ROBERT SCHROEDER "EVOLUTION" VS. REINHARD LAKOMY "AËR": KLING UND KLANG IN OST UND WEST - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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ROBERT SCHROEDER "EVOLUTION" VS. REINHARD LAKOMY "AËR": KLING UND KLANG IN OST UND WEST

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Seine musikalische Vita reicht schon bis weit in die späten 1970er zurück, wo er unter anderem für sein Vorbild Klaus Schulze verschiedene elektronische Geräte zusammenbaute. Daneben sendete er auch erste musikalische Lebenszeichen, die deutlich im schulz'schen Dunstkreis anzusiedeln waren. Doch so richtig aktiv ist Robert Schroeder erst Mitte der 00er Jahre geworden - mit einem immensen Output von bis zu vier Veröffentlichungen im Jahr (teilweise unter dem Pseudonym Food For Fantasy).

Der Schaffensdrang des gebürtigen Aachener, der mittlerweile auch schon jenseits der 70 ist, mag anscheinend nicht enden wollen. Nun laufen Musikerinnen und Musiker natürlich auch Gefahr, durch eine zu hohe Veröffentlichungsdichte sich selbst zu wiederholen. Das ist bei Schroeder sicherlich nicht der Fall. "Evolution" belegt dies und winkt qua Titel mit dem Zaunpfahl: Es ist die eigene musikalische "Evolution", die der Klangtüftler hier beschreibt. Seine epischen Instrumentale, die nie die Fünf-Minuten-Grenze unterschreiten (was im Zuge von vertiktokten Neuronen, die nur noch wenige Sekunden Aufmerksamkeitsspanne aufrecht erhalten können, sicherlich für einige eine Herausforderung darstellen wird), zeigen sich erneut der Tradition verpflichtet und der Innovation zugewandt.

Als "Meditation über Veränderung, Zeit und inneres Erleben" beschreibt der Künstler selbst sein Werk und trifft damit natürlich genau ins Schwarze. Seine Stücke besitzen opulente Melodiebögen, die von eher zurückhaltenden Rhythmen begleitet werden. In "Flight Of Illusions" arbeitet er auch mit einzelnen menschlichen Geräuschen, die er kunstvoll in die Kompositionen einbaut. Der Titelsong entfaltet sich über leicht verhallte Plucks und weiche Pads, die sich immer weiter nach oben schrauben und das Publikum in einen schwerelosen Zustand versetzt.

In den neun Stücken des Albums spiegelt sich natürlich Schroeders ganzes musikalisches Wissen aus fast fünf Dekaden wider. Mit einer schlafwandlerischen Sicherheit erschafft er mit seinen Maschinen lustvolle und melodiebesoffene Kleinode, deren Ziel vor allem die Tiefenentspannung ist. "Evolution" empfiehlt sich daher im abgedunkelten Raum zu hören, um den detailverliebten Klangkosmos ohne äußere Störung auf sich wirken zu lassen.

Für Reinhard Lakomy war die elektronische Musik nur ein Betätigungsfeld von vielen. Mit "Der Traumzauberbaum" erschuf er ein bis heute noch beliebtes Kinderhörspiel, komponierte über 300 Filmmusiken und hatte seine Wurzeln eigentlich im Jazz. Doch seine elektronischen Ausflüge waren bedeutend - vor allem in der ehemaligen DDR. Denn er war der erste, der elektronische Instrumentale einspielte. Seine Inspiration damals: Tangerine Dream - ebenfalls Aushängeschilder der Berliner Schule.

Lakomy, der in diesem Jahr 80 geworden wäre (er starb leider bereits 2013 an Krebs), veröffentlichte "AËR" nach der Wende, anno 1991. Das ist dem Werk anzuhören. Seine Stücke leben von einem sehr feinen Laut-Leise-Verhältnis, was den Nummern eine ganz eigene Dynamik verleiht. Bevor neue Studiotechnik den "Loudness-War" eröffnete, besaßen Songs wie jene Lakomys mehr Kontur, klangen nicht so "breiig" wie manch aktuelle Produktionen. "AËR" ist ein treffendes Beispiel dafür, was der Welt an Klangfeinheit verloren gegangen ist.

Das Werk, bestehend aus Songs, deren Titel Gemälden hätten entstammen können ("Stille mit italienischen Gedanken", "Sonntagsanzug im frühwarmen Winde", "Heimweh (auf monotonem Xylophon)"), verweisen auf die epische Breite seiner Stücke, die sich über wohlfeile Melodiebögen definieren und die Grenzen zwischen Elektronik und Orchesterklang aufheben.

Die flirrenden Töne, die aus den Sinuskurven moduliert wurden, reicherte der Musiker mit verschiedenen anderen Elementen an, sodass sich eine sehr eigenständige Klangsprache entwickelte, die bisweilen an die pastelligen Tonbauten eines Michael Rothers erinnern und wie bei "Der alte Baum" fast schon kitschig verträumt klingen - aber niemals so ganz in ein klebrig-süßes Timbre abdriften. Dafür sorgen sinistre Werke wie "Koyanis", das mit seinen Streichern ein bisschen die Filmmusik von "Der weiße Hai" eingedenkt - zumindest am Anfang - und dem wagnerianischen Titelsong mit seinen üppigen Arrangements.

Dass "AËR" es seinerzeit zu keiner größeren Bekanntheit schaffte, lag vor allem am Label Erdenklang aus Hamburg, dessen Breitenwirksamkeit eher überschaubar war. Zugegeben: Dem Album fehlte der trendige Dance-Sound jener Zeit. Doch während viele Songs nach 35 Jahren deutlich schlechter gealtert sind, besitzen Lakomys Stücke nach wie vor eine zeitlose Frische. Es ist daher nur folgerichtig, "AËR" wieder zuveröffentlcihen - über das Label Lacky Musik, deren Betreiberin Reinhards Ehefrau Monika ist.

Elektronische Musik kann so vieles sein: experimentell, surreal, tanzbar, martialisch - und wie im Fall von Robert Schroeder und Reinhard Lakomy cineastisch bis tiefenentspannt. Anscheinend ist besonders dieser Teil im bundesdeutschen Gebiet sehr beliebt, was auch an den vielen qualitativ hochwertigen Veröffentlichungen liegt, zu denen "Evolution" und "AËR" zweifelsohne gehören.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 02.10.26 | KONTAKT | WEITER: CULK VS. DIE ANSTALT>

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Robert Schroeder ist hier erhältlich:

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