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BLANK & JONES: ZEHN MAL ZWÖLF MACHT ACHTZIG TOTAL

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In seinen jungen Jahren saß der Schreiber dieser Zeilen jeden Freitagabend vor dem Radiogerät. Denn dann liefen im Bayerischen Rundfunk die "Schlager der Woche", eine mehrstündige Charts-Sendung, bei der man ohne mittelgroße Schweißausbrüche die angesagtesten Songs auf einer sogenannten Musikkassette oder Tape (das ahnungslose Jungvolk bitte von den Eltern aufklären lassen!) aufnehmen konnten. Denn die aktuellen Gassenhauer wurden vom ersten bis zum letzten Ton ohne nerviges Dazwischengesabbel ausgespielt. Und manchmal, wenn es die Zeit erlaubte, griff der Radio-DJ auch zur Extended Version eines Stückes. Und welch Freude es für den Autor war, die Songs aus ihren Drei-Minuten-Dreißig-Grenzen ausbrechen zu hören. Zu dieser Zeit – wir sind in den tiefen 1990ern – besaß die Kunstform jedoch bereits nicht mehr den Stellenwert wie noch zehn Jahre zuvor.

Heutzutage bleibt nur noch der nostalgische Blick zurück auf die zur Überlebensgröße aufgepumpten Nummern, die im schlimmsten Fall belanglose Doppelungen der Tonspuren beinhalteten, bestenfalls aber zu kleinen Pop-Opern und experimentierfreudig umarrangierten Überraschungseiern gerieten.



In der Blütezeit der Maxi-Kunst wuchsen wiederum Piet Blank und Jaspa Jones auf. Als Lieferanten gediegener Club- und Trance-Tunes machten sich die beiden als DJ-Doppel Blank & Jones Ende der 90er schnell einen Namen. Doch das enge Korsett der computerbasierten Tanzmusik schien ihnen bereits damals zu eng. Mit der "Milchbar"- oder "Relax"-Reihe ließen sie auch schon mal die pumpenden Vierviertelbeats links liegen und begaben sich in die musikalische Hängematte. Die bislang fünf "Chilltronica"-Ausgaben gehen sogar noch einen Schritt weiter: Hier wird ein sehr gewagter Mix aus verschiedenen Genres, von Ambient über Indie-Pop bis Shoegaze und soundtrackähnlichen Klassikklängen präsentiert. Stets im Herbst veröffentlicht, frönen diese Sampler der für die Jahreszeit typisch leichten Melancholie. Ihre musikalische Sozialisation ließ sie aber über die Jahre nie ganz los. Deswegen starteten Blank & Jones anno 2009 mit "So80s" ihr ambitioniertestes und gleichzeitig erfolgreichstes Projekt, das nun seine zehnte Ausgabe feiern darf. Der Grund für diese Samplerreihe war allerdings ein profaner: "Wir wollten unsere Lieblingsmaxis auf einer schicken CD in bester Qualität haben. Weil wir die nicht finden konnten, haben wir sie halt selber gemacht." Selbst ist eben der DJ und Musikproduzent.

Aber einfach nur mal kurz die Stücke zusammensuchen und sie, wie zig anderer seelenloser Zusammenstellungen, dem 80er-affinen Konsumenten vor die Nase setzen war ihre Sache nicht. Zunächst wurden die Stücke digital überarbeitet, um das bestmögliche Klangbild zu erhalten; zudem fügte das DJ-Duo bis zur achten Folge eine Nonstop-Mix-CD bei. Mittlerweile ist auch die dritte CD mit ausgespielten 12"-Versionen bestückt. Ein Zeichen dafür, dass die Menge der noch zu präsentierenden Stücke immens ist. "Gäbe es nicht diese ganzen komplizierten, mühsamen und langwierigen Lizensierungsprozesse, würden wir sicherlich drei bis vier 'So8os'-Alben pro Jahr veröffentlichen", verraten die beiden. Etwaige Besorgnisse, dass nach der zehnten Ausgabe Schluss sein könnte, wären damit gleich aus der Welt geschafft.


Warum auch zweifeln? Das Konzept funktioniert wunderbar. "So80s Vol. 10" wartet einmal mehr mit einigen Überraschungen auf - in zweierlei Hinsicht. Zum einen finden sich mit "Blue Monday" von New Order oder "Tainted Love/Where Did Our Love Go?" von Soft Cell zwei Stücke, die man eher bei den frühen "So80s"-Folgen vermutet, als die Hitdichte doch eine wesentlich höhere war. Zum anderen gibt es wieder jede Menge vergessene Stücke wie beispielsweise "Secrets" der britischen New Waver Fiat Lux, dazu digitalisierte Erstveröffentlichungen wie Shakataks "City Rhythm" und The Cures "Boys Don't Cry (Resung & Club Mixed Feb '86 Extended 12" Dance Version)".

Sie sind das Ergebnis ihrer akribischen Arbeit, die mittlerweile weltweit Anerkennung findet. "Wir sind im Laufe der Jahre gut mit den verschiedenen Archiven vernetzt. Die wissen mittlerweile auch, dass wir seriös arbeiten und unterstützen uns, wo sie können." So kam es auch in den vergangenen Jahren zu besonderen Kollaborationen wie beispielsweise mit dem ZTT-Label, das den beiden Maxi-Trüffelschweinen sämtliche Original-Tonspuren zur Verfügung stellten, um eigene Extended-Versionen ihrer Lieblingssongs von Frankie Goes To Hollywood, Propaganda oder Art Of Noise zusammenzubauen.


Und auch für die aktuelle Veröffentlichung sprangen Bands über ihren Schatten und genehmigten Beiträge. Wie beispielsweise den Shep Pettibone Mastermix von "Love Comes Quickly" des Pop-Gesamtkunstwerks Pet Shop Boys. "Da hieß es jahrelang, sie geben nichts frei für 80er-Compilations. Dass nun unser Lieblingssong mit dabei ist, macht uns stolz!" Wie eine Trophäe vor sich herhaltend, eröffnet dieser Song denn auch den zehnten Reigen der Zwölf-Zoller-Sammlung.

Doch auf jede erfolgreiche Suche folgt oft eine ergebnislose. Denn nicht jedes Vorhaben gelingt so, wie es sich Blank & Jones erhoffen. "Wenn beispielsweise die original Plattenfirmen aus den 80ern nicht mehr existieren, oder sie keine Verträge mehr zu den Songs haben, verlaufen sich die Spuren im Sande. Wenn wir dann auch noch die Bandmitglieder oder Remixer der Versionen nicht mehr kontaktieren können, wird es richtig schwer." Dem Spaß an der Arbeit tut dies aber keinen Abbruch. "Eigentlich freuen wir uns bis heute über jede Tape-Box, die wir bekommen" – aktuell sei es der Jazz Mix von ABC
s "Poison Arrow", der sie erreicht hat. Vielleicht ein Kandidat für Ausgabe Nummer elf.

Die Magie dieses Jahrzehnts scheint indes ungebrochen, auch wenn sich das Hauptaugenmerk der Medien deutlich auf die 90er gerichtet hat. Stücke wie Chaka Khans "Ain't Nobody" oder Tracy Chapmans "Fast Car" erfahren durch die Neueinspielungen von Felix Jaehn respektive Jonas Blue eine neue Popularität bei einer Käuferschicht, die von den 80ern nur aus den Geschichtsbüchern und diversen Nostalgie-Sendungen gesehen und gehört haben dürfte. Blank & Jones haben für dieses Phänomen eine einfache Erklärung: "Es war ein buntes Jahrzehnt, in dem man noch auf der gleichen Party zu The Cure, Madonna, Red Hot Chilli Pepeprs und De La Soul tanzen konnte."

Das spiegelt sich auch in der Auswahl ihrer Songs auf der zehnten "So80s" wieder: Unterkühlt-avantgardistische Klangbauten mit Sprechgesang wie bei "Big Man Restless" von Kissing The Pink wechseln sich mit dem redundant-sakralen "This Corrosion" von Sisters Of Mercy (natürlich in der hypnotisierenden, zwölfminütigen XXL-Version) ab. Dazwischen findet sich souliges (Sades "Sweetest Taboo", Terence Trent D'Arbys "Wishing Well"), poppiges ("Your Heart Keeps Burning" von Blind Date), radiorockiges (Huey Lewis & The News' "I Want A New Drug") und elegant-verträumtes (Pete Bardens' "In Dreams"). "Diese Vielfalt ist ab den 90ern und den ganzen extremen Genres verloren gegangen", bemängeln die beiden. "Kein Gangsta-Rap-Fan würde zu Britney Spears tanzen." Nun gut: Ebenso wäre sicherlich kein Gothic anno '88 freudestrahlend zu Kylie Minogue auf die Tanzfläche geschwooft. Aber das verbuchen wir mal als die übliche Glorifizierung der Popgeschichte.

Festzuhalten bleibt jedoch, dass den Songs aus diesem Jahrzehnt eines nie abging: der Spaß an der Freude, ganz gleich, welche musikalischen Vorlieben oder Ideale dahinter steckten. "So80s" reanimiert dieses Gefühl ein ums andere Mal wieder – und vervollkommnet nach der zehnte Ausgabe dieses musikalisch so mosaikreiche Jahrzehnts wieder etwas mehr. Übrigens ohne leiernden Klang oder gar Bandsalat, den schlimmsten Krankheiten der Musikkassette, mit der auch der Autor seinerzeit zu kämpfen hatte. Es war eben nicht alles perfekt damals.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 01.07.16 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 6/16>


Webseite:
www.blankandjones.com


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COVER UND FOTO © SOUNDCOLOURS/SOULFOOD


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