SOFT CELL UND "MARTIN": NON-STOP HORROR PICTURE SHOW - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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SOFT CELL UND "MARTIN": NON-STOP HORROR PICTURE SHOW

Kling & Klang > HINTER DER MUSIK > ZWISCHEN DEN ZEILEN

Die Party ist vorbei! Das "Non Stop Erotic Cabaret" hat seine Pforten geschlossen. Doch Marc Almond und David Ball alias Soft Cell verschwanden selbstverständlich nicht sang- und klanglos von der neonbeleuchteten New-Romantic-Bühne. Zwar musste der weitaus düsterere Nachfolger “The Art Of Falling Apart" ohne hormonell aufgeladene Gassenhauer der Marke "Tainted Love" oder "Bedsitter" auskommen, bot dafür aber jede Menge fatalistisches Drama, apokalyptische Schwanengesänge – und "Martin", jenes herrlich schräge, augenzwinkernde Stück Grusel-Pop, das seinerzeit als Bonus-Single dem Album beigefügt wurde.

Mit einem schepperndem Hämmern aus der Ferne öffnet sich der tönerne Vorhang und gibt den Blick auf das Schreckenskabinett frei. Genretypische Horrorgeräusche gesellen sich zum monotonen, von Paukenschlägen durchkreuzten Schlagwerk hinzu und bereiten das unheilschwangere Szenario vor. Wie aus einem alten Telefon erklingt die Stimme einer Frau: "Martin Is Talking To You".

Es ist der bewusst klischeebeladene Prolog einer Schauermär, die sich mit jeder fiebrigen Sekunde steigert und an paranoider Intensität kaum zu überbieten ist.


Doch der Reihe nach: Wer ist dieser Martin überhaupt?

Marc nimmt uns an die Hand: "Martin Is A Boy With Problems. Martin Has A Familiy History." Das hört sich zunächst eher nach einer typischen Coming-Of-Age-Geschichte an. Doch der Schein trügt.

Immer stärker gerät der Sänger – und geraten somit auch die Hörer – in den seltsamen Gedankenkosmos des Protagonisten, der nur schlafen kann, wenn das Licht an ist – weil er zu viele "Creepy Films" gesehen hat.


Von einer "Strange Obsession" berichtet der Soft-Cell-Frontmann, die Martin regelmäßig überfällt. Er will sich ihr mit aller Kraft erwehren, braucht sie aber gleichzeitig wie die Luft zum Atmen.

Das eingestreute "Kill!" lässt keinen Zweifel mehr zu: Martin ist ein Besessener.


Almonds Organ fängt die Angst des Besungenen vor seiner zombieesken Andersartigkeit perfekt ein. "Martin Has Hallucinations, Dreams That He's Dead", lässt er den Hörer mit bebender Stimme wissen. Martin – ein Untoter mit einer "Shivering Lust For Blood"? Das klingt nicht von ungefähr nach dem gleichnamigen Horrorfilm des Kult-Regisseurs George A. Romero. Dieser handelt nämlich von einem jungen Mann, der Frauen tötet, um sich nachher an ihnen zu vergehen und ihr Blut zu trinken. Offensichtlich ließ sich der Sänger von diesem feinen Schreckensstreifen aus dem Jahre 1977, der sich auch als filmische Kritik am Horrorgenre versteht, inspirieren.

Allerdings wäre eine bloße Zusammenfassung der Story viel zu trivial für Soft Cell gewesen. Stattdessen wechselt das britische Duo im Verlauf des Songs die Erzählperspektive.

Die ersten dreieinhalb Minuten lang wird noch bilderreich Martins labiler Geisteszustand geschildert. In den kommenden, verbleibenden sieben Minuten taucht Marc Almond dann in die Figur ein und spielt die ominösen Stimmen durch.

Sieben quälende Minuten lang sind wir hautnah dabei, während sich die Psychose unseres pathologischen Teenagers langsam aber sicher steigert.


Die musikalischen Mittel dazu sind so einfach wie genial. Eine immer wiederkehrendes Thema, begleitet von manisch-stoischen Beats und versprengten Kesselpauken, baut sich aus den subbassigen Tiefen der Synthesizer auf. Darüber prangen die schneidenden Klänge künstlicher Blas- und Streichinstrumente. Und immer wieder ruft Almond seinen Protagonisten.

Mal beschwörend, mal sirenenhaft, mal kreischend, mal wispernd - man hört dem zierlichen Frontmann seine Freude an dieser Nummer an, in der er sich stimmlich wunderbar austoben kann.

Immer stärker überlagern sich die Rufe, bis am Ende alles wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Wie scharfe Pfeile aus sämtlichen Ecken und Enden der Lautsprecherboxen schießt es dem Hörer noch mal entgegen: "Kill!" Es hat den Anschein, als wäre Martin wieder zur Tat geschritten, um die dämonischen Stimmen verstummen zu lassen. Doch ganz genau wissen wir es nicht. Nur noch die Frau am Telefon ist zu hören, wie sie irritiert in den Telefonhörer spricht: "Mart? Anybody still here?"

Doch da hat unser nekrophiler Adoleszenter die Szenerie bereits verlassen – und sich vielleicht schon sein nächstes Opfer gesucht...


|| TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 23.09.2014 | KONTAKT | WEITER: ULTRAVOX UND "MR. X" >


FOTO © UNTER.TON/ANTJE BISSINGER.



                                                                               
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