufhorchen. Doch wird nicht die Insel besungen, sondern das Schicksal des Journalisten und Schriftsteller Friedrich Reuter. 1895 in Lemgo zur Welt gekommen, erlebte er die Gräueltaten des ersten Weltkriegs hautnah mit. Diese verarbeitete er in niederschmetternden Gedichten, die Ian Leding passend mit einem aufgeräumten Dark-Folk-Sound untermalt. Dabei durchdringt Ians voluminöse Stimme die Vergangenheit und transferiert die rund 100 Jahre alten Gedichte in die Jetztzeit. So klingt "Wrack" dank großzügigem Halleffekt wie der Ruf eines Geistes aus jener Zeit, und "Gevatter Tod" sowie "Mutter, ich hab' Deinen Jungen gesehen" lässt erahnen, welch' grausame Bilder der damals 20-jährige Reuter verarbeiten musste. Aber warum nun "Borkum" als Titel? Reuter wollte dort seinen Urlaub verbringen, nahm sich aber tatsächlich am 6. September 1927 auf dieser Insel das Leben. Das Ende eines Mannes, der eng befreundet war mit dem heutzutage kritisch betrachteten Schriftsteller Otto Franzmeier (1885-1980), deren reger Briefwechsel aber auch Reuters Erbe definiert, sind bei den Korrespondenzen auch verschiedene Rohfassungen seiner Gedichte darin enthalten. Das aber nur am Rande, schließlich geht es um die Erschließung der Poeme durch Leding, der dieses Projekt eine "Herzensangelegenheit" nennt. Das ist anhand der besonderen Thematik und der akribischen Umsetzung des gesprochenen Wortes in spannende Klangkorsette sicherlich nicht nur ein Lippenbekenntnis gewesen. Wer auf Rome (dessen kreative Kopf ebenfalls Reuter mit Nachnamen heißt) und Konsorten steht, sollte diesem feinen Projekt ruhig mal ein Ohr schenken.
Es ist schon erstaunlich, mit wieviel großartiger Musik das Internet ausgestattet ist. Allerdings gibt sie sich in den Weiten des www nicht immer zu erkennen. Da kann es dann auch passieren, dass man die enigmatisch-entspannenden Klänge von RL Huber (trotz des deutschen Allerweltsnamen ein Mann aus den Vereinigten Staaten) überhaupt nicht wahrnimmt. Das wäre natürlich eine Schande. Bereits vor rund zwei Jahren haben wir auf das damalige Album "Memories Of Falling" aufmerksam gemacht. Zwischenzeitlich hat der Experimentalklangmeister weitere Veröffentlichungen in kurzer Zeit auf den Markt gebracht. Mit "Themisto" macht er einfach da weiter, wo er aufgehört hat und was er am besten kann: schwebende Ambient-Tracks mit wenig Schlagwerkbeimengung, dafür großflächig-überlagernden Klangteppichen, die das Kopfkino schnell in Wallung bringen kann, zu ersinnen. Eher unüblich kurz sind Hubers Stücke - sie bewegen sich in radiofreundlichen drei bis vier Minuten. Das ist angesichts der sich eher gemächlich aufbauenden Kompositionen dieses Genres unüblich. Dennoch schafft er es, in dieser kurzen Zeit, konkrete Bilder erscheinen zu lassen. Ein Song wie "In The Red Cocoon" wirkt wie die Untermalung einer Wanderung in eine Tropfsteinhöhle, bei der das Tageslicht nur noch schwach die Umrisse der Stalaktiten und Stalagmiten preisgeben. Dagegen könnte der Titeltrack (der einzige mit rhythmischem Pochen) durch seine langgezogenen Streicher und den brodelnden Untertönen der Soundtrack für eine Ufo-Lande-Sequenz eines düsteren Sci-Fi-Thrillers sein. Dass sich solche Bilder vor dem geistigen Auge manifestieren können, liegt an Hubers untrüglichem Gespür für das richtige Arrangement. "Themisto" baut den eigenwilligen Kosmos dieses Experimentalmusikers weiter aus. Bleibt zu hoffen, dass es sich mit seinem Fankreis ähnlich verhält.
Zu guter Letzt blicken wir noch einmal gen Italien. Denn dort sprießen Post-Punk- und Coldwave-Bands wie Pilze aus dem Boden. Das Besondere daran: Fast jede Gruppe besitzt riesiges Potenzial. Vikowski bildet da keine Ausnahme. Dabei ist das Projekt schon seit mehr als zehn Jahren unterwegs. Angefangen als One-Man-Show von Vincenzo Coppeta und wesentlich synthielastiger, verortet sich die Band mittlerweile im Post-Punk klassischer Prägung. Man muss nicht besonders spitzfindig sein, um zu erkennen, dass Vikowski Vorbilder wie Joy Division haben. Schon der Opener des aktuellen Albums "Consistency" ist der sprichwörtliche Wink mit dem Zaunpfahl: "Warsaw" betitelt, denkt man natürlich gleich an Ian Curtis und seine Mannen. Doch der Song ist kein Cover, sondern ein minimalistischer Schrei der Hoffnungslosigkeit in einer Welt, in der das Individuum seine Freiheit immer mehr einbüßt. Gleichzeitig bildet dieses Stück die Matritze für den melancholischen Grundton, der "Consistency" ausfüllt. Dabei arbeiten Vikowsky gerne mit eiernden Tönen (sehr gelungen: "Dedication"), die eine geradezu pathologische Atmosphäre kreieren. Die mikrotonalen Elemente lassen einen schwindlig zurück, vor allem, wenn wie bei "Transparency" dieses Stilmittel über einen längeren Zeitraum genutzt wird. Der Kopf will die Töne "geradebiegen", scheitert aber daran, was einen Vertigo auslösen kann. In diesen Momenten besitzt das Trio die vielleicht höchste Eigenständigkeit. Doch auch die klanglich "gemäßigteren" Songs bleiben dank der schmachtenden Stimme Coppetas immer reizvoll und greifbar. Man verzeihe das Wortspiel, aber es bot sich einfach an: "Consistency" besitzt die richtige "Konsistenz", um auch noch in den nächsten Jahren gehört zu werden. Hoffentlich mit wachsender Anhängerschar.Kurze Info in eigener Sache
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Covers © Froh & Munter Records (Oskar Ich), Fort Evil Fruit (Teresa Riemann), Hall und Echo (Ian Leding), Icy Cold Records (Vikowski)
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© || UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR | IM NETZ SEIT 02/04/2014