10/19: HERMETRIK, BLINDZEILE, KEINE ÜBUNG, KOMPLIZEN DER SPIELREGELN, THE SLOW SHOW, SOUND OF CBD - ERFOLGREICH NEBEN DER SPUR - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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10/19: HERMETRIK, BLINDZEILE, KEINE ÜBUNG, KOMPLIZEN DER SPIELREGELN, THE SLOW SHOW, SOUND OF CBD - ERFOLGREICH NEBEN DER SPUR

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Im Idealfall lassen sich professionell Musizierende nicht von der langjährigen Pop-Historie verunsichern und verarbeiten einfach das, was die Muse ihnen mit ihrem zarten Kuss mitbringt. Auch wenn das einen Sitz zwischen den genrespezifischen Stühlen bedeutet.

Beim Erstling "Silver" von Hermetrik scheitert daher jeder Versuch, die Norddeutschen in irgendeine Schublade zu pressen. Hört man sich das erste Stück "Trouble" an, kommen einem Referenzpunkte von U2 bis Retrowave in den Sinn. Doch schon das nachfolgende "Skeleton" könnte sich als veritabler Hit für die Schwarzen Clubs entwickeln, und "Shadows" verweist zumindest in den beklemmenden Strophen deutlich auf The Cures Alptraum-Nummer "A Forest". Bei allen Zitaten, ob nun versteckt oder offensichtlich, hinterlässt "Silver" aber eine angenehme eigene Duftmarke. Grund dafür ist ein absolut freier Umgang mit dem musikalischen Erbe. Bemerkenswert ist vor allem das Duell zwischen maschinell generierten Beats und einem trockenen und gleichzeitig auf den Punkt gesetzten Schlagzeugspiel von Ingmar Allhoff, der den rockigen Gegenpart zu den ätherisch angehauchten Kompositionen bildet. Kai Hülsmanns hohe Stimmlage verleiht den Songs Post-Punk-Charme, ohne aber in einen schwermütigen Fatalismus zu verfallen. Diese Fakten sprechen für Hermetrik und ihrem Debüt, das nach Bands wie Hurts, Northern Lite oder Palast versucht, zwischen Melancholie, Pop-Appeal und Indiekredibilität eine Schnittmenge zu finden. Dass den Jungs das gelingt, liegt nicht zuletzt auch an einer leichtfüßigen Kompositionsmethode mit Hauptaugenmerk auf mitreißende Melodien. Ob die nun von Gitarren ("Future") oder Synthesizern ("Never Stop") eingespielt werden, ist da fast zweitrangig. Eigentlich sollte man "Silver" aufgrund ihres großen Potenzials in "Gold" umtaufen.

Wenn es dann doch mal passiert, dass in deutscher Sprache gesungen wird, ist die Gefahr immer groß, in einen stereotypen Schlagerduktus zu fallen oder in einen Indie-Sound für überintellektuelle Eierköpfe zu gleiten, der gleichsam viel und auch nichts sagt. Dass Blindzeile sich sowohl von dem einen als auch der anderen Fallstrick nicht beeindrucken lassen, belegen sie auf ihrem zweiten Album "Bewegung". Dabei wirkt der Titel wie ein schelmisches Augenzwinkern, denn bewegen kann man sich nicht wirklich zum wabernden, in ordentlich Hall eingepackten Gitarren-Sound im Geiste von The XX oder Mazzy Star, der so fluffig wie eine Schönwetterwolkenformation daherkommt. Die superentspannte Saitenbearbeitung würde im Normalfall für die Verhandlung von Liebesthemen herhalten. Die Schweizer jedoch gehen einen anderen Weg, erzählen in ihren metaphorischen Poemen von Sehnsucht, Aufbruch und Stillstand. Dazwischen schaffen sie es aber auch mal, mit kleinen Wortspielereien die selbst gesetzte Dramaturgie der verträumten Nachdenklichkeit aufzubrechen. Musterhaft ist "Im Süden": Erst ein paar Takte Musik, dann: "Die Sonne scheint", dann: noch etwas Musik, dann: "schlecht gelaunt zu sein" - Brüller! Sänger und Texter David Pümpin schafft es scheinbar ohne große Mühe, einen anspruchsvollen Langspieler auf die Beine zu stellen, das auch in klanglicher Hinsicht mit zu den unkonventionellsten und gleichzeitig schönsten Alben dieses Jahres gehört. Wenn schlussendlich die "Blaue Stunde" anbricht, wird Pümpin selbst zu einem geisterhaften Wesen, das wie aus einer anderen Welt zu uns von Abschied und Heimatsuche singt und "Bewegung" zu einem scheinbar flüchtigen Traum macht. Tatsächlich ist das Album aber so real wie nur was. Und das ist auch gut so.

Sehr viel Realität bricht indes ebenfalls bei Jan Frisch ein. Der Gitarrist der Alin Coen Band beobachtet mit seiner eigenen Band Keine Übung sowohl unsere gesellschaftlichen Absonderlichkeiten als auch die aktuellen musikalischen Strukturen. Am Ende steht da das klanglich wie linguistische Monsterwerk mit dem vielleicht krassesten Albumtitel ever: "Singer-/Songwriter zu Pflugscharen". Das angedeutete sozialistische Zitat ist aber nur eine Finte. Denn die fiebrig-lärmenden Krachnummern vermitteln eher das Bild des Singer-/Songwriter-Genres, das von den Pflugscharen ordentlich bearbeitet und zerhäckselt wird. Am Ende dekonstruiert Keine Übung so ziemlich das ganze popmusikalische Verständnis. Strophe und Refrain? Müssen nicht sein, sind sowieso nur für Weicheier! Reimschema? Das ficht Jan nicht an. So pfeifen Stücke mit wohlklingenden Namen wie "Würde es ihnen ausmachen draußen weiterzutelefonieren", "Katastrophenmeldung vom Luxusdampfer der Unannehmlichkeiten" oder "Bluesfasching in Holzdorf" auf jegliche Eingängigkeit und schlagen derart viele Haken, dass es für den Hörer eine Herausforderung ist, immer mitzukommen. Mit einer gehörigen Portion Selbstironie zieht Keine Übung dann auch ihren eigenen Werdegang durch den Kakao. "Viel Erfolg mit der Musik", so heißt auch das Label, auf dem sie beheimatet sind, liest sich wie ein Konglomerat aus verschiedenen Absageschriften an die Band, vorgetragen in Frischs typischem Duktus, der seine Vortragsgeschwindigkeit und Stimmfarbe in Bruchteilen einer Sekunde zu ändern vermag. "Singer-/Songwriter zu Pflugscharen" ist ein tönernes tabula rasa der forschesten Art und haut erst einmal alles kaputt, was bei den Liedermachern so hübsch anmutet. Schon allein deswegen kann man sich diesen kleinen Wortwitz nicht verkneifen, um die Band knapp zu skizzieren: Achtung! Das ist Keine Übung!

Nicht weniger textlich verschwurbelt, wenngleich musikalisch dann doch etwas greifbarer geht es bei dem selbstbetitelten Album der Komplizen der Spielregeln zu, einer Band aus der Narrenhochburg Köln. Höchstwahrscheinlich würden sie dem flachwitzigen Treiben der fünften Jahreszeit jedoch eher den Rücken kehren und sich in ihren kleinen Kosmos verkriechen, in dem sie alles hinterfragen, indem sie nicht fragen, sondern in zusammenhangsloser Lyrik den Hörer zum großen Ganzen führen möchten. Die Wahl der musikalischen Waffen wechselt dabei mit jedem neuen Song. Während "Top-Content" eigentlich Kraut-Rock sein will, wird das dekonstruierte Liebespoem "Oh Lucy" mit einem aufgepeppten 90s-Euro-Dance in eine ganz andere Richtung gezogen. Wenn nachfolgendes "Reichlich" mit hinkendem Flummibeat, quietschigen Sequenzen und - höhö - reichlich Text auf den Hörer einschlägt, erinnert man sich an die erfrischenden Indietronic-Absurditäten von Deichkind oder der leider nicht mehr existierenden Mediengruppe Telekommander. Auch "Galore" zeigt unter Samplerverwendung und rollendem Bass uns die Möglichkeit des Protests auf einer Metaebene. Denn das selbstbetitelte Album ist eine fortwährende Negierung der Absolutheit. Selbst "Am Silberberg 0", der in sanftem Vierviertel-Beat und seidenweicher Elektronik fast schon im Begriff der Selbstauflösung zu sein scheint, will sich nicht einer klaren Darstellung anbiedern und gibt sich ebenfalls anarchisch. Dass am Ende dann doch eine Pop-Platte entstanden ist, mag die größte Überraschung sein. Andererseits: Es ist die logischste Form der Rebellion. Denn willst Du, dass sich die Menschen hinterfragen, müssen sie erst einmal in Sicherheit gewogen werden. Und das geht nun mal am besten mit einschmeichelnden Melodien für Millionen.

Damit wuchern auch The Slow Show auf ihrem dritten Werk "Lust And Learn" - und zwar dergestalt, dass sie Piano, Streicher, Bläser, Chöre und was sonst noch einem vollmundigen Pathos dienlich ist, in ihre Kompositionen packen und daraus ein der Melancholie huldigendes Manifest auf die Beine stellen. Schon im Cover, das ein wenig an die Romantik eines Caspar David Friedrichs angelehnt ist, sind die Verweise auf Einsamkeit und Kontemplation verhandelt. Und diese kulminieren erstmals in Rob Goodwins brüchiger Stimme bei "Eye To Eye", die immer so klingt, als müsste er gegen einen dicken Kloß im Hals ankämpfen. Davor loten The Slow Show im Instrumental "Amend" die möglichen Ränder ihres weltschmerzlichen Indie-Pop aus, der mit leisen, zaghaften Momenten beginnt, um gegen Ende ein feierliches Arrangement zu kredenzen, in dem sich die Niedergeschlagenheit zum essentiellen Wesenszug der Menschheit (und vielleicht auch Menschlichkeit) ausformt. Auf der nicht gerade üppigen Schnittmenge aus Tom Waits, Nick Cave & The Bad Seeds, Leonard Cohen, Get Well Soon, Arcade Fire und Smith & Burrows breitet sich das gebürtig aus Manchester stammende Quartett (Goodwin ist mittlerweile nach Düsseldorf übergesiedelt) genüsslich aus und lässt so viel Empfindsamkeit zu, dass man vor Selbstmitleid geradezu besoffen ist. The Slow Show beherrschen wie kaum eine zweite Band die Kunst der strukturellen Dramaturgie innerhalb eines Songs. Leise, innige Momente wechseln mit fulminanten Partituren ab, in dem anschwellende Chöre von einer vermeintlich universellen Rettung unserer Seelen künden ("Low", "Places You Go") oder ein Gewitter aus Geigen und Trompeten im Stande ist, einen zu reinigen oder zu zerstören ("Exit Wounds", "Loser's Game"). Am Ende hält der Albumtitel sein Versprechen. Hier wird die Lust an der Trauer zelebriert - und man lernt, dass man von einem scheinbar nicht greifbaren Sound dennoch ergriffen sein kann.

Wenn aber selbst nicht mal mehr Worte zu erklären vermögen, was Klänge in einem bewirken, muss man doch die Naturwissenschaft zu Rate ziehen. Das klingt zunächst nicht nachvollziehbar, wird aber angesichts von "The Sound Of CBD" unabdingbar. Denn hier wird versucht, Cannabidiol - kurz CBD - hörbar zu machen. Dabei handelt es sich um eine Molekülverbindung in der weiblichen Hanfpflanze, die aber nicht psychoaktiv ist. Ihr wird entkrampfende, entzündungshemmende und angstlösende Eigenschaften zugesprochen. Außerdem helfe es gegen Übelkeit. Was also als Molekül gut ist, kann doch als Musik nicht schlecht sein. Und da tritt nun Mathematik und Chemie auf den Plan. Um es auch dem Laien so verständlich wie möglich zu machen: CBD schwingt mit einer gewissen, sehr hohen, Frequenz. Mittels der sogenannten "kosmischen Oktave" springt diese Frequenz nun auf ihre niedrigeren Frequenz-Pendants runter. Dies wird so oft wiederholt, bis diese Schwingungen für das menschliche Ohr wahrnehmbar werden. Wie sie dann genutzt werden, ist dabei jedem selbst überlassen. So haben auf "The Sound Of CBD" vier Musiker - Planetary Cymatic Resonance, B.Ashra, Motom und Akasha Project - ihre Geräte auf die oktavierte Schwingung des CBD-Molekül eingestimmt. In ihren knapp 20-minütigen Kompositionen lösen die Künstler die Rhythmen weitestgehend auf und konzentrieren sich auf breite Klangflächen und Drones, lediglich Motom lässt einige Störgeräusche zu. Insgesamt bleibt aber wieder einmal nur die Erkenntnis, dass sich in diesen wie Zeitlupen ablaufenden Stücken der Körper reinfallen lassen kann und dass sich tatsächlich etwas in einem verändert. Was genau das ist, lässt sich nicht beschreiben. Es ist ein musikalisches Paralleluniversum, in das man immer wieder eintreten möchte.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 26.11.19 | KONTAKT | WEITER: VARIOUS ARTISTS "DREAMS TO FILL THE VACUUM">

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Covers © Le Papaguy Records (Hermetrik), Poisonic (Blindzeile), Viel Erfolg mit der Musik (Keine Übung), Offshore Tabernakel Records (Komplizen der Spielregeln), PIAS/Rough Trade (The Slow Show), Klangwirkstoff (VA "The Sound of CBD")

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