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DIE KUNST IN DER CORONA-KRISE: BLICK NACH VORN

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Sicherlich ächzt der allgemeine Kulturbetrieb unter den Pandemie-Bedingungen am meisten. Konzertveranstalter und Theaterhäuser bekamen im Zuge der Lockerungsmaßnahmen erst sehr spät das "go", um wieder Aufführungen und Gigs unter strikten Hygienregeln abzuhalten. Clubbetreiber und die so genannten Solo-Selbständigen, unter die praktisch jede(r) Kunstschaffende(r) fällt, der seine Brötchen damit verdient, leiden spürbar unter den Berufsverboten. Seit rund einem halben Jahr leben diese Menschen unter ganz neuen Bedingungen. UNTER.TON wollte von den Betroffenen wissen, wie sich das auf ihre Arbeit ausgewirkt hat. Eine Umfrage ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber ein interessantes Stimmungsbild einzelner Künstler, die sich freundlicherweise für unser Magazin zu Wort gemeldet haben.

Björn Mühlnickel (Musiker bei creating.paradise): "Sichtweisen ändern sich. Man muss das aktuelle Gefüge aushalten können. Für mich hat die Krise keine größere Auswirkung, da ich Musik nur als zeit- und kostenintensives Hobby führe. Daher hat die Situation keinen Impact auf mein künstlerisches Schaffen. Positiv überrascht hat mich das Gefühl, im 'wir' mit 90% der Gesellschaft auf ein Ziel hin zu agieren. Es ist aber sehr enttäuschend, dass Unternehmen mit Millionen-Gewinnen noch unterstützt werden, während Ich-AGs pleite gehen und nur mit Tricks über die Runden kommen. Leider fällt mit der Krise auch die wichtige Klimadebatte unter den Tisch. Irgendwann wird sich trotz all der schrecklichen Einzelschicksale eine gesellschaftliche Antwort darauf finden müssen, ob in anderen Bereichen gefährdete Menschenleben nicht genauso Beachtung finden sollten (Armut, Verkehr, MRSA, Umweltschutz, medizinisches Personal, Generationengerechtigkeit und so weiter) oder Corona nur gut gepusht wird. Ganz unverschwörerisch - Cui bono?"




Janosch Moldau (Musiker): "Der Zusammenhalt innerhalb der jeweiligen Branche ist meiner Meinung nach größer geworden. Ich meine das durchaus in Bezug auf sämtliche Branchen. Ein Konkurrenzdenken aber, wie in anderen Bereichen, hatte ich bei Musikern sowieso noch nie gespürt; und nun fühlt sich in dieser Hinsicht alles sogar noch ein Stück freier an. Ich finde es aber durchaus bemerkenswert, wie laut nun einige Veranstalter nach 'Rettung' brüllen. Leider ist es mir nicht gestattet, deren sittenwidrige Verträge, die sie mit jungen Bands machen, hier gänzlich abzulichten, beispielsweise von Bands, die ohne Gage spielen und ihre GEMA selbst bezahlen müssen, oder zusätzlich einen Mindestumsatz von 500 € an der Bar garantieren müssen. Dies trifft natürlich nicht pauschal auf alle Veranstalter zu! Ich habe als Musiker mit meinem eigenem Label die Corona-Wirtschafts-Soforthilfe erhalten und bin auch mit der Umsetzung/Abwicklung seitens der Regierung sehr zufrieden. Aber vor allem sind unsere Fans unglaublich unterstützend - vor Corona war dies bereits so und nun während der Pandemie umso mehr. Dafür kann ich als Songwriter und Künstler einfach nur zutiefst dankbar sein. Das ist für mich das schönste, was ich die letzten Monate erfahren durfte."

Thomas Thyssen (Labelmanager, DJ, Autor): Was definitiv auffällt, ist, dass die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben aufgrund von Homeoffice noch weiter verschwimmen. Wann beginnt der Job, wann hört er auf, gerade wenn man sich in den heimischen vier Wänden bewegt? Hier ist viel Selbstdisziplin gefragt – die ich nicht immer zu 100% besitze. Mir persönlich fehlen die Meetings mit den Kolleg*innen von Angesicht zu Angesicht schon sehr, die großen internationalen A&R-Runden in unserem Stammhaus in Warschau etc., aber wenn Corona eins gezeigt hat, dann das man nahezu alle Abläufe, inkl. Meeting-Strukturen, auf digitalem Wege quasi problemlos umsetzen kann. Hier sehe ich auch die größten Veränderungen für die 'Zeit danach', wann und was immer das auch genau sein wird. Die Hürde, sich in die Bahn oder in den Flieger zu setzen, um persönliche Treffen abzuhalten, wird viel höher liegen als zuvor, ganz abgesehen von einhergehenden positiven Nebeneffekten wie der Verringerung des eigenen ökologischen Fußabdrucks und natürlich auch eingesparten Kosten. Eins steht jedoch glasklar fest: Mir fehlen Konzerte ungemein, Festivalbesuche, das eigene Auflegen, unbeschwert Freunde und Partner treffen, ein Bier zusammentrinken etc."



Eckert "Ecki" Stieg (Radiomoderator, Journalist, Musiker): "Mich hat die Pandemie recht wenig beetroffen, da ich auch privat schon seit Jahren mehr oder weniger in einer freiwilligen 'Isolation' lebe und arbeite. Obwohl ich natürlich sehe, welche dramatischen Auswirkungen diese Pandemie auf viele meiner Kollegen gerade im kreativen Bereich hat, empfinde ich diese Zeit als absolut positiv: Noch mehr Entschleunigung, der Blick auf das Wesentliche wrd geschärft. In diesen Tagen eine Radiosendung mit einer eingeschworenen Community auch in den sozialen Medien zu haben, ist quasi ein Geschenk des Himmels. Gerade im März und April war dies überdeutlich spürbar. Die "Grenzwellen" waren ein Verbindungsglied für viele, die sich im realen Leben nicht mehr treffen konnten, ein Ersatz für Konzerte und Parties. Ich war mir dieser Rolle und Verantwortung gerade in diesen Wochen sehr bewusst. Und dafür wurde mir auch viel zurückgegeben. Teilweise monetär, aber auch einfach nur durch dankbare Worte. Die Zukunft ist für mich düster und positiv zugleich: Wenn wir diese Krise nicht meistern, können wir alle gleich einpacken. Angesichts des Klimawandels und anderer politischer Fehlentwicklungen, die uns bevorstehen, ist Corona nur ein milder Vorgeschmack. Aber auch eine Chance, Dinge jetzt zu ändern. Einige Denkprozesse sind bereits in Gang gebracht worden. Ich hoffe, dass dies kein Strohfeuer bleibt."

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 16.10.2020 | KONTAKT | WEITER: VARIOUS ARTISTS "THE LEGEND OF THE STARDUST BROTHERS">

FOTOS © CREATING.PARADISE, HENDRIK SCHINDLER (JANOSCH MOLDAU), SCHUBERT MUSIC (THOMAS THYSSEN), NIKOLAJ GEORGIEW (ECKERT "ECKI" STIEG)

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