WOLFGANG FLÜR "ELOQUENCE" VS. KARL BARTOS "OFF THE RECORD" VS. EWHO "DIE MENSCH-MASCHINE": IM SCHATTEN DER ROBOTER - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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WOLFGANG FLÜR "ELOQUENCE" VS. KARL BARTOS "OFF THE RECORD" VS. EWHO "DIE MENSCH-MASCHINE": IM SCHATTEN DER ROBOTER

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Synthie-Pop, Techno, ja selbst HipHop: Diese Genres würden ohne das jahrzehntelange Wirken der Düsseldorfer Musik-Arbeiter von Kraftwerk heutzutage wohl ganz anders klingen.

Jedenfalls behaupten das hartgesottene, unbeirrbare Jünger dieser teutonischen Formation - und betonen freudestrahlend die visionären Ideen von Florian Schneider und Ralf Hütter, den formvollendeten Prototypen akkurater Mensch-Maschinen.

Doch nicht zuletzt durch Rüdiger Eschs erhellende Interviewsammlung "Electri_City" wissen wir: wo viel (Neon-) Licht, da auch viel Schatten.


Vor allem Ralf Hütter scheint keine anderen Götter neben sich zu dulden: Der letzte noch verbliebene Klangfrickler der Ursprungsformation verklagte zuletzt sogar ein Start-Up-Unternehmen, das seine Mini-Brennstoffzelle auf den schönen Namen "Kraftwerk" getauft hatte. Die einstweilige Verfügung wurde in Deutschland allerdings
abgelehnt.

Ganz anders erging es da Wolfgang Flür, dessen Trennung von den Veteranen der elektronischen Popmusik - wir erinnern uns -
nicht gerade im Guten verlaufen war.

In seiner Autobiografie "Ich war ein Roboter" fand er deutliche Worte für das teilweise despotische Verhalten von Ralf und Florian; zu deutlich allerdings, weswegen die Ex-Kollegen auch hier eine einstweilige Verfügung über Flürs Memoiren erwirkten. Erst eine umgeschriebene, um einige Kapitel erweiterte zweite Fassung ging ohne Beanstandung über die Ladentheken der Republik.

Diese offene Missstimmung bei den eigentlich emotionslosen Maschinenbezwingern wirkte bei Flür, der mittlerweile Solopfade beschreitet, noch Jahre nach.


In seinem just erschienenen Werk "Eloquence", einem beredten Kompendium aus Stücken, die er seit 2000 angefertigt hat, wird deutlich: Der gebürtige Frankfurter musste erst einmal mit seiner geliebt-gehassten Vergangenheit abschließen.


"I Was A Robot" bringt in knapper Form und unter nach vorne ziehenden Hochglanz-Techno-Beats dieses Spannungsverhältnis auf den Punkt. "Robot - What Did They Do To You?" richtet er anklagend die Frage – zweifellos an die beiden Kraftwerk-Gründer, die in ihm nie mehr sahen als einen bezahlten Studio-Musiker ohne künstlerischen Einfluss.

Auch "Cover Girl" wildert - wenigstens thematisch - noch ungehemmt beim strahlend-unnahbaren "Modell", das Kraftwerk mit einer nie wieder erreichten Steril-Erotik besungen haben.

Gerade diese beiden Stücke besaß
en augenscheinlich einen kathartischen Effekt für Wolfgang Flür, denn mit jedem weiteren Song bewegt er sich weg von seinem selbsterschaffenen Erbe, hin zu einer neuen Ausdrucksform.

Poppig-süße Harmonien stehen in seinen Liedern oftmals im Vordergrund, verleugnen aber nicht die immense Technologie, die dahinter steckt.


So gerieren sich "On The Beam" und "Spark" mit ihren lieblichen Gesängen geradewegs so, als seien sie Chartbreaker, die per Zeitmaschine aus dem 22. Jahrhundert zu uns gebracht worden sind.

Nach dem Flür also mit Kraftwerk mehr oder weniger abgeschlossen hat, wirken seine Stücke tatsächlich befreit und neugierig.


Da darf auch schon mal wie bei "Axis Of Envy" die Elektronik etwas düsterer daherkommen, oder bei "Staying In The Shadow" (in Anlehnung an den Berliner Minimal-Techno-Sound) ungehemmt der lässigen Hauptstadt-Club-Kultur beitreten.

Der abgewetzte
Aluminiumkoffer auf dem Cover verdeutlicht es noch mal: Wolfgang Flür ist kein statischer Roboter-Dummy mehr, sondern ein lebendig musikalischer Reisender; seine Zielorte sind die Klänge von Morgen.

Ganz anders verhält es sich bei Karl Bartos, dem zweiten "Angestellten" des aristokratischen Hütter-Schneider-Klang-Imperiums.

Sein Verständnis von tonaler Ästhetik und Rhythmik sieht der im idyllischen Berchtesgaden geborene Soundtüftler immer noch als maßgeblich für die Alben "Mensch-Maschine" und "Computerwelt" an. Und wer will ihm widersprechen angesichts seines 2013 erschienenen "Off The Record"?

Hierbei handelt es sich um Songs, die er aus verschiedenen Ton-Fragmenten entworfen hat. Viele dieser Versatzstücke erdachte Bartos noch während seiner Zeit bei Kraftwerk.


Nicht umsonst prangt das Konterfei seiner Roboterpuppe aus alten Tagen auf dem Cover: Hier wird deutlich Bezug auf eine Zeit genommen, die er mitgeprägt hat und von der er auch geprägt wurde.


Klanglich ist "Off The Record" allerdings derart provokant techno-poppig, dass man dazu neigen könnte, sie als die Platte zu bezeichnen, welche Kraftwerk nicht mehr hinbekommen hat (was tatsächlich in einigen Gazetten zu lesen war).

Festzuhalten bleibt aber: Karl Bartos ist nicht Kraftwerk, und das Gleiche gilt auch
umgekehrt!

Aber der Mann weiß, wie er vorzugehen hat: Geschickt baut er mit "Instant Bayreuth" oder "Hausmusik" perfekte Triggerpunkte ein, um die neo-deutsche Akkuratesse der Elektronik-Gruppe beim Hörer hervorzurufen.

Und "Rhythmus" lässt erahnen, wer maßgeblichen Anteil am zeitlosen Beat von "Computerwelt" hat.

Bartos gelingt das Kunststück, einerseits ganz deutlich auf seine Wurzeln zu verweisen (noch deutlicher sogar als bei Kollege Wolfgang Flür), andererseits dieses angesammelte Wissen in die Neuzeit zu verfrachten.


Denn das geradezu melodiös-wuchtige "Atomium" hätte es in dieser Vehemenz bei Hütter und Co. sicherlich nicht gegeben.

Das ist eine der Freiheiten, die sich Bartos, der im November dieses Jahres sogar live zu sehen war, erlauben kann. Ebenso auch wie in "Nachtfahrt": Hier baut er einen abgespeckten NDW-Charakter in seine Nummer ein, was dem Stück eine eigenwillig interessante Note verleiht.

Wolfgang Flür und Karl Bartos besitzen als Mitgestalter des Kraftwerk-Mythos eine andere Sicht auf die Dinge. Man könnte hier durchaus von einer natürlichen Befangenheit sprechen, denn kulturell einflussreiche Werke, an denen man selbst mitgewirkt hat, will und kann man nicht einfach so zerstören.


Diese Aufgabe steht anderen Rezipienten zu, die sich von Kraftwerks Schaffen derart inspiriert und gar bemüßigt fühlen, deren Stücke neu zu interpretieren.


Die durchgestylten C-64-Fetischisten von Welle:Erdball können da genannt werden, aber auch ein gewisser Señor Coconut, der die statischen Stücke in beschwingt lateinamerikanische Standardtanz-Nummern transformiert.

Einen noch radikaleren Ansatz verfolgt das – welch ein Name! – Erste Wiener Heimorgelorchester; kurz: EWHO.

Ihre Neueinspielung des "Mensch-Maschine"-Albums wird von der Fangemeinde sicherlich nicht unisono lobend aufgenommen werden. Aber zumindest lässt sich darüber vortrefflich streiten.

Ein hochtechnologisches Album mit den billigsten Instrumenten für den Hausgebrauch umarrangieren, darf man das?


Im Falle vom EWHO kann dies mit einem vocoderverzerrten "ja" beantwortet werden. Jürgen Plank, Thomas Pfeffer sowie Florian und Daniel Wisser gelingt es, die Mensch-Maschine bis auf ihr Stahlskelett auszuziehen.

Unter all dem Surren und Fiepen, unter all den herrlich pluckernden Rhythmus-Presets offenbart sich nämlich die anheimelnde Wärme, die den Stücken innewohnt.

Selbst "Das Modell" klingt so, als würde ein Android im Energiesparmodus seine Gefühle entdecken und ein Mannequin herrlich unbeholfen ansingen. Und der biedermeierlich mehrstimmige Gesang macht aus "Neonlicht" ein Traditional, das dem "Meine liebe Fibel"-Buch entsprungen sein könnte.

Doch "Die Mensch Maschine" in der Low-Fi-Version des EWHO ist ganz sicher keine Comedy-Nummer, sondern eine tiefe Verbeugung vor dem Original.


Selbst das berühmte, in Bauhaus-Optik gehaltene Cover wurde hier detailgetreu übernommen.

Keine Frage: das Erste Wiener Heimorgelorchester besteht aus Kraftwerk-Liebhabern und -verehrern, die das einzig Richtige getan haben: Weg von einem anbiedernden, konturlosen Simultan-Techno-Pop, hin zu einem Casio-Bontempi-Kleinod, das wirklich seines Gleichen sucht.


Es ist vielleicht die wahrhaftigste Möglichkeit, das Erbe Kraftwerks neu zu präsentieren.

Denn wenn alle Geräte vom Netz genommen und auf Batterieverbrauch umgestellt werden, dann offenbart sich auch die kompositorische Finesse der Stücke. Ganz gleich, wie diskussionswürdig die Zusammenarbeit des Vierergespanns auch gewesen sein mag.


||TEXT: DANIEL DRESSLER  | DATUM: 05.12.15 |  KONTAKT |  WEITER: QUO VADIS, APOPTYGMA BERSERK? >

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Websites
www.musiksoldat.de
www.karlbartos.com
www.ewho.at



Cover © SFE/Cherry Red Records (Wolfgang Flür), Bureau B/Indigo (Karl Bartos), Monkey/Rough Trade (EWHO).


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