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THEN COMES SILENCE: "DIE GESELLSCHAFT MUSS LERNEN, MEHR ÜBER DEN TOD ZU SPRECHEN!"

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Der Tod gehört zum Leben dazu – zugegeben: eine Binsenweisheit. Dennoch versuchen die Menschen heutzutage, den Exitus zu verdrängen - so gut, wie es eben geht. Für Alex Svenson, charismatischer Frontmann der psychedelischen Goth-Rock-Formation Then Comes Silence, vollkommen unverständlich: Der Mann lebt mit Kind und Kegel neben einem Friedhof und begleitete als Krankenpfleger Patienten auf ihrem letzten Weg. Mit UNTER.TON unterhält sich Alex offenherzig über den mittlerweile zum gesellschaftlichen Tabu-Thema stilisierten Tod – und natürlich auch über den dritten TCS-Longplayer, "Nyctophilian".

Hallo, Alex! Herzlichen Glückwunsch zu Eurem neuen Album - ein wahres Meisterwerk und schwarz schimmerndes Juwel. Scheint so, als hätte Dich die Dunkelheit fester im Griff als je zuvor...

Danke für die Komplimente, ich fühle mich geehrt! Jedes Then Comes Silence Album dreht sich um düstere Themen. Unser Debüt ist ziemlich apokalyptisch und handelt vom unausweichlichen Ende der Welt. In unserem darauffolgenden Werk "II", das ein Jahr später erschien, dachten wir die Geschichte weiter - und beschrieben die Notwendigkeit, diesen Ort zu verlassen, um nach neuem Lebensraum zu suchen. Mit "Nyctophilian" singen wir nun über das Böse, das an jeder Ecke lauert. In letzter Zeit scheint es stärker denn je zu sein! Je mehr man darüber liest, desto unsicherer werden die Menschen. Das Böse kommt näher – und die Angst wird leider zu einem effektiven Werkzeug...

Der Begriff der Nyktophilie beschreibt einen Menschen, der keine Angst vor der Dunkelheit oder der Nacht hat. Gehörst Du auch dazu?

Ich liebe die Dunkelheit - aber ich habe natürlich auch eine Scheißangst, wenn ich beispielsweise durch einen unbeleuchteten Korridor, nächtlichen Garten, oder finsteren Wald laufe! Die Dunkelheit ist vielschichtig und mystisch; es ist der Ort, an dem wir unsere Geheimnisse aufbewahren. Nacht und Dunkelheit bedingen sich bekanntermaßen; die Dunkelheit zu schätzen, oder die Nacht zu lieben, kann auch einen kathartischen Effekt haben.

Die beiden Begriffe verbindet man aber auch mit dem Tod, der ja auch als "ewige Dunkelheit, ewige Nacht" bezeichnet wird. Welche Beziehung hast Du zu diesem Thema?

Ich verdränge dieses Thema nicht. Überhaupt finde ich, dass die Gesellschaft lernen muss, mehr über den Tod zu sprechen. Der westliche Lifestyle macht einen großen Bogen um diese unbequeme Wahrheit und versucht, die Angst davor zu verdrängen. Ich lass mich davon nicht beeinflussen! Natürlich schmerzt es, jemanden zu verlieren, den man sehr geliebt hat - aber man sollte sich von Sentimentalität und Leid nicht völlig vereinnahmen lassen.

Wie oft bist Du schon in Deinem Leben mit dem Tod konfrontiert worden und wie hat sich das auf Dich ausgewirkt?

Wenn ich nicht gerade Musik mache, führe ich ein ganz gewöhnliches Leben mit meiner Frau und meinen Kindern. Ich bin auch nicht mehr oder weniger mit dem Tod in Berührung gekommen, wie jeder andere auch. Aber ich denke jeden Tag über den Tod nach. Wir wohnen neben einem Friedhof, was ich zu schätzen weiß. Mich interessiert dieses Thema einfach zu sehr! Als ich um die 20 Jahre alt war, arbeitete ich in der geriatrischen Abteilung in einem Krankenhaus. Meine Aufgabe war es, mich um die alten Menschen zu kümmern, die ihre letzte Reise angetreten sind. Es war natürlich immer traurig, wenn die Patienten von uns gegangen sind; aber es schien auch so, als ob es für sie eine Erlösung war. Als meine Großmutter das Zeitliche segnete, hielt ich in ihren letzten Momenten ihre Hand. Es war eine unglaublich starke emotionale Erfahrung für mich, sie "in die Ewigkeit zu entlassen". Sie bedeutete mir viel, und ihre warmherzige Liebe hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin.

Auf dem Albumcover sieht man das bekannte Ouija-Brett, das für das Ritual des "Glaserrückens" benutzt wird. Glaubst Du an die Möglichkeit, mit den Toten zu kommunizieren?

Ich will daran glauben! Wenn wir wollen, können wir es auch geschehen lassen: Es gibt eine spirituelle Welt! Die Frage ist nur, wie du sie beschreibst - und was du mit ihr anfängst. Ist es nur Fiktion oder tatsächlich eine Parallelwelt? Eine Welt voller Geister, die in viktorianischer Kleidung umher schweben - oder eine ursprüngliche Kraft, die in der Natur vorhanden ist? Die Entscheidung triffst Du selbst!

Nehmen wir an, man könnte zu den Toten sprechen: Mit wem würdest Du Dich gerne unterhalten?

Wow, wenn das ginge, würde ich mit vielen reden wollen. Sowohl verstorbene Verwandte, als auch Unbekannte. Aber ich bin nicht sicher, ob sie das wollen würden (lacht)! Aber im Ernst: Ludwig van Beethoven finde ich faszinierend. Ich habe zwar seine Biografie gelesen, würde aber gerne mehr über sein Privatleben und seine Philosophie erfahren. Er wurde oft als miesepetriges, hart arbeitendes Genie dargestellt. Als er sein Gehör immer mehr verlor, hat er es gut geheim gehalten. Schließlich hätte dieses Unglück seine Karriere zerstört, wenn es ans Tageslicht gekommen wäre! Aufgrund seines Hörverlustes reagierte er nicht mehr darauf, wenn ihn Menschen grüßten. Das hat vielleicht die Gerüchte um seinen stoffeligen Charakter entstehen lassen. Er führte daher ein einsames Leben als harscher Musiklehrer. In seine Gedanken würde ich gerne eintauchen - und verstehen, wie er es geschafft hat, weiter zu komponieren, obwohl er sein Gehör verloren hat.


Kommen wir zurück auf "Nyctophilian" und zu "Feed The Beast". Als ich diesen Song zum ersten Mal hörte, hat es mich an den "Alabama Song (Whisky Bar)" von den Doors erinnert, da diese hüpfende, angst-machende Orgelfigur in Eurem Stück auch zu hören ist. Ist Jim Morrisons Band eine Inspirationsquelle für Euch?

Es stimmt, was Du zum "Alabama Song" sagst. Das Lied ist eine Reflektion eines typischen Themas des Komponisten Kurt Weill aus seinem "Stück mit Musik". Seine Werke spiegelten auch den schlimmen Zeitgeist der späten 20er und frühen 30er Jahre wieder. Damit hat er seine Kritiker in höchstem Maße geärgert! Ein Großteil von "Nyctophilian" behandelt auch die Schlechtigkeit unserer Welt. Es gibt momentan zahlreiche, beängstigend extreme Bewegungen über den ganzen Erdball verteilt. Es ist offensichtlicher als je zuvor. Was die Doors anbelangt, zählen sie zu meinen persönlichen Top 5. Sie sind sicherlich die erste "Gothic" Band überhaupt; noch lange bevor es diesen Begriff in der Rockmusik überhaupt gab. Diese Kurt-Weill-Stimmung habe ich für "Feed The Beast" ausgeliehen. Es sollte so eine Art dekadentes "Cabaret" werden, im Vaudeville-Stil, und an ein drehendes Karussell erinnern. Das Lied hinterlässt einen Eindruck von Bösartigkeit, Ignoranz und Gleichgültigkeit. Als ich das Stück geschrieben habe, inspirierte mich aber eher der Sound von D.A.F., die ich bereits als Teenager verehrt habe. Diese Aufnahme entstand ohne MIDI; ich habe eine Sequenz auf einem alten Synthesizer gespielt und dann geloopt. Karl, unser Schlagzeuger, folgte dem Tempo. Ganz einfach und "old style"!

Auf der anderen Seite habt ihr sehr energetische Songs wie "Strangers" am Anfang und "All Strange" zum Schluss von "Nyctophilian". Bilden diese beiden Lieder einen Rahmen?

Zumindest sind sie zur gleichen Zeit entstanden. Sie besitzen grundsätzlich den gleichen Inhalt: Es geht um die Angst vor dem Unbekannten – wie ein böser Traum, oder eine Reise mit Menschen, vor denen Du Dich nicht sicher fühlst.

Im Vergleich zu den beiden Vorgängern, wirkt dieses Album aber konzeptuell deutlich klarer. War es Dein erklärtes Ziel, sozusagen ein "einfaches" Album mit geradlinigen Songs zu produzieren?

Die beiden Alben zuvor waren in der Tat etwas chaotischer und lärmender. Das war auch meine Absicht: Ich denke, dass der Soundmix aus schnell und langsam drehenden Bohrmaschinen und der verschwommene Klang übereinandergelegter Instrumente eine Empfindung der Unsicherheit und Angst beim Hörer hinauf beschwört. Diese Stücke haben eine deutlich kühlere Atmosphäre. So etwas gefällt mir, weil es das apokalyptische und gespenstische Gefühl verstärkt. Bei "Nyctophilian" wollte ich herausfinden, was sich hinter der düsteren Maske der Menschheit verbirgt. Dieses Mal geht es nicht so sehr um die schaurigen, übernatürlichen Dinge; das Verhalten der Menschen steht im Mittelpunkt - vor allem das böse und gewalttätige Verhalten. Deswegen hat sich auch unser Sound etwas geändert.

Es geht das Gerücht um, dass das dritte Album das schwierigste für den Musiker ist, weil sich hier entscheidet, ob die Band weiter die Kraft besitzt, interessante Musik zu machen oder nicht. Hattest Du auch dieses Gefühl, dieses Mal etwas zu produzieren, das von Dauer sein kann?

In diesem Ausspruch liegt tatsächlich sehr viel Wahrheit drin. Aber wir sind nicht Teil einer großen Maschinerie, die viel Geld in uns reinsteckt. Wir benutzen das selbe Equipment, das wir bereits für die Alben davor besaßen. Hauptsächlich beeinflussten uns unsere Live-Auftritte. Songs jedenfalls habe ich genug; ich könnte jederzeit mit den Aufnahmen für ein weiteres Album beginnen! Diese künstlerische Freiheit besitzen wir – und das ist auch gut so.

Hat sich die Produktion von "Nyctophilian" von den vorherigen Alben unterschieden?

Auf jeden Fall! Wir haben nicht mehr diesen "Wall Of Sound" generiert. Bei den Vorgängern habe ich die Gitarrenriffs mehr als zehn Mal aufgenommen und übereinandergelegt. Das Album ist einfacher in seiner Struktur; wir haben uns darauf fokussiert, weniger Spuren zu nutzen.

Damit erinnert ihr stark an solch großartige Post-Punk-Gruppen wie Killing Joke und Bauhaus. Unglücklicherweise ist diese Form der Rockmusik mittlerweile rar gesät. Wie beurteilt ihr die aktuelle Gothic-Szene? Ist sie wirklich noch "Gothic" oder eher zur dunklen Folklore verkommen?

Das weiß ich nicht. Um ehrlich zu sein, höre ich kaum neue Bands aus diesem Bereich. Aber ich werde mich bessern! Immerhin besitzt die Szene viele musikalische Stile, was mir sehr gefällt.

Ihr werdet in den kommenden Monaten natürlich auch live zu sehen sein. Besonders in Deutschland gebt Ihr viele Konzerte. Habt ihr bei uns mehr Fans als in Eurem Heimatland?

Scheint so! Als wir das letzte Mal in Deutschland aufgetreten sind, entstand eine gute Verbindung zum Publikum. Und es sind hauptsächlich Deutsche, die unsere Alben via Bandcamp gekauft haben. Anscheinend sind sie viel stärker mit der Gothic-Kultur verwachsen als die Schweden. Zu Hause erwartet uns immer die typische "DJ-never-ending-techno-party"-Hölle – zumindest verhält sich die Mehrheit so. Sie verbannen die Dunkelheit - und tanzen die Angst einfach weg.

||INTERVIEW: DANIEL DRESSLER  | DATUM: 07.03.15 |  KONTAKT |  WEITER: REVIEW THEN COMES SILENCE "NYCTOPHILIAN" >




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Website
thencomessilence.bandcamp.com


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