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TOBIAS KUHN: MILES AND MORE

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Er ist ein "Lieblingsproduzent". Das sagen bestimmt nicht nur die Musiker(innen), die mit ihm arbeiten. Er hat diesen Titel anno 2017 sogar ganz offiziell erhalten. Vom Verein zur "Förderung der Popkultur e.V.", die ihre Preise für Popkultur seit 2016 aushändigen und damit jene ehren, die nicht auffällig im Rampenlicht stehen, deren Arbeit aber maßgeblichen Einfluss auf den Erfolg einer Platte oder eines Kunstschaffenden hat.


Tobias Kuhn darf sich rühmen, bei solchen Millionensellern wie "Chöre" (Mark Forster), "Augen zu Musik an" (Bosse),"I Couldn't Care Less" (Leslio Clio) oder "Call You Home" (Kelvin Jones) mitgewirkt zu haben. Zudem hat er den Weimar- Tatort "Tanzen" musikalisch untermalt. Tobias Kuhn ist fürwahr ein vielbeschäftigter Mann.

Wer nun aber glaubt, dass er schon von Anfang an diese Lust am Pop frönt, liegt ziemlich falsch. Seine ersten musikalischen Gehversuche unternahm der Mann ganz klassisch in Form der Gründung einer Schülerband namens Miles From Home. Diese veröffentlichte mit "Mañana" ihr erstes Minialbum. Das war 1993. In Deutschland herrschte immer noch Glückseligkeit ob der Wiedervereinigung, musikalisch konnte man sich zwischen den Antipoden Grunge-Rock oder Euro Dance entscheiden. Brit-Pop war gerade erst im Kommen, die Band Suede veröffentlichte in diesem Jahr ihr selbstbetiteltes Album, das den Startschuss für die Cool-Britannia-Bewegung markieren sollte.

Fast schon logisch also, dass Miles' (das "From Home" fiel weg) Debütalbum "Baboon" anno 1994 nur Kritiker aufjubeln ließ. Was allerdings ein Jammer ist, denn hinter den deutlich von englischen und amerikanischen Gitarrensound beeinflussten Stücken konnte man bereits die Raffinesse von Tobias und seinen Mitstreitern erkennen. Die Songs besaßen eine erfrischende Art, wirkten teilweise anarchisch, gebaren sich aber auch extrem selbstbewusst. Da durften Songs wie "Nothing", "About" und "Too Soon" auch gerne mal acht Minuten lang sein. Erlaubt war, was Spaß machte. Und Spaß hatte Miles.

Das änderte sich auch nicht mit dem Wechsel zum renommierten V2-Label und der Veröffentlichung von "The Day I Vanished". Allerdings merkt man den Songs wie das ausgekoppelte "Austronaut Without A Cause", sowie den Stücken "Pretty Day" oder "Bubaker" eine Hinwendung zur leichteren Klangkost an - alles aber immer noch im Geiste des Britpop. Erst beim dritten Anlauf scheint Miles sich endlich gefunden zu haben (weswegen sie dieses Album dann auch wohl schlicht "Miles" betitelt haben). Mit einem erweiterten Instrumentarium und der Lust auf stilistische Grenzgänge wie dem selbst erklärenden "Disco Queen" wird dieses Album zu einem der besten Indie-Platten, die 2000 auf den Markt gekommen sind - Notiz haben aber nur die wenigsten davon genommen.

Kuhns helle und warme Stimme ist dabei das Alleinstellungsmerkmal von Miles, die aber auf ihrem letzten Werk "Don't Let The Cold In" (2003) auf der Suche nach einer neuen Ausdrucksform ist. Zwar zeigen sie auf "Teenage Dreams" und "Give It Up" noch mal ihre charmant-rockige Seite, bleiben aber etwas zu sehr in ihen selbst auferlegten Strukturen verhaftet. "King Of The Bees", "Silverspoon" und nicht zuletzt das verträumte Titellied waren jedoch deutliche Indikatoren dafür, dass Kuhn seine Sturm-und-Drang-Phase hinter sich lassen will.

In letzter Konsequenz hat der Sänger Miles den Rücken gekehrt und alleine unter dem Alias Monta einen neuen Weg eingeschlagen, der auf der EP "Always Altamont" sich noch gar nicht so richtig abzeichnet. In den fünf Songs spukt immer noch der alte Miles-Geist umher. "Is It Over" und "Lay Your Head On" wirken wie ein wehmütiger Blick zurück auf die ersten zehn Jahre seines Schaffens. Auf "Millions" kracht es sogar noch gewaltiger als jemals zuvor. Doch "Solitude", ein piano- und thereminbasiertes Walzerstück ist so etwas wie der Startpunkt einer neuen künstlerischen Reise.

Das melancholische Moment wird des Sängers neues Steckenpferd. Dabei dosiert er die Larmoyanz in seiner Stimme sehr gekonnt, so dass das erste Album "Where Circles Begin" eine neue Innerlichkeit offenbart. "Long Live The Quiet" lautet eines der Stücke darauf und ist quasi programmatisch für Monta. Wobei dieses Lied nicht mal das ruhigste ist. Da gehen "Farewell Dear Ghost" und vor allem "I'm Sorry" ganz tief in einen unüberhörbaren Weltschmerz, der aber nie zu aufgesetzt oder effekthascherisch klingt.

Tobias entspannt sich in der Traurigkeit und klingt auch auf dem nachfolgenden Album "The Brilliant Masses" (2007) wie ein gedankenverlorener Twen, der auf dem Dachboden aus dem Fenster schaut und seinen Gedanken nachgeht - ohne Ziel, ohne Ergebnis. "There's A Hole In Your Heart" oder auch "Everything" sind die konsequente Ausarbeitung des neuen Stils. Selbst temporeichere Nummern wie "Kiss Goodnight", wo Kuhn zu Miles-Zeiten noch in einen dringlicheren Tonfall gegangen wäre, bremsen sich durch den auf sich selbst zurückgeworfenen Gesang.


Zu diesem Zeitpunkt hat Tobias aber bereits ein neues Betätigungsfeld gefunden: Geburtshelfer namhafter Popalben. Thees Ullman und die Sportfreunde Stiller zogen ihn zu Rate, Udo Lindenberg war der nächste. Im Laufe der 00er- und 10er-Jahre hat er am neuen Deutsch-Pop-Verständnis tatkräftig mitgewirkt. Dass da für die eigene Musik kaum noch Zeit übrig bleibt, ist die logische Folge. Umso schöner, dass Kuhn jetzt wieder als Monta von sich hören lässt - und zwar in Form von "All These Goods Are Gone", bei dem der Mittvierziger erneut seine Liebe für transparent-traurigen Indie-Pop freien Lauf lässt.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Nummer mehr Gehör finden wird als seine früheren Versuche. Denn eigentlich sind Kuhn-Songs, das zeigt die opulente Wiederveröffentlichung aller Miles- und Monta-Alben und -EPs, von einer wunderbaren Zeitlosigkeit durchdrungen. Alles, was der Mann in fast 30 Jahren erdacht hat, besitzt kein Verfallsdatum. Eine große Kunst, die dem Musiker weit mehr als nur den Titel eines "Lieblingsproduzenten" einbringen müsste.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 20.11.20 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 12/20>

Webseite:
www.monta.org


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