2/16 NATURE AND ORGANISATION, DESTROY ALL MONSTERS, LYDIA LUNCH RETROVIRUS, KARL BARTOS: NEU AUFGELEGT,GUT AUFGELEGT - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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2/16 NATURE AND ORGANISATION, DESTROY ALL MONSTERS, LYDIA LUNCH RETROVIRUS, KARL BARTOS: NEU AUFGELEGT,GUT AUFGELEGT

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Nicht immer machen Wiederveröffentlichungen Sinn. Besonders dann nicht, wenn vorhandenes Material im Wahn von irgendwelchen Studiotechnikern mit ausgeprägtem Kompressionsfetisch geradezu sträflich misshandelt wird, um es effekthascherisch und überteuert als "digital remastered" an den Mann zu bringen – natürlich inklusive Kaufreiz steigerndes Bonus-Material. Jenes besteht meistens aus unfertigen Stücken, belanglosen Remixen oder zweifelhaften Demo-Versionen, die schlicht keinen Sinn machen und null komma null zum besseren Verständnis des Werkes respektive Künstlers beitragen.

Ganz anders verhält sich die Sachlage, wenn Gruppen ihr schmales Oeuvre in kleiner Stückzahl im Eigenvertrieb oder via Independent-Labels herausgebracht haben. Diese vergriffenen Exemplare erreichen dann auf Internetplattformen unmögliche Sammlerpreise, die natürlich in keinem Verhältnis stehen. Das gilt beispielsweise für das Neo-Folk-Projekt Nature And Organisation der Szene-Koryphäe Michael Cashmore, welcher auch das ätherische Klangbild von Current 93 entscheidend mitprägte. Seine beiden Alben "Beauty Reaps The Blood Of Solitude" (1994) und "Death In A Snow Leopard Winter" (1998) werden zwischen 40 und 140 Euro feilgeboten. Ein Unding, das nun durch die Neuauflage "Snow Leopard Messiah" nicht mehr fortbestehen sollte. Dass es aber Menschen gibt, die solch horrende Summen für diese Werke ausgeben, ist teilweise nachvollziehbar: "Beauty Reaps..." versteht sich als prototypisches Genre-Album, das eine feine Balance zwischen post-industriellem Lärm ("Introduction", "Beauty Destroyed") und melancholischem Saitenspiel ("My Black Diary", "Wicker Man Song") hält. Diese beiden eigentlich unvereinbaren Gegensätze werden sogar im abschließenden elf-Minuten-Epos "Bonewhiteglory" zusammengebracht. Wesentlich konventioneller mutet da schon das, von Cashmore selbst als "unfertig" beschriebene, zweite Album "Death In A Snow Leopard Winter" an: Hier legt der Musiker die Gitarre ab und setzt sich an den Flügel, dem er sanft-traurige Töne entlockt, während ein Streichquartett ihn punktuell begleitet. Die an Chopins romantisches Werk erinnernden Piano-Stücke bilden das kontemplative Pendant zum ersten Werk und lassen den Hörer auch etwas wehmütig zurück. Denn wie viele ergreifende Lieder hätte es von Nature And Organisation geben können, würde das Projekt noch heute existieren. Das vermag leider keiner zu sagen.


Ob Destroy All Monsters aus Amerika auch mehr Beachtung geschenkt wäre, wenn sie nicht so dermaßen gegen die Musik-Industrie gekämpft hätten? Sie bezeichneten sich selbst als "Anti-Rock-Band" und brachten während ihres rund zehnjährigen Bestehens keine einzige Platte auf die Beine. Trotzdem waren sie in aller Independent-Munde, allen voran durch ihre blutrünstigen Splatter-Auftritte, die oft nach nur wenigen Nummern abgebrochen werden mussten. Die umfassende Doppel-CD gibt einen perfekten Einblick in das Schaffen der Band, die das fehlende Bindeglied zwischen den drogeninduzierten Psychedelic-Rock-Eskapaden der Velvet Underground und dem energiegeladenen Auftreten der Punks darstellt. Das Künstlerkollektiv um Sängerin/Malerin Niagara und Performance-Aktivist Mike Kelley orientierten sich anfangs noch stark an den surrealen Klangkosmos eines Lou Reed, ließen aber schon damals den Geist von "No Future" durch ihre Stücke wehen. "I Love You But You're Dead" nimmt sogar einige Gothic-Manierismen vorweg. Nicht zuletzt durch Niagaras ausdrucksstarke Stimme, die auch von einem starken femininen Selbstbewusstsein kündet, können Parallelen zu Siouxsie & The Banshees oder Kas Product gezogen werden. Der Weggang von Kelley und Jim Shaw markierte dann ein neues Kapitel von Destroy All Monsters. Ron Asheton, zuvor bei den Stooges, übernahm nun die Gitarrenparts, zudem stieß Bassist Michael Davis von den MC5 und mit Ben Miller sogar ein Saxofonist dazu. Das Ergebnis: "Bored", ihre erste Single, die mit ihrem knackigen New-Wave-Sound perfekt in das Erscheinungsjahr 1978 passte, aber einfach in der Menge von vielen neuen und spannenden Gruppen unterging. Zudem kriselte es auch innerhalb der Gruppe, nachdem Niagara ihre Beziehung zu DAM-Mitbegründer Cary Loren beendete und mit Asheton zusammenkam. Außer einer Live-EP passierte bis zu ihrem offiziellen Ende 1985 nicht mehr viel. Was bleibt, ist der künstlerische Anspruch, den die Band vorgab und damit, direkt oder indirekt, viele andere Musiker beeinflusste.


Auch Lydia Anne Koch könnte einer der wenigen Destroy-All-Monsters-Fans gewesen sein. Zumindest führte sie als Lydia Lunch die Idee eines kulturell bewanderten und universell einsetzbaren weiblichen Enfant Terrible weiter. Sie schreibt Gedichte, singt, steht vor der Kamera – und ist auch mit Mitte 50 immer noch aktiver und subversiver, als es manch hipper Szenekenner gern sein möchte. Selbst Nina Hagen wirkt wie eine brave Klosterschülerin im Vergleich zu dieser Naturgewalt von Stimme. Auf "Urge To Kill" veröffentlicht sie als Lydia Lunch Retrovirus Songs ihrer Solo-Alben, die sie neu eingespielt und -gesungen hat. Mehr ein Best-Of also, denn eine Wiederveröffentlichung. Aber gleichzeitig auch eine beeindruckende Energieleistung der Sängerin und ihren Musikern, die nach wie vor das klangliche Pendant zum einheitsbreiigen Plastikquatsch aus den Charts bilden. Die Stücke erhalten keine Frischzellenkur, sie werden einfach noch einmal mit der gleichen Wut wie einst rausgehauen. Aber genau das ist es, was es in diesen Tagen so dringend braucht: eine Rückkehr zur Anarchie und zu rockigen Archetypen, wie Lunch zweifellos einer ist. Ob das schwermütige "Lock The Door" oder das hypnotischen "Frankie Teardrop", eine liebevolle Verbeugung vor dem Klassiker von Suicide: Die Grande Dame der New Yorker No-Wave-Gemeinde hat nichts von ihrem Biss verloren, fällt aber auch nicht in eine larmoyante Früher-war-alles-besser-Attitüde. Wenn einem die aktuelle Situation nicht gefällt, muss man eben selbst etwas dagegen tun. "Urge To Kill" ist die Klang gewordene Stirn, die Lunch den Angepassten und Langweilern bietet und darüber hinaus unverkrampft beweist, dass sie eines immer noch perfekt beherrscht: das stilvolle Schockieren.


Stilvoll beschreibt ebenso treffend das Wirken von Karl Bartos, dem charmanten Ex-Kraftwerker. Sein Einfluss auf das musikalische Erscheinungsbild der Kult-Formation wurde andernorts schon zur Genüge eruiert. Konzentrieren wir uns daher auf sein Re-Issue: "Communication". Wer dieses Album aus dem Jahr 2003 bereits sein Eigen nennen darf, kann sich sogar über eine kapitale Wertanlage freuen. Bis zu stolzen 500 Euro wird dafür im Netz bisweilen verlangt. Eine Neuauflage ist daher auch hier zwingend notwendig, um diesem Wucher entgegenzugehen. Davon aber ganz abgesehen, nahm "Communication" die nahe Zukunft vorweg, angefangen beim Cover in bestechender App-Ästhetik. Und die Warhol-Quintessenz "15 Minutes Of Fame", damals auch als Single veröffentlicht, besitzt heutzutage absolute Gültigkeit, wie auch das nüchtern besungene "Cyberspace". Es geht um den "Electronic Apeman", jenem technikergebenen Homo futura, dessen gesamtes Leben sich nur noch auf den, wenige Zoll großen, Farbdisplays ihrer Smartphones beschränkt. "Communication" spielt sich eben nur noch medial ab. Bartos visionäre Ideen verpackte er seinerzeit in einen klar definierten und stark rhythmusbasierten Elektro-Pop, der natürlich reichhaltige Klang-Zitate aus seiner Kraftwerk-Ära enthält. Nicht zuletzt die häufig eingesetzten Vocoder-Stimmen liebäugeln mit der ruhmreichen Vergangenheit des Tontüftlers. Trotzdem, oder gerade deswegen, klingt "Communication" extrem aktuell. Das Album gibt vor, "retro" zu sein (eine Bezeichnung, die anno 2003 allerdings noch gar nicht so stark im Sprachgebrauch verankert war), lässt in seinem ganzen Arrangement aber kein einziges Mal den Zweifel aufkommen, dass es sich um ein Kunstprodukt des 21. Jahrhunderts handelt - und um das vielleicht beste, was Karl Bartos nach seiner Zeit bei Kraftwerk veröffentlicht hat.

||TEXT:   DANIEL DRESSLER  | DATUM: 21.03.16 |  KONTAKT | WEITER:  INTERVIEW MIT ASP >


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Webseiten:
www.myspace.com/michaelcashmore
www.lydia-lunch-official.com
www.karlbartos.com


Cover © Trisol/Soulfood (Nature And Organisation), Munster/Cargo Records (Destroy All Monsters), Rustblade (Lydia Lunch Retrovirus), Trocadero/Indigo (Karl Bartos)

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